MODE-MACHER Die Silhouette gibt die Pose vor
Christian Dior entwarf für jede Saison Kleider mit einer neuen Linienführung und erfand damit das Modediktat. Teil 1 unser neuen ZEIT online-Serie über die wichtigsten Modehäuser und Designer.
Als Christian Dior am 12. Februar 1947 die erste Kollektion seines neu gegründeten Modehauses präsentierte, führte er mit der Ligne Corolle eine neue Linie ein. Durch die Bemerkung der Chefredakteurin des Harpers Bazaar, Carmel Snow, - "Ihre Kleider haben einen so neuen Look!" - wurde die Blütenkelchlinie Diors zum New Look : Wadenlange, ungeheuer weit schwingende Röcke, schmal gegürtete Taillen und runde Schultern. Der neue Look war der größtmögliche Gegensatz zu den schmalen, kniekurzen Röcken und den langen Jacken mit breiten Schultern, die in der Nachkriegszeit auf der Straße zu sehen waren. Der Eindruck des Gegensatzes sollte sich fortsetzen, Saison für Saison. Dior ersetzte jede Silhouette in der Folgesaison durch eine andere, nicht selten durch ihr Gegenteil: Auf die Tulpenlinie folgte die Kuppellinie, auf die Maiglöckchenlinie die H-Linie, und auf die A-Linie schließlich die Y-Linie, die das A gewissermaßen wieder umdrehte. Neu war nicht nur der rasche Silhouettenwechsel. Neu war auch, dass man ihn als Diktat verstand - als Modediktat.
Das Kleid, sagte Dior, sei eine "ephemere Architektur, um die Proportion des weiblichen Körpers zu sublimieren". So, wie er die Kleider konstruierte, in diversen Lagen steif abgefüttert, glichen sie in der Tat einem Gehäuse: Jedes Kleid hat die Pose, also die Haltung, die man darin einnehmen konnte, nicht nur unterstützt, sondern geradezu herausgefordert. Dior war der erste Modeschöpfer, der 1948 Lizenzverträge mit prozentualer Beteiligung abschloss. Heute sind die Lizenzen längst zurückgekauft, das Hauptgeschäft wird mit Parfüms und Accessoires gemacht, wie bei den meisten anderen Häusern auch. Ein ganzer Look ist Dior längst nicht mehr.
Als Christian Dior im Jahr 1957 starb, folgte ihm sein Assistent Yves Saint Laurent nach, der mit der Trapezlinie das, was Dior die "Befreiung der Taille" genannt hatte, noch weiter vorantrieb. Es folgten Marc Bohan und Gianfranco Ferré als Chefdesigner. Was den Briten John Galliano, der seit 1996 die Haute Couture und die Prêt-à-Porter für Dior entwirft, mit dem Gründer des Hauses verbindet, ist das Spiel mit der Silhouette und die Hinwendung zur Pose - nur die Zeiten des Liniendiktats sind vorbei. Galliano übertreibt die Pose gern in Richtung Drag, weswegen es bisweilen heißt, seine opulenten Haute-Couture-Inszenierungen mit Inspirationen aus fernen Ländern und vergangenen Epochen dienten vor allem dazu, das Image des Hauses aufzubauen, also: Accessoires zu verkaufen.
Zunehmend aber geht es auch in der Mode wieder um Tragbarkeit - für Christian Dior war das fraglos selbstverständlich. So beschränkte sich Galliano im Defilee für die Sommerkollektion 2006, gar auf einen einzigen Farbton: Nude , Nackt. Den deklinierte er in den verschiedensten Chiffonformungen durch, gesmokt, gebauscht, gerafft, kniekurz oder bodenlang. Für seine Silhouetten bekannt ist bei Dior jedoch ein anderer: Hedi Slimane für Dior Homme. Die sind sensationell schmal, und bleiben so - Saison für Saison.
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- Datum 12.07.2006 - 14:46 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 13.4.2006
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