Buchautorin Martina Rellin"Männer reagieren gerne mit Schweigen"

Wenn Frauen gelassener wären, würden Männer öfter über ihre Gefühle sprechen, sagt Martina Rellin. Für ihr Buch "Göttergatten" hat sie Männer über ihre Ehen befragt. von Helen Germann

Ehe ohne Worte. Nach 30 Jahren Ehe wird die Kommunikation nicht unbedingt leichter

Ehe ohne Worte. Nach 30 Jahren Ehe wird die Kommunikation nicht unbedingt leichter  |  © wueStenfUXX/photocase.com

ZEIT ONLINE: Frau Rellin, für Ihr Buch Göttergatten. Was Männer wirklich über ihre Frauen denken haben Sie Männer getroffen, deren Innenleben protokolliert und in der Ich-Form aufgeschrieben. Wie sind diese Gespräche abgelaufen?

Martina Rellin: Ich komme natürlich nicht mit einem vorgefertigten Fragebogen, sondern lasse mich auf das Gespräch ein. Es entwickelt sich so tatsächlich immer ein Austausch, bei dem zu Tage kommt, was die Männer wirklich bewegt. Sie sprechen also auch über ihre Ängste, über Dinge, die sie sonst nicht offenbaren würden. Diese Art des Gesprächs bedeutet im Zweifelsfalle selbstverständlich, dass ich genauso offen und ehrlich über mich erzählen muss, wie die Männer über sich.

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ZEIT ONLINE: Was waren das für Männer?

Rellin: Ich habe mit 17 Männern im Alter von 29 bis 70 gesprochen. Sie kommen aus allen Regionen Deutschlands und haben die unterschiedlichsten Berufe: Kellner, Verwaltungsangestellter, Unternehmensberater, Schauspieler… Es geht in meinem Buch um Ehen mit und ohne Kinder, um geschiedene und – Sie werden staunen – auch um glückliche Ehen. Wichtig war mir, dass all diese Männer schon ein paar Jahre Eheerfahrung haben, denn kurz nach der Hochzeit ist es ja kein besonderes Kunststück, harmonisch zusammen zu leben.

ZEIT ONLINE: In Ihrem vorigen Buch Die Wahrheit über meine Ehe haben Sie Frauen sprechen lassen. Welchen Unterschied haben Sie bei den Gesprächen mit Männern bemerkt?

Die Autorin
Die Autorin

Martina Rellin, geboren 1962 in Hamburg, ist Journalistin und Buchautorin. Von 1994 bis 2001 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift Das Magazin. Als Autorin wurde sie bekannt mit ihren Berichten aus dem Frauenalltag Ich habe einen Liebhaber und Klar bin ich eine Ost-Frau. Martina Rellin lebt mit ihrer Familie bei Berlin.

Rellin: Ein grundlegender Unterschied ist, dass die Frauen das, was sie mir berichteten, meist nicht zum ersten Mal erzählten. Sie hatten mit der Schwester, Mutter oder Freundin schon über das Thema gesprochen. Männer haben diese Praxis meist nicht. Im Gespräch mit mir rangen sie teilweise nach Worten, wenn sie etwas erzählen wollten, was sie besonders berührt.

ZEIT ONLINE: Was war das zum Beispiel?

Rellin: Besonders wichtig ist Männern die Familie, das Zusammenleben mit den Kindern. Entsprechend groß ist die Angst, die Nähe zu ihren Kindern zu verlieren, wenn es zum Beispiel zur Trennung kommt. Intensiv beschäftigt Männer auch der Umgang mit Streit. Männer leiden genau so unter Meinungsverschiedenheiten wie Frauen. Aber statt zu streiten und viele Worte zu machen, reagieren Männer gerne mit Schweigen. In unseren Gesprächen nannten sie das: "Da geht bei mir eine Wand hoch" oder "Ich lasse alles abperlen". Wohl fühlen sie sich dabei keineswegs.

ZEIT ONLINE: Warum riskieren sie dann nicht lieber eine Konfrontation?

Relllin: Es ist ja nicht so, dass Männer generell Konflikten ausweichen. Im Gegenteil – im Beruf sind die meisten ganz prima in der Lage, ihren Standpunkt darzustellen und dafür zu kämpfen. Heiko, ein 60-jähriger ehemaliger Manager, erklärt das in dem Buch so: "Das sind Sachfragen, das ist Geschäft. Bei meiner Frau und mir geht es um Gefühle." Auf diesem Terrain haben Männer durchaus Angst, die Kontrolle zu verlieren – zumal Frauen ihren Männern in schwierigen Situationen gerne zusetzen: mit Nachfragen, Insistieren, aber auch mit dem Hervorkramen von Ereignissen aus der Vergangenheit, die aus Männersicht längst erledigt sind und die sie oft wirklich vergessen haben – das sind übrigens typische Frauenverhaltensweisen, die Männer besonders nerven.

Leserkommentare
  1. Wir haben es doch schon immer gewusst.

  2. für diesen Beitrag! Im Gegensatz zu der in der "Zeit" sonst üblichen Mann-Frau-Debatte sind die Aussagen im Interview, egal ob man diese teilt oder nicht, angenehm und interessant zu lessen und zeugen, meines Erachtens, von einer gewissen Neutralität und Gelassenheit beim Herangehen an die Thematik.

  3. wunderschönen Satz: "Männer denken auf jeden Fall viel positiver über ihre Frauen, als ihnen gemeinhin unterstellt wird" sei Frau Rellin herzlich gedankt und dem Buch viele engagierte Leserinnen gewünscht.

  4. 4. Auch..

    der letzte satz ist sowas von zutreffend...

  5. Der ganze Artikel und wie ich vermute das ganze Buch, leisten mehr für die Emanzipation und gesellschaftliche Orientierung als 10 Jahre gesellschaftliche und politische Emanzipationsförderung.

    H.

  6. Ich werde mir wohl das Buch zulegen und schauen, in wie weit es mit meinen Gedanken übereinstimmt.

    Scheint aber ein Buch zu sein, dass ich wohl meinen Freundinnen ans Herz legen werde... ;-)

  7. Das Interview zeigt, dass Frauen und Männer zueinanderkommen könnten, wenn beide Teile Verständis suchten. Der unaufgeregte Ton hebt sich wohltuend von anderen Wortmeldungen zum Thema ab, welche oft nur Klischhees bedienen. Die Erkenntnisse der Autorin beim Schreiben sollten auch möglichst viele Leserinnen/Eherfrauen/Partnerinnen (und solche die es werden wollen) haben. Es geht eben nicht nur um Emanzipation, sondern auch um Rollenfindung in Partnerschaft und Gesellschaft. Wieso wird bei "Maischberger" soviel Unsinn über die Ehe erzählt, statt Frau Rellin als anscheinend echte Partnerschaftsexpertin einzuladen. Also Männer: Schenkt Eurer Partnerin das Buch. Vielleicht wird es noch besser.

  8. In dem oft von männerfeindlichen Emanzen dominierten öffentlichen Diskurs über Männer und Frauen tut es echt gut, daß mal eine normale Frau sich des Themas sachlich annimmt und auch die Männer fragt anstatt ihnen negative Ansichten zu unterstellen.
    Danke für den Artikel und danke für das interessante Buch.

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  • Schlagworte Ehe | Gespräch | Partnerschaft | Buch | Generation | Hochzeit
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