Das Leben hat uns (XL) Im Alter lebt es sich gefährlich

Ilse Holtmann wurde am 24. September 1914 in Berlin geboren. Bis heute ist sie als Schauspielerin tätig. Seit dem Tod ihrer Mutter vor 30 Jahren lebt sie allein. Frau Holtmann hat viele Freunde und Bekannte, dennoch weiß sie: Ein alter Mensch ist schutzlos, wenn er alleine lebt

"Vor zwei Jahren", erzählt Frau Holtmann, "sprach mich eine Polin auf der Straße an. 'Ach, ist der süß.' Sie meinte meinen Hund . 'Beißt der?' Erster Fehler meinerseits", sagt Frau Holtmann, "nein, der beißt nicht, er ist ganz lieb. Die Polin wich nicht von meiner Seite und vor meiner Haustür angekommen, beging ich den zweiten Fehler, nur daran denkend, sie los werden zu wollen. 'Hier wohne ich, ich muss jetzt da hoch.'" Frau Holtmann rollt mit den Augen. "Ist doch klar, jetzt brauchte sie nur in einem der Geschäfte fragen, wer die Dame mit Hund ist. Sie hatte sich mir mit Namen vorgestellt, Wanda Sowieso. Am nächsten Tag klingelte sie Sturm. Ich fragte, was denn los sei."

Frau Holtmann ahmt den dramatischen Tonfall der Stimme nach, die durch das Haustelefon an ihr Ohr drang: "'Hier ist Wanda, wir haben uns gestern kennengelernt, mein Hund, der Benny, wird doch nicht etwas sterben? Sie haben bestimmt die Adresse von einem guten Hundearzt. Bitte geben Sie die mir doch!' Als ich ihr den Namen diktierte, tat sie so, als würde sie nicht verstehen und sagte: 'Ich komme schnell rauf.' Bums, stand sie vor meiner Tür. Bums, war sie in der Wohnung. Bums, wollte sie einen Kugelschreiber."

"Sie kam nur bis zur Küchentür. Ich behielt meine Handtasche mit den Papieren und Geld im Auge und dachte, da kommst du mir nicht hin. Sie schrieb und schrieb. Fragte umständlich nach - 'Fasanenstraße mit 'V' oder mit 'F'?' Nur nicht die Tasche aus den Augen verlieren, dachte ich. Sie hatte die Eingangstür offen gelassen, ich fragte: 'Wer ist denn da draußen? Da geht doch immer einer auf und ab?!' '‚Ja, das ist meine Freundin', antwortete Wanda, als wäre das normal, 'komm nur herein, bin gleich fertig', rief sie, bums war die auch hier drin. Nun waren sie zu zweit!"

"Die Zweite zieht ein großes Stück Stoff aus einer Tüte, kommt mir nahe und hält es mir ausgebreitet vor die Augen. 'Ist das nicht ein schöner Stoff', sagt sie, 'habe ich gerade gekauft!' 'Nehmen Sie den Stoff da weg!', ich werde laut, reiße ihn ihr aus den Händen, sie jammert, 'jetzt haben Sie meinen Stoff zerrissen!' 'Mir reicht es. Sie verlassen sofort meine Wohnung!' Überlege, wo ich das nächste Küchenmesser zu greifen kriege.

Ich war nun schon ein bisschen ängstlich. Sie wechselten ein paar polnische Worte und verschwanden. Ha, dachte ich, Tasche und Papiere sind gerettet. Der Hund hatte natürlich nett geschwiegen. Ich ging ins Schlafzimmer - was war denn da los! Der Schreibschrank stand sperrangelweit offen, Papiere lagen auf der Erde, das Geld war weg. Natürlich - ich begriff - da war eine Dritte gewesen. Als ich den Stoff vor den Augen hatte, muss die auf dem Boden entlang direkt ins Schlafzimmer gekrabbelt sein."

Frau Holtmann atmet tief durch, trinkt einen Schluck Earl Grey. "Das ist noch nicht alles", sagt sie und hebt zu einer neuen Geschichte an.

"Neulich bekam ich folgenden Anruf: 'Mein Name ist Peters von der Commerzbank.' Und in süßlichem Ton: 'Sie sind ja eine unserer liebsten und längsten Kunden, ich kenne Sie ganz genau, Frau Holtmann.' Kenne keinen Peters, ich forschte in meinem Gedächtnis nach, merke mir jedoch keine Namen von Bankangestellten. 'Ich möchte Ihnen Bescheid geben, Frau Holtmann, die Commerzbank macht morgen einen großen Stichtag und da wäre es gut, Sie würden Ihr gesamtes Guthaben abheben und am andern Tag wieder einzahlen.' 'Warum denn das?' 'Sonst müssen Sie mehr Prozent Zinsen zahlen.' Ist ja komisch, dachte ich. 'Also ich erwarte Sie um 12 Uhr vor der Bank.' Da bin ich natürlich nicht hingegangen. Um 12 Uhr 15 rief er wieder an. 'Sie sind nicht gekommen', sagte er in beinahe anklagendem Ton. 'Sicher nicht', rief ich und legte auf. Was hätte er wohl getan? Wahrscheinlich wollte er mir ordentlich eins auf den Kopf geben und mit meiner Handtasche verschwinden. Bin später zur Bank und die kannten keinen Peters."

"Aber ich bin noch nicht fertig", mahnt Frau Holtmann. "Vor acht Wochen, ich kam gerade von einer Reise nach Hause, klingelte das Telefon. 'Hier ist die Polizei. Frau Holtmann? Frau Ilse Holtmann?' 'Ja doch', sagte ich. 'Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass bei Ihnen eingebrochen wurde.' 'Wie bitte?', fragte ich, 'das ist doch absurd.' 'Ist Ihnen vielleicht noch nicht aufgefallen, Sie waren ja verreist.'" Frau Holtmann grinst. "Wussten die alles! Unbeirrt fuhr er fort: 'Wir haben den Täter. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir wollen nur wissen, wem die Sachen gehören, die er bei sich hatte. Er hat in Ihrem Haus und im Nachbarhaus eingebrochen. Hat er gestanden.' Fand ich komisch. 'Er hatte große Geldscheine bei sich. Haben Sie große Geldscheine zu Hause?'" Frau Holtmann lacht. "Sagte ich: 'Nein, habe ich nie zu Hause.' 'Und einen wertvollen Brillantring? Haben Sie wertvollen Schmuck zu Hause?' 'Nein, wertvollen Schmuck habe ich keinen.' So fragte er weiter, bis er das Gespräch mit einer Entschuldigung beendete. 'Um Gottes Willen, tut mir leid, ich suche ja eine Else Holtmann, habe mich geirrt.' 'Blödsinn', dachte ich, 'der Kerl wollte wissen, ob sich bei mir ein Einbruch lohnt.'"

Frau Holtmann schweigt, ihre Augen funkeln mich wissend an. "Über mir wohnt eine 102- Jährige. Schon zweimal wurde sie vor dem Fahrstuhl überfallen. Einer stieg mit ihr ein und nahm ihr Geld. Ja, wir leben gefährlich. Kann man nichts machen."

* Mit diesem Besuch beenden wir unsere Serie "Das Leben hat uns". Doch das Leben der Menschen in Deutschland interessiert uns auch weiterhin. Daher wird Susanne Simon vom 28. März an Migranten besuchen, die von ihrem Leben zwischen zwei Welten erzählen

 
Leser-Kommentare
  1. 1. \N

    Liebe Frau Simon,
    mit Enttäuschung habe ich gelesen, dass Ihre Serie über die alten Menschen zu Ende geht. Ihre Geschichten haben mich sehr berührt. Es hat mir Freude gemacht, jede Woche in die Welt der Alten eintauchen zu können. Sehr einfühlsam geschrieben.
    voller Bewunderung
    mit den besten Grüßen!
    Henning von Vangerow
    Dipl.-Psychologe und Psychotherapeut

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  • Quelle ZEIT ONLINE, 7.3.2006
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