MODE-MACHER Sex bricht kein Tabu mehr, Politik schon
Vivienne Westwood schuf Outfits, die schockierten und heute im Museum zu sehen sind. Doch eigentlich will sie vor allem Spaß.
"Ich habe eine innere Uhr, die sich gegen alles Orthodoxe wendet", sagt Vivienne Westwood über sich selbst. Nichts also könnte ein besseres Symbol für ihre Arbeitsweise sein als die Uhr mit den dreizehn Ziffern, die sich rasend schnell rückwärts dreht. Sie steht im Laden in der Kings Road 143, dort also, wo Westwoods Modekarriere begann. 1971 verkaufte sie hier mit dem späteren Sex-Pistols-Manager Malcolm McLaren erst Teddyboy-Kleidung der 50er Jahre, dann bedruckte, zerrissene T-Shirts und später Latexbodysuits. T-Shirts hängen auch heute wieder dort - bedruckt mit Westwoods Kommentar zu den britischen Antiterrorismusgesetzen: "I am not a terrorist, please don't arrest me". Mit Sex kann man längst nicht mehr provozieren, aber Mode, die eine Botschaft hat, damit kann man lästig werden. Und so druckt Westwood die Terrorist-Shirts jetzt schon in der zweiten Saison.
1941 in Glossop in Beryshire geboren, studierte Westwood mit sechzehn, damals als Isabel Swire, ein Semester Mode und Goldschmiedekunst. Sie brach es ab, überzeugt, man könne als Arbeiterkind in der Mode kein Auskommen finden und heiratete. Die Modekarriere begann dennoch, als sie 1965 Malcolm McLaren traf. Die beiden eröffneten die Boutique in der King's Road, die sich gegen bürgerliche Kultur ebenso wie gegen die Hippies wandte. 1971 hieß sie Let it rock, später Too Fast to Live, Too Young to Die, dann SEX und 1976, zu Zeiten des Punk, schließlich Sedationaries, also: Aufrührer. "Punk ist ein Teil meiner Geschichte", sagt Westwood. "Ich dachte, es gebe eine Tür, die man eintreten müsse. Jetzt weiß ich, dass sie gar nicht da ist. Es gibt nur Sprünge auf dem Weg."
Der zweite große Sprung war die erste Prêt-à-Porter-Kollektion Pirates von 1981. Die Autodidaktin Westwood fand den Zugang zur Mode über historische Schnitte. Sie ließ sich inspirieren von Gemälden des 17. Jahrhunderts und schuf opulente Roben danach. Mit Mini Crini nahm sie 1985 die Krinoline, den Reifrock des 19. Jahrhunderts, auf und setzte sie gegen die Powersilhouette der 80er Jahre. Mit Harris Tweed machte sie 1987 das Korsett zum Oberteil und führte ein weiteres Thema ein: Britishness. Die Kollektion Vive la Cocotte schließlich leitete die Rückkehr zur Polsterung und der S-Silhouette ein. Und immer überall die Westwood-Signifikanten: Tweed, High-Heels mit Plateau und ovale, bernsteinfarbene Knöpfe.
Den Weg über die Kopie alter Schnitte ließ Westwood auch ihre Schüler gehen, bis 2005 hat sie als Modeprofessorin an der UdK in Berlin unterrichtet. Besonders gefürchtet war ihr Urteil: "That's really hausfrau" . Die erste Frage an jeden Entwurf der Studenten - ebenso wie an jeden eigenen - hingegen lautete: "Würdest du es selbst tragen?" Die überpointierte Linie, die "Stundenglas-Silhouette mit den winzigen Taillen und üppigen Brüsten", die ihr Markenzeichen geworden war, begann, Westwood zu langweilen. Sie experimentierte mit Vierecken, und noch heute stechen aus ihren Entwürfen die Schultern bisweilen wie Ecken von Tüten hervor. Ob ihre Silhouette überpointiert ist oder schmal, eckig oder opulent, ihre Grundüberzeugung, warum das Modemachen eine wunderbare Sache ist, wird sie wohl nie verlassen: "You have a much better life if you wear impressive clothes" .
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- Datum 12.07.2006 - 14:37 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, 18.5.2006
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