ZEIT ONLINE: Frau Rellin, für Ihr Buch Göttergatten. Was Männer wirklich über ihre Frauen denken haben Sie Männer getroffen, deren Innenleben protokolliert und in der Ich-Form aufgeschrieben. Wie sind diese Gespräche abgelaufen?

Martina Rellin: Ich komme natürlich nicht mit einem vorgefertigten Fragebogen, sondern lasse mich auf das Gespräch ein. Es entwickelt sich so tatsächlich immer ein Austausch, bei dem zu Tage kommt, was die Männer wirklich bewegt. Sie sprechen also auch über ihre Ängste, über Dinge, die sie sonst nicht offenbaren würden. Diese Art des Gesprächs bedeutet im Zweifelsfalle selbstverständlich, dass ich genauso offen und ehrlich über mich erzählen muss, wie die Männer über sich.

ZEIT ONLINE: Was waren das für Männer?

Rellin: Ich habe mit 17 Männern im Alter von 29 bis 70 gesprochen. Sie kommen aus allen Regionen Deutschlands und haben die unterschiedlichsten Berufe: Kellner, Verwaltungsangestellter, Unternehmensberater, Schauspieler… Es geht in meinem Buch um Ehen mit und ohne Kinder, um geschiedene und – Sie werden staunen – auch um glückliche Ehen. Wichtig war mir, dass all diese Männer schon ein paar Jahre Eheerfahrung haben, denn kurz nach der Hochzeit ist es ja kein besonderes Kunststück, harmonisch zusammen zu leben.

ZEIT ONLINE: In Ihrem vorigen Buch Die Wahrheit über meine Ehe haben Sie Frauen sprechen lassen. Welchen Unterschied haben Sie bei den Gesprächen mit Männern bemerkt?

Rellin: Ein grundlegender Unterschied ist, dass die Frauen das, was sie mir berichteten, meist nicht zum ersten Mal erzählten. Sie hatten mit der Schwester, Mutter oder Freundin schon über das Thema gesprochen. Männer haben diese Praxis meist nicht. Im Gespräch mit mir rangen sie teilweise nach Worten, wenn sie etwas erzählen wollten, was sie besonders berührt.

ZEIT ONLINE: Was war das zum Beispiel?

Rellin: Besonders wichtig ist Männern die Familie, das Zusammenleben mit den Kindern. Entsprechend groß ist die Angst, die Nähe zu ihren Kindern zu verlieren, wenn es zum Beispiel zur Trennung kommt. Intensiv beschäftigt Männer auch der Umgang mit Streit. Männer leiden genau so unter Meinungsverschiedenheiten wie Frauen. Aber statt zu streiten und viele Worte zu machen, reagieren Männer gerne mit Schweigen. In unseren Gesprächen nannten sie das: "Da geht bei mir eine Wand hoch" oder "Ich lasse alles abperlen". Wohl fühlen sie sich dabei keineswegs.

ZEIT ONLINE: Warum riskieren sie dann nicht lieber eine Konfrontation?

Relllin: Es ist ja nicht so, dass Männer generell Konflikten ausweichen. Im Gegenteil – im Beruf sind die meisten ganz prima in der Lage, ihren Standpunkt darzustellen und dafür zu kämpfen. Heiko, ein 60-jähriger ehemaliger Manager, erklärt das in dem Buch so: "Das sind Sachfragen, das ist Geschäft. Bei meiner Frau und mir geht es um Gefühle." Auf diesem Terrain haben Männer durchaus Angst, die Kontrolle zu verlieren – zumal Frauen ihren Männern in schwierigen Situationen gerne zusetzen: mit Nachfragen, Insistieren, aber auch mit dem Hervorkramen von Ereignissen aus der Vergangenheit, die aus Männersicht längst erledigt sind und die sie oft wirklich vergessen haben – das sind übrigens typische Frauenverhaltensweisen, die Männer besonders nerven.

 

ZEIT ONLINE: Inwiefern unterscheiden sich die Probleme jüngerer und älterer Männer?

Rellin: Böse gesagt hatte es die ältere Generation im Vergleich zur jüngeren leichter, denn die Rollenverteilung war noch eindeutig: hier der Mann als Alleinverdiener, dort die Frau als Hausfrau und Mutter, vielleicht noch als Dazuverdienerin. Schon in dieser Konstellation blieb noch genug Raum für Probleme. Zusätzlich zu diesen haben die jüngeren Männer, sagen wir die Generation zwischen 35 und 45, den Zwiespalt: Die modernen Männer sollen und wollen ihre Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen wahrnehmen und unterstützen, sie sind engagierte Väter, unterdrücken ihre sogenannten weiblichen Seiten nicht und geraten trotzdem in Turbulenzen, nicht zuletzt mit der eigenen Frau. Die möchte zwar einen soften Mann, erwartet aber gleichzeitig, dass er zu Hause mit der Bohrmaschine hantiert und vom sozialen Status her mindestens so hoch gestellt ist wie sie. Außerdem leiden Männer inzwischen auch zunehmend unter den Schönheitsidealen, denen sie entsprechen sollen.

ZEIT ONLINE: Ihr Buch ist natürlich keine repräsentative Umfrage. Konnten Sie dennoch Gemeinsamkeiten bei Ihren Interviewpartnern erkennen?

Rellin: Männer denken auf jeden Fall viel positiver über ihre Frauen, als ihnen gemeinhin unterstellt wird. Zum Beispiel finden die meisten Männer, mit denen ich gesprochen habe, ihre Frauen immer noch attraktiv. Außerdem ist es Männern, jungen wie alten, wichtig, dass ihre Frau sich für ihren Beruf interessiert und dass sie auch selbst aktiv ist. Die Partnerschaften, in denen die Frau sich auf Heim und Herd konzentriert, gestalten sich erstaunlicherweise auch aus Sicht der Männer problematisch, weil sie finden, dass ihre Frauen oft den Anschluss an die Welt – die eher männliche Welt – verlieren.

ZEIT ONLINE: Hätten Sie manchmal gerne dazwischengerufen und den Männern einen Rat gegeben?

Rellin: Nö, ich bin keine Besserwisserin. Und ich bin ja eben nicht die Ehefrau, die Partnerin der Männer, die sich durch jeden Satz zur Replik herausgefordert fühlt. Diese Erfahrung, Männer aussprechen lassen zu können, mitfühlen zu können, sie zu verstehen – das war für mich etwas ganz Großartiges.

ZEIT ONLINE: Haben Sie auch für Ihre Partnerschaft etwas gelernt?

Rellin: Unbedingt. Männern wird ja von ihren Frauen oft vorgeworfen, sie seien bequem, sie seien desinteressiert. Dabei stimmt das überhaupt nicht. Männer sind einfach gelassener, sie können besser Fünfe gerade sein lassen. Diese Gelassenheit trainiere ich seit den Gesprächen ganz bewusst, nicht nur in meiner Partnerschaft. Das heißt auch: Ich versuche, nicht mehr sinnlos Energie damit zu verpulvern und um Dinge zu kämpfen, die ich ohnehin nie ändern werde – und die vielleicht auch gar nicht so wichtig sind.

Die Fragen stellte Helen Germann

Die nächsten Lesungstermine zu "Göttergatten": Mi., 28. April inNeubrandenburg; Di., 4. Mai inEssen ; Mi., 5. Mai in Pforzheim ; Mi., 19. Mai in Weimar; Do., 20. Mai inErfurt