Frau Hausner, geboren 1907 in Berlin, zog 1925 zu ihren Eltern nach Niederländisch-Indien, dem heutigen Indonesien. Ihr Vater war Elektroingenieur und zuständig für mehrere Zuckerrohrunternehmen auf der Insel Java und baute später das erste javanische Elektrowerk mit auf. Auf der Insel Borneo traf sie ihren zukünftigen Mann, einen Schlesier. Ihre Töchter waren zweieinhalb und fünf Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg 1940 ihrer glücklichsten Zeit ein jähes Ende setzte. Heute lebt Frau Hausner allein in ihrer Berliner Wohnung.© Eberhard Weyel

"Meine jüngere Tochter, die jetzt 67 Jahre alt ist, hält mir seit einigen Wochen ein Mikrofon vor den Mund. Sie will noch einmal Teile zusammensetzen aus ihrem frühen Leben, also aus unserem, und Wurzeln suchen. 'Mensch, Herzchen, hör auf zu graben!', sag ich. 'Das macht mich krank.'

Ich freue mich, wenn mein Enkel mir Rosen bringt, und bange, dass ich erblinde. Inzwischen koche ich mit der Lupe. Ich habe meinen Kindern gesagt: 'Bevor ich blind bin, nehme ich Gift.' Das Dumme ist, ich sagte das schon vor 20 Jahren. Also mir reicht vollständig was jetzt ist. Zu spät. Meine Tochter ist gegangen mit meinen Worten auf Kassetten und ich sitze allein im Sessel mit Gesprächsfetzen im Kopf. 18 Uhr.

Um diese Zeit bin ich vor 70 Jahren über das Gelände der Zuckerrohrplantage, wo ich mit meinen Eltern lebte, zum Tennisplatz gerannt. Leichtfüßig und glücklich. Mein Vater hatte Flutlicht einrichten lassen, damit ich mit Holländern anderer Unternehmungen bis in die Nacht spielen konnte. Mein Leben war damals einfach. Ich musste meinen Eltern deutsches Mittagessen kochen und nachmittags an der Hausmusik meines Vaters teilnehmen. Er spielte Geige und ließ regelmäßig seinen Buchhalter rufen, der ein sehr guter Cellist war. Ich begleitete die Herren auf dem Klavier. Sonst war ich frei und konnte machen was ich wollte.

Manchmal habe ich Futter in den Aschenbecher gestreut, der auf dem Schreibtisch meines Vaters stand, um kleine Geckos anzulocken. Tschiktschaks heißen die. Die Tierchen sind so durchsichtig, dass man die Eier in ihrem Bauch sehen kann. Sie haben das Futter gegessen, Eier in den Aschenbecher gelegt und sie von der Sonne ausbrüten lassen. Ich habe zugeguckt, wie die kleinen Wesen schlüpfen. Bei Menschen kann man schwer sehen was sie ausbrüten. Da muss man schon hellsichtig sein, wie es meine Mutter war, und die war es gegen ihren Willen.

Eines Morgens kämmte sie ihr Haar und betrachtete sich dabei im Spiegel. Plötzlich sah sie statt ihres Spiegelbilds eine Abfolge von Szenen, die zeigten, wie ihr Mann von einem Inländer überfallen wird. Sie erzählte ihm nichts davon, um ihn nicht zu verunsichern. Ein halbes Jahr später rief mein Vater seinen Mandur, so nannte man einen inländischen Aufseher, zu sich. Der liebte die Frauen und war selten auf der Unternehmung zu sehen. Er warnte ihn: 'Wenn du nicht aufpasst, sondern immer nur bei den Frauen bist, muss ich dich entlassen.' Der Mandur schwieg und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Er sah meinen Vater mittags allein über das Gelände laufen, die kleine Landbahn, die auf der Unternehmung fuhr, tutete hinter ihm, mein Vater drehte sich um und der Mandur schlug zu - mit einem für die Gegend typischen Messer, kurzer Griff und lange Scheide. Das Ohr war halb durchgeschlagen und der Schädel zum Teil skalpiert. Mein Vater hat es überlebt, und der Mandur wurde schwer bestraft. Es gibt überall schlechte Leute. Frau Hausners Talisman© Susanne Simon für ZEIT.de

Mein Indonesien, ich liebte das Land und die Menschen!