MODE-MACHER Freiheit, Beweglichkeit, Schwesterlichkeit
Coco Chanel erfand die Kleider für die moderne Frau.
Chanels Mode war immer auch der Praktikabilität geschuldet, nicht zuletzt, weil sie selbst ihre Kleider trug und darin "das Leben dieses Jahrhunderts lebte" - also arbeitete, Sport trieb, ausging und reiste. Die Humpelröcke Paul Poirets wären ihr ebenso hinderlich gewesen wie die surrealistische Mode ihrer Konkurrentin Elsa Schiaparelli. Chanels Credo war Sachlichkeit, Schlichtheit und die Eleganz des Weniger ist mehr - das kleine Schwarze etwa. "Mode hängt in der Luft, der Wind trägt sie einem zu, man ahnt sie, man wittert sie, (...) sie ist überall, sie hängt zusammen mit dem Gedankengut, den Sitten, den Ereignissen", schrieb sie. Mobilität war zentral, und wie konnte eine Mode, die ihr entgegenstand, modern sein?
Mit der Mode begonnen hat Coco Chanel noch vor dem ersten Weltkrieg, als Hutmacherin. Später kamen die Kleider dazu, schmale Röcke mit lose gebundenen Jacken, die der bisher üblichen geschnürten Taille und den überladenen Garderoben entgegenstanden. In den zwanziger Jahren sollte Chanel mit ihren reduzierten Jerseykleidern die Silhouette der Zeit prägen: gerade, knielang und mit tief gezogener Taille. Und als sie nach dem Zweiten Weltkrieg erneut mit dem Modemachen begann, entstand, als Gegenentwurf zu den beengenden Kleidern Diors , schließlich jenes Ensemble, für das Chanel heute vor allem steht: das kragenlose Bouclé-Tweedkostüm, die Ränder mit Bordüren abgesetzt, die Säume mit Silberketten beschwert.
Sie führte Materialien in die Mode ein, die niemand zuvor dort verwendet hatte: der beigefarbene Jersey, aus dem die Kleider entstanden, war ein Stoff für Unterwäsche. Aus der saumbeschwerenden Silberkette machte Chanel Schulterriemen für die Tasche, die um den Körper getragen werden und Bewegungsfreiheit sichern sollte: die 2.55 , eine gesteppte Ledertasche mit rechteckiger Silberschließe, entworfen im Februar 1955 und längst zum Klassiker geworden. Und dann waren da noch die zahlreichen Ketten und Armreifen, die man zu den Chanel-Kostümen trug - größtenteils nicht echt. Auch das war neu: Modeschmuck.
Kopiert zu werden betrachtete Coco Chanel als Kompliment - "Einmaligkeit ist dazu da, kopiert zu werden" -, und tatsächlich war Chanels Mode mit ihrer einprägsamen Linie und dem geringen Stoffverbrauch prädestiniert für die Kopie. Doch die Angst vor dem Plagiat galt ihr als Zeichen eines mangelnden Vertrauens in den Einfallsreichtum. "Ich bin mir manchmal selbst nicht sicher, ob die Kleider, die ich trage, aus meinem Hause stammen", soll Chanel zu einer Bekannten gesagt haben, die sich scheute, der Modeschöpferin zu begegnen, weil sie eine Chanel-Kopie trug.
Seit 1983 ist Karl Lagerfeld Chefdesigner im Haus Chanel. Den Chanel-Stil zu erneuern ist für ihn ein Spiel mit den zentralen Charakteristika: mal Form, mal Material, mal Verarbeitung, mal De-koration - wie die Chanel-Ketten oder die Kamelie. Leder fand sich in Lagerfelds Kollektionen, Jeans findet sich darin, und auf dem Laufsteg- und nur dort - sind sogar Männer in Chanel zu sehen. Doch jetzt kommt das Original zurück. Gerade wird die 2.55 wieder aufgelegt, exakt wie damals ohne großsilbernes Logo - man erkennt sie ohnehin. Nur heute hat die 2.55 auch Laptop-Format - zeitgemäß eben.
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- Datum 16.04.2009 - 08:56 Uhr
- Quelle ZEIT online, 13.4.2006
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schulden Coco Chanel viel vor allem das Ende des Korsetts.
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