Wenn es einen Designer gibt, der die Theoriebildung beflügelt, dann ist es der Belgier Martin Margiela. Es fängt damit an, dass es eigentlich heißen muss: Maison Martin Margiela - denn Martin Margiela taucht als Designerpersönlichkeit gar nicht auf. Interviews gibt der 1956 geborene Belgier, der 1988 sein Modehaus gründete, wenn überhaupt nur per Fax. Am Schluss seiner Schauen verbeugt er sich nicht. Und als Martin Margiela in diesem Jahr auf der größten europäischen Herrenmodemesse eingeladen war, der Pitti Immagine Uomo in Florenz, hat er nicht wie andere Designer einfach eine Modenschau gemacht. Stattdessen war das ganze Messegelände mit Zeichen in der charakteristischen Farbe des Hauses überzogen: mit weißen Fahnen, weißen Fotoautomaten sowie weißgekleideten Verkäufern, die weiße Candyblumen verkauften. Nur Margiela selbst wurde nicht gesehen. Womöglich hätte ihn auch niemand erkannt. Martin Margiela macht sichtbar, wie ein Kleid geschneidert ist - in diesem Fall spielerisch mit Nieten auf nackter Haut© Jonathan Hallam/Maison Martin Margiela

Anders ist es mit dem Margiela-Träger. Man erkennt ihn sofort an den vier schräggestellten weißen Heftstichen, mit denen das Label angebracht ist. Es ist ein weißes, namenloses Schild, einzig Zahlen stehen darauf. Das erste theoretische Vergnügen in der Beschäftigung mit Martin Margiela liegt in dem Paradox, dass die Abwesenheit des Designers und die Abwesenheit des Designernamens zu einer ungeheuren Sichtbarkeit des Labels führt. Das zweite Vergnügen bezieht sich auf Margielas Arbeit selbst. Dekonstruktion hat man sein Verfahren genannt, Kleidungsstücke auseinander zu nehmen und neu zusammenzusetzen, die Nähte dabei aber nach außen zu wenden. Margiela machte aus Hosen Röcke, aus Handschuhen Oberteile. Heute sind die offenen Kanten auch im mittleren Marktsegment angekommen. Als Margiela in den späten Achtzigern damit begann, galt vor allem eines als spektakulär: Er machte sichtbar, was in der Mode bisher verborgen geblieben war - ihr Konstruktionscharakter. Noch die Kollektion für den kommenden Winter zeichnet mit Nieten die Nähte nach. Für die Röcke verwendet Margiela Polsterstoffe. Dazu wurde ein T-Shirt getragen, auf dem ein mit jenem Stoff bezogener Sessel gedruckt war.

Martin Margiela studierte an der Antwerpener Königlichen Akademie der Schönen Künste. Gemeinsam mit unter Dries van Noten, Ann Demeulemeester und anderen gehörte er zum Kreis der Antwerp Six, einer Generation von Modemachern, die den Ruf der Belgier als Konzeptionalisten begründeten. Von 1984 bis 1987 war Margiela Assistent von Jean-Paul Gaultier, von 1998 an Chefdesigner bei Hermès - wo ihn später Jean-Paul Gaultier ablöste. Seit vier Jahren gehört das vormals unabhängige Maison Martin Margiela der Diesel-Gruppe an. In der nächsten Saison wird Margiela - entgegen aller Tendenzen - zusätzlich zur Prêt-à-Porter auf den Pariser Haute Couture-Schauen zeigen. Auch dort wird wohl gelten, was er in einem der raren Fax-Interviews als Grundlinien seiner Mode skizziert hat: Frage: "Was ist schlechter Geschmack?" "Eine vage Idee." Frage: "Was ist Ihre Philosophie des Luxus?" "Eben dass es eine ist." Und die lässt sich Margiela wirklich nicht nehmen.

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