Dieter RamsEin Mann räumt auf

Dieter Rams ist die Ikone des Industriedesigns. Seine Entwürfe stehen im Museum of Modern Art und im Kanzleramt. Dabei wollte er immer nur eines: das Chaos beseitigen. von Anne Zuber

Dieter Rams vor seinem – selbst entworfenen – Haus

Dieter Rams vor seinem – selbst entworfenen – Haus  |  © Thomas Rabsch/Schöner Wohnen

Nicht selten, erzählt Dieter Rams, kämen die Leute auf ihn zu, voller Respekt, und sagten: "Herr Braun, ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit." Rams verbessert sie nie. "Ach", sagt er und wischt eventuell vorhandene Eitelkeit mit einer lässigen Handbewegung fort, "eigentlich ist das doch ein Kompliment."

Der "bedeutendste deutsche Produktdesigner", Träger des Großen Verdienstkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, Ehrendoktor des Royal College of Art, sitzt an seinem Schreibtisch in Kronberg im Taunus, die weißen Haare gescheitelt, die runde Eulen-Brille auf der Nase, und gibt sich bescheiden. Tatsächlich kann man von Rams nicht sprechen, ohne vom Unternehmen Braun zu erzählen, und andersherum ist die Geschichte der Firma Braun untrennbar mit der Person Rams verbunden.

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1955, da war er 23, kam er in die Firma, 1997, mit 65, schied er aus. In den mehr als 40 Jahren dazwischen hat er, zusammen mit einem Team von hervorragenden Designern (das vergisst er nie zu erwähnen), Blitzgeräte gestaltet, Rasierer, Küchenmaschinen, Plattenspieler, Föne, Lockenstäbe, Wasserkocher, Entsafter, Handmixer und Pürierstäbe, also eigentlich alles, was einen Stecker besitzt und im Haushalt gebraucht wird; dazu ein paar Dinge wie Uhren, Taschenrechner oder Aschenbecher. Er war erst Innenarchitekt, dann Produktdesigner, später Leiter der Produktabteilung und schließlich Direktor für Produktdesign.

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von Schöner Wohnen

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe von Schöner Wohnen  |  © Schöner Wohnen

Längst sind seine Entwürfe zu Sammlerstücken geworden, im MoMA ausgestellt, es gibt Bücher, die sich seinem Schaffen widmen, und erst vor Kurzem war im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt eine große Werkschau zu sehen, die zuvor in Osaka, Tokio und London gezeigt worden war.

Dabei wollte Dieter Rams nie ein Designstar werden. "Der Ausgangspunkt meiner Arbeit war immer, Ordnung zu schaffen", sagt Rams, "das Chaos zu eliminieren, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren." Rams’ Entwürfe, die Braun-Objekte genauso wie die Möbel, die er für den Hersteller Vitsoe entworfen hat, sind sämtlich vom Standpunkt des Benutzers aus gedacht. Sie sollen ihm dienen, ihn nicht fordern. Sie sind unbunt, sie bestehen aus einfachen geometrischen Formen, die miteinander harmonieren, sie haben Oberflächen, die man gern berührt. Sie sind reduziert, es ist nichts Überflüssiges an ihnen. Sie sind von einer großen Klarheit, in der eine fast Zen-hafte Schönheit liegt.

Leserkommentare
    • alkyl
    • 22. Oktober 2010 16:00 Uhr

    Heute ist der Name Braun im Besitz vermutlich von Leuten, deren ikonographisches Interesse sich lediglich auf Dollarzeichen beschränkt. Traurig, traurig. Hoffentlich hält die Braun-Uhr an meinem Handgelenk noch viele Jahre, ich kann mir gar nicht vorstellen, die Zeit an einem der heute vorherrschenden chaotischen Zifferblätter ablesen zu müssen.

    • trixo_
    • 23. Oktober 2010 21:29 Uhr

    Ja, es ist schon ein Trauerspiel. Unsäglich viele der sogenannten Kernkompetenzen sind für immer verschwunden. Wo ist sie geblieben, die deutsche Unterhaltungselektronik? Wo ist das Braun-Handy? Warum sieht ein iPod aus, als hätte ihn Rams entworfen, es verdienen sich Menschen anderer Kontinente dumm und dämlich damit? Was wurde verpennt?

    Man kan nicht SIEMENS auf ein Handy schreiben und sich dann wundern, daß es keiner haben will. Zudem man als Zielgruppe den gutsituierten Herrn anpeilte, der sich alle Jubeljahre mal ein neues Gerät zulegt und ewig braucht, um halbwegs damit umzugehen.
    Zu einer Zeit, als Sony, Toshiba und Yamaha die Jugend mit coolen Geräten versorgte, schraubten Mütterchen völlig "verstaubte" Geräte bei Grundig und Co. zusammen, die völlig am Markt vorbei entwickelt wurden und vor allem nicht klangen.
    Ein Braun-Gerät konnten sich nur erfolgreiche Freiberufler leisten, Einsteigermodelle Fehlanzeige.
    Die Judend weist den Weg, dies hat man damals nicht begriffen und von der Erkenntnis ist man auch heute weit entfernt.

    • Heta
    • 25. Oktober 2010 4:13 Uhr

    @ trixo_

    Ja, das ist wahr, ein Trauerspiel, und die Tivoli-Radios aus Cambridge/Massachusetts sehen auch aus wie von Dieter Rams entworfen. Ein schwarzer Braun-Wecker hat es vor zwanzig Jahren sogar in die San Francisco-„Stadtgeschichten“ des Armistead Maupin geschafft, hat sozusagen unser Image in der amerikanischen Schwulen- und Alternativszene befördert: Aha, die Deutschen können nicht nur Panzer bauen, sondern auch die schönsten Wecker überhaupt!

    @ alkyl:

    Sie sollten nicht nur hoffen, dass die Braun-Uhr an Ihrem Handgelenk noch viele Jahre hält, sondern sich einen Ersatz beiseitelegen, mir ist es letzte Woche gelungen, das letzte Exemplar bei Braun in Frankfurt zu kaufen. Erst wurde das Ziffernblatt ruiniert, indem man die Sekundenstriche abschaffte, jetzt hat man das Produkt abgeschafft. Keine Armbanduhren mehr von Braun! Das kommt davon, wenn man seinen Laden gierig an die Amis verkauft.

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  • Schlagworte Barock | Holz | Kanzleramt | Olivetti | Bundesrepublik Deutschland | London
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