Balkon-Design Stiefmütterchen sind für Spießer
Zum Frühlingsanfang soll es wuchern und duften auf dem Balkon. Vor allem so, dass die Nachbarn vor Neid verblühen. Kirsten Haake erklärt, welche Blumen Stil haben
© Design: !idee/Michael Hilgers

Blumentöpfe müssen keine hässlichen Plastikkübel sein - hier ein moderner Großstadt-Entwurf von Michael Hilgers
Damit eines klar ist: Weder Stiefmütterchen noch Primeln dürfen auch nur in die Nähe eines eleganten Balkons. Diese Blumen sind nicht sexy. (Geranien sind ein Spezialfall. Dazu später.) In den Baumärkten ist diese Erkenntnis aber noch nicht angekommen. Regalkilometer voll mit Primeln, Stiefmüttern, Ranunkeln.
Da hilft oft nur selber ziehen, im Gartenmarkt ist die Auswahl an Samen und Zwiebeln viel größer und modischer. Das bürgerliche Publikum zieht es hingegen zu Manufactum. Der Goldlack (Cheiranthus cheiri)überzeugt allein wegen seines Namens und auch Marienkäfermohn und Elfenschuh klingen so wunderbar "vintage". Vintage nennen sich Couture-Klamotten aus vergangenen Zeiten. Bei Pflanzen gilt nichts anderes — "historische Sorten" sind angesagt.
Aber Achtung, jetzt nicht einfach wild durcheinander säen oder pflanzen! Es geht hier um Stil auf dem Balkon, die private Outdoor-Lounge soll ja nicht nur für den Chill-, sondern auch für den Neid-Faktor sorgen.
Nach einer Analyse des Instituts International Trendscouting (IIT) der Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst in Hildesheim ist im Einrichtungsstil und in der Mode der "Höhepunkt der starken Farbigkeiten und starken Kontraste überschritten". Knalliges Lila und Pink sind passé, weiche, reduzierte und Ton-in-Ton gehaltene Kombinationen angesagt.
Farbe wird also auf dem Balkon auf ein Minimum reduziert, da müssen die Frühlingsgefühle jetzt einfach mal unterdrückt werden. Zum Beispiel nur weiße und gerade noch zartblau blühende Pflanzen: Schmuckkörbchen, Lavendel, Jungfer im Grünen. Noch einfacher: alle Kästen nur mit einer Sorte füllen: der "Balkonpflanze des Jahres: Die Sommerelfe blüht gleichzeitig in drei Farben: in Rot und zwei Gelbtönen. Andere Farben sind dann aber nicht mehr erlaubt! Ein bunter Sonnenschirm ist sowieso tabu.
Jetzt zur Geranie. Heikel. Die Grenze zur Spießigkeit ist so dünn wie ein Feigenblatt. Deshalb gehen bei Geranien nur neuste Züchtungen — auch hier nur weiche Töne, niemals Pink, Grellrot oder Orange! Das Rot muss so dunkel sein, dass die Blüte ins Schwarze geht. Oder wäscheweiß. Für die Geranie spricht, dass sie oft eine Pelargonie ist und damit eine südafrikanische Heilpflanze. Das kann man locker ins Gespräch einflechten.
- Datum 20.03.2010 - 09:02 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 9
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:









"Geld darf keine Rolle spielen. Schließlich werben wir mit dem Balkon für unseren guten Geschmack."
Wie neureich-blöde muss man eigentlich sein, um danach seinen Balkon zu gestalten? Könnte es Leute geben, die sich einfach nur an Pflanzen freuen, bunten sogar, und denen es am Allerwertesten vorbei geht, ob die Nachbarn vor Neid in ihren Kunstrasen beißen? Könnte es sein, dass Menschen nicht bei jedem Balkon oder Garten an Prestige und Wettkampf denken?
Oder nimmt der Artikel am Ende gar nur die geltungssüchtigen Arrivisten auf die Schippe, die man ja so gerne als Nachbarn hat? Da freut man sich ja über jede Blattlaus...
Ein wunderbarer Artikel der mir an diesem trüben Vormittag ein fettes Grinsen entlockte.
Spießer sind für mich diejenigen, die sich/ihre Umgebung nach "hippen" Vorgaben stylen um Mitmenschen zu beeindrucken.
Eine Ton-in-Ton-Gestaltung kann schön sein - wenn sie zu dem Menschen paßt der sich damit umgibt. Ebenso schön kann aber auch ein "uncooles" buntes Durcheinander sein.... das so gar nicht spießig ist, weil es dem Gestalter piepsegal ist, ob die Nachbarn neidisch sind.
Unsere 6-m-Balkonbrüstung bekommt wieder die Geranien vom Vorjahr, die wir überwintert haben.
dazu noch einen Riesen-Topf mit einem Geranien-Busch von über einen Meter Höhe - gezogen über mehrere Jahre.
Dazu noch Buschnelken und Wicken.
Acht Erdbeerpflanzen zieren dann noch unsere Fensterbretter und bringen so um die 2 kg Erdbeeren.
Von 3 Tomatenpflanzen hatten wir im letzten Jahr über 3,5 kg Tomaten - dieses Jahr gibt es 6 Pflanzen davon.
Nur Gurken bauen wir keine mehr an, weil die ersten fünf nur genug "Nahrung" bekommen.
Die anderen haben wir als Gewürzgurken eingelegt.
Mehr als 50,- € geben wir jedenfalls für das Ganze nicht aus und einen Wettbewerb wollen wir auch nicht gewinnen.
Uns freut es immer, Erdbeeren und Tomaten zu essen, die noch nach DEM schmecken, was sie wirklich sind - auch ohne BIO-Siegel!
Jeder Landes-Gärtnereiverband hat da sein eigenes Modell, in Hessen ist, soweit ich weiß, eine gelbe Strohblume.
http://www.hgverband.de/a...
In Bayern gibt es eine vollkommen unhippe gestreifte Petunie. http://www.lena-amarena.de/
andsoon....
Wenn Sie also den ganzen Landestrenden folgen wollen werden sie wohl auf dem Balkon erblinden müssen. Aber das schafft das ganze quitschige Plastikzeug eh' schon.
Oder gibt es bei dem Laden mit guten Sachen etwa Schwarzweiß Brillen?
dass sie schon wieder cool sind. ;-)
Mehr von Kirsten Haake bitte!
Soll sich doch jeder mit seinen Lieblingspflanzen umgeben. Die einteilung in "hip" & "out" ist nicht cool, sondern oberflaechlich & kalt
Kirsten Haake hat gut gespasst.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren