Herr B. ist 88 Jahre alt und lebt seit drei Jahren in einem Altersheim in Weinheim an der Bergstraße. Das Nachdenken kostet ihn Mühe. Sein Körper zittert, als würde sich ein Schmerz in ihm bewegen, der ihn beinahe überfordert, aber weich werden ließ. Für die Weichheit hat er noch keine neue Sprache gefunden.© Eberhard Weyel

Schritte orten. Habe das Personal gebeten, die Tür offen zu lassen. Kommt da wer von links den Gang hinunter, könnte es Frau Baerwald sein mit vorsichtig gesetzten Schritten? Das würde mich doch sehr freuen, wenn sie mich zum Essen abholt, sich vorher auf meine Bettkante setzt, um zu reden. Wir kennen uns nun anderthalb Jahre. Wenn ich ihr ein Kompliment mache, ihr sage wie schön sie singen kann, wird ihr Gesicht ganz hell.

Der Mensch braucht die Gemeinschaft, das wird mir hier klar.

Und er braucht eine gewisse Zeit, um sich irgendwo einzuleben, und diese Zeit habe ich hinter mir. Da muss man sich schon aus sich heraus bewegen. Am Anfang war das schwierig im Speisesaal. Der Platz am Vierertisch wird einem zugewiesen und man kennt keinen. Gestern habe ich der Baerwald Cola aus meinem Glas angeboten. Einen winzigen Schluck hat sie genommen. Da habe ich sie aufgefordert, mal ordentlich auszutrinken. Guckt sie mich an: »Jawohl, zu Befehl!« Trinkt aus und singt: »Aber nein, aber nein, ich küsse nie.« Da habe ich zurückgebrummt: »Sie war das allerschönste Kind, das man in Polen find.« Das ist ihr Lieblingslied. Sie macht sich über mich lustig. Darf man nicht empfindlich sein.

Ich war Oberfeldwebel bei der Wehrmacht in Berlin. Bin mit 21 Jahren eingezogen worden. Habe am Polenfeldzug, am Frankreichfeldzug und am Russlandfeldzug teilgenommen. Nach dem Krieg habe ich verstanden, das war ein Idiot, wie auf Gottes Boden nicht vorher und nicht hinterher einer gekommen ist. Wenn der Führer schlechte Nachrichten bekam, hat er sich auf den Teppich geschmissen und in den Teppich gebissen. Der hieß bei uns der Teppichbeißer. Seit 45 ist die Führung in richtigen Händen, sicher gibt es Fehler in der Politik, aber das Opfern von Millionen Menschen wird nicht mehr passieren.

Hannover an der Leine, da haben die Mädchen schöne Beine. Noch keine Baerwaldschrittchen zu hören. Sie schiebt mich gerne im Rollstuhl durch die Gegend. Weihnachten wollte mich die Heimleiterin aus der Kapelle fahren, da hat die Frau Baerwald aber geguckt. Wenn Blicke töten könnten. Die Heimleiterin ist eine schöne Frau, erst 52 Jahre alt. Bei Festen fordert sie auch mich zum Tanz auf. Nimmt meine Hände und tanzt. Ach das ist ein Feuerwerk. Das Leben. Bei ihr geht mir schon das Herz auf. Aber auch bei der Frau Baerwald. Wo bleibt sie jetzt nur?

Ich kann nicht schnell nachschauen, da muss ich erst um Hilfe klingeln, dann hält mich einer am Arm, wir zählen auf drei und mit Schwung raus aus dem Sessel, zack hoch, stehe ich, halte mich am Gehwagen fest. Das ist eine Begrenzung. Deshalb komme ich auch aus dem Heim kaum noch raus. Aber hier drin ist jeder dafür selbst verantwortlich, ob er in die Gemeinschaft rein kommt.