Man könnte hier die Bienen summen hören, horchen, wie die Grillen zirpen. Prinzessinnengarten, märchenhaft klingt das. Doch der Presslufthammer schrillt, hinterm Zaun dröhnt der zweispurige Kreisverkehr. Berlin, Kreuzberg. Ein 1000 Quadratmeter-Areal am Moritzplatz, Ecke Prinzenstraße. Hier liegt der Prinzessinnengarten. Beet fügt sich an Beet, ein paar Bäume, in der Ecke ein Bienenstock. Knoblauch wächst hier, Kornblumen, und Kartoffeln über Kartoffeln. Landwirtschaft mitten in der Stadt.

"Bist Du der Gärtner?", die junge Frau fragt vorsichtig, "Ich würde gerne etwas ernten." Robert Shaw lacht. Ein Gärtner ist er nicht, der Gärtner auch nicht, davon gibt es hier im Prinzessinnengarten viele. Aber er ist einer der beiden Chefs hier, er und Marco Clausen sind immer präsent, topfen Salbei in alte Tetrapacks, kochen Mairüben ein. Und helfen den Neuen. "Da vorne stehen zwei Tafeln", Shaw deutet hinüber, hinter einen Berg an Kräutern, fertig zum Kauf, eingetopft in leere Milchkartons. "Auf der Liste siehst Du, was gerade reif ist, ich zeige Dir, wo."

Die beiden sind sonnengebräunt, unter den Fingernägeln hängt die Erde fest, als sei sie da schon immer gewesen. Es ist ihr erster richtiger Gärtnersommer. Shaw, 33, ist Filmemacher, Clausen, 36, Historiker. Im Spätherbst 2008 taten sie sich zusammen. Die Idee: Einen mobilen Nachbarschaftsgarten in Berlin hochziehen, mit Gemüse, Kräutern, Blumen, alles zum Ernten und Kaufen. Getragen von freiwilligen Helfern aus dem Kiez und einem Café mittendrin. Eine Geschäftsidee, kein Sozialprojekt. Ein halbes Jahr später räumten sie die Kreuzberger Brache frei, begannen zu pflanzen. Der Garten steckt komplett in Plastikkörben, Säcken, alten Waschwannen, drumherum Frachtcontainer. "Wir können jederzeit zusammenpacken und weiterziehen", sagt Clausen, "das ist das Grundprinzip."

Die Kultur des Do it yourself macht auch vor der Stadt nicht Halt: Statt die Urbanität nur zu konsumieren, wird jetzt mitgestaltet. "Die Stadt wird neu definiert", sagt Christa Müller, "und zwar nicht mehr als Gegensatz zum Land". Die Soziologin ist Geschäftsführerin der Stiftung Interkultur in München, urbane Landwirtschaft ist ihr Spezialgebiet. Die Stiftung betreibt interkulturelle Gärten, Stadtgärten, in denen Deutsche und Menschen von anderswo zusammen Zucchini säen, Erbsen ernten. Und gemeinsam Wurzeln schlagen. Diese Gärten gibt es mittlerweile in der gesamten Republik. Aus fünf Projekten 2003 wurden 105 heute – 60 weitere sind geplant. Seit zwei, drei Jahren sei die Nachfrage enorm gestiegen, auch die Seminarangebote "explodieren", sagt Müller; von Konservierungstechniken bis hin zum Herstellen von Naturkosmetik kann man alles lernen.

In USA haben Community Gardens eine längere Tradition, es gibt sogar einen eigenen Verband , ausführliche Anleitungen sollen dort jeden zum Stadtgärtnern inspirieren. Während in Nordamerika diese Gärten von Anfang auch dazu gedacht waren, Bedürftige mit Gemüse und Obst zu versorgen, spielte das Karitative in Deutschland erst nach und nach eine Rolle. Seit etwa drei Jahren etwa sind in vielen Städten sogenannte Tafelgärten entstanden: Auf Brachen wird Gemüse und Obst angebaut, Kleingärtner und Ein-Euro-Jobber übernehmen die Arbeit – die Ernte geht an die Tafel-Vereine.

Sich von traditionellen Wirtschaftskreisläufen unabhängig zu machen, spiele bei vielen Stadtgärtnern eine Rolle, gerade seit Beginn der Finanzkrise, sagt Christa Müller. Die Gärten zeigten auch "erste Konturen einer postfossilen Gesellschaft", findet sie. So ist Shaws und Clausens Milchtüten-Recycling eine Variante, städtische Ressourcen neu zu nutzen.

"Uns ging es nie ums Landleben", sagt Robert Shaw: "Es war Stadtsehnsucht." Sehnsucht nach Nachbarschaft, danach, nicht alleine in seiner Schrebergartenparzelle vor sich hin jäten, sondern Begegnungen schaffen. Zwischen den Gemüsebeeten und den Bänken des Cafés in Kreuzberg treffen sich daher nicht nur die jungen Hippen; da ist die Russin, die behutsam, aber bestimmt ihre landwirtschaftliche Expertise einbringt; da ist die Türkin von gegenüber aus dem sechsten Stock, die immer vom Fenster aus auf den Garten schaute und nun regelmäßig da ist; oder Tessa aus den USA, die vor ein paar Wochen zum ersten Mal herkam und nun fast jeden Tag beim Umtopfen, Ernten und allem anderen hilft.