Dr. Gustav, 85 Jahre alt, lebt im Augustinum, einem bestens ausgestatteten Seniorenstift im Rhein-Neckarraum. Seine braunen Augen blitzen, er bewegt sich anmutig und leicht. Dr. Gustav hält nicht viel von Rückzug und Stille. Leben heißt tätig sein.© Eberhard Weyel

Im Theater des Seniorenstifts stehen sechs Menschen im Alter von 80 bis 95 Jahren auf der Bühne. 2. Akt., 2. Szene. Garten. Einer steht hinterm Strauch und lauscht. Ich spiele den Bösewicht. Der Fürst tritt auf und begrüßt mich. Aber der spricht in irgendeine Richtung und erwischt mich nicht! Da winke ich ihm zu, hallo, hier stehe ich! Jetzt hat er mich gefunden. Ich springe von der Bühne und übernehme ungeduldig die Regie. Klar, den Text müssen wir ablesen, lernen können wir ihn nicht mehr. Aber, sage ich, haltet den Text höher! Ihr steht alle da, als würdet ihr am Galgen hängen!

Wir proben nun seit drei Monaten Wie es euch gefällt von Shakespeare und haben schon zweimal die Premiere verschieben müssen. Macht doch nichts. Es ist wunderbar, dass die Leute den Mut haben, sich auf die Bühne zu begeben. Und als ehemaliger Allgemeinmediziner weiß ich, das ist ein hervorragendes Gedächtnistraining. Die Direktorin spielt die Beatrice. Die macht sich sehr gut auf der Bühne.

Solange ich lebe, möchte ich mein Leben frei gestalten. Auch mit 85. Ich habe hier mein Appartement, zwei Zimmer, Bad, Küche und Abstellraum, Namensschild und Klingel an der Tür und eine traumhafte Aussicht auf die Rheinebene. Ich bin innerhalb des Seniorenstifts Mitglied des Fördervereins, wir planen gerade den Bau einer Brücke, damit es die Leute leichter haben, zu Ärzten und Geschäften zu kommen, das Stift liegt am Hang. Wir sammeln Geld für die Einrichtung eines Kraftraums, Muskelaufbau ist eine Vorsorge gegen Brüche aller Art. Mit drei Bewohnern backe ich Schinkenröllchen für Geburtstagsempfänge und ich habe mich dafür eingesetzt, dass Bilder in den vorher nackten Fluren hängen. In einem leeren Appartement haben wir selbst die Drucke gerahmt. Solange ich atme, brauche ich Aufgaben und Austausch mit Menschen, und hier tausche ich viel. Das alles habe ich, weil ich bereit war, ganz nüchtern eine harte Entscheidung zu treffen: einen neuen mir gemäßen Ort suchen, das Haus verkaufen und das Erbe verteilen.

Vor 16 Jahren gab es einen Wandel in meinem Leben, der sich innerhalb von wenigen Sekunden ankündigte. Ich tanzte mit meiner Frau Tango. Wir waren leidenschaftliche Tänzer und hatten bis dato noch Tanzprüfungen abgelegt. Innerhalb eines Schrittwechsels hatte ich plötzlich das Gefühl, einen Mehlsack im Arm zu halten.

Als Arzt konnte ich mir nichts vormachen: Ich wusste, das ist der Anfang der Parkinsonschen Krankheit. Tatsächlich wurde meine Frau innerhalb kürzester Zeit zum Pflegefall. Ich wurde Haushälter für sie und das riesige Haus, Krankenpfleger, Gärtner und Koch in einem und das für ganze zehn Jahre, in denen sie mir mehr und mehr entglitt. Parkinson in Kombination mit Demenz. Das Haus habe ich nur zum Einkaufen verlassen.

Wöchentlich brachte ich sie zur Fußpflege. Einmal sah sie in einem Schaufenster Modeschmuck und sagte: „Diese Kette möchte ich gerne haben.“ Aber das ist doch Schmuck für junge Mädchen, erwiderte ich überrascht. Du hast so schönen Schmuck zu Hause! „Nie hast du mir etwas geschenkt, kein einziges Schmuckstück“, rief sie laut auf der Straße, so dass es Passanten hören konnten. Ich war furchtbar verletzt - obwohl ich doch Arzt war und das Krankheitsbild kannte. Ähnliches erlebte ich dreimal die Woche.