Fliegenfischen ist für die Geduldigen und Präzisen
Den Bachforellen und Weißfischen serviert man möglichst naturgetreue Nachbauten einheimischer Insekten. Die kleinen Kunstwerke werden noch eingefettet, damit sie auf dem Wasser schwimmen. Den Lachs versucht man mit Psychologie zum Schnappen zu bewegen: Er soll sich erinnern, woran er sich im Salzwasser rund gefressen hat. So sehen die bunten Lachsfliegen – mit etwas Fantasie – aus wie Garnelen oder Beutefische. Sie müssen dem Wanderer unter Wasser vorgeführt werden.
Und da liegt die nächste Schwierigkeit. Ein federleichtes Nichts an einer Schnur soll exakt vor dem Fischmaul platziert werden, zehn bis dreißig Meter vom Angler entfernt. Auf die Wurftechnik kommt's an. Der Fliegenfischer schwingt die Rute hin und her, bis die Schnur ein liegendes Hufeisen in die Luft malt. Dann lässt er die Leine genau zur rechten Zeit los, damit sie gestreckt auf dem Wasser landet. An ihrer Spitze schwimmt die Fliege. Ob über oder unter Wasser, lässt sich mit dem Gewicht der Schnur regulieren. Die einzelnen Abschnitte sind von unterschiedlicher Dichte und auf die Flusstiefe, den Standort des Fisches und die Eigenschaften der Rute abgestimmt.
Wenn alles passt, trägt die Strömung den Köder zum Fisch. Dies ist der Moment, in dem der Angler sein Geschick dem Wasser übergibt. Ein Augenblick, um kurz den Blick schweifen zu lassen. Dem Mantra der Grillen zu lauschen. Das nasse Schilf zu riechen. Den Grasfrosch, die Spinne, die Hornisse, den Kohlweißling zu beobachten. Sich an den Wasserlilien und Ackerwinden zu freuen. Sich zu fragen, ob der am Himmel kreisende Bussard wohl weiß, dass die Bauchfedern seines Artgenossen auf diesen Haken gezurrt sind. Zeit auch, um in sich hineinzuhorchen, um in der Einsamkeit das Gespräch mit sich selbst zu suchen. Den Finger hat er stets an der Schnur, falls ein Fisch beißt.
Hat die Strömung die Fliege ans Ufer gespült, holt der Angler die Schnur ein, geht ein paar Schritte weiter, peitscht die Rute durch die Luft und wirft wieder aus. Stundenlang, in einer meditativen Endlosschleife, die erst von der Dunkelheit durchschnitten wird.
Fliegenfischen ist für die Geduldigen, die Sportlichen – und für die Präzisen. Die Ruten, die Rollen, die Schnüre, einhändig oder zweihändig, welche Wurftechnik bei welchen Uferbedingungen, welcher Köder bei welchem Licht: Das kann zur kostspieligen Wissenschaft werden. Muss es aber nicht.
Die Britin Juliana Berners, die schon im 15. Jahrhundert über das Flugangeln geschrieben hat, nahm ans Wasser nicht mehr als einen Stock, eine Leine und ein paar Insekten. Auch das Gerät, mit dem Coco Chanel in den 1920ern fischen ging, kostete nicht die 11.000 Euro, die Karl Lagerfeld vor zwei Jahren für den Nachbau im gequilteten Lederetui verlangte. Fliegenfischen ist kein Luxussport, Hightech ist nicht nötig, allenfalls hilfreich.
Wer mit der Kunstfliege einen Edelfisch überlisten will, weiß, dass der Erfolg von vielen Faktoren abhängt, die er nicht alle kontrollieren kann. Er geht ans Wasser, um draußen zu sein. Für den Kochtopf sollen andere angeln. Wenn sich schließlich die Nacht über den Fluss legt, kehrt der Fischer zurück in den Alltag. Die Forelle hat sich diesmal nicht überlisten lassen. Sie harrt aus in ihrem Versteck und wartet auf die nächste feine Fliege.
- Datum 02.09.2010 - 10:30 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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