Gentrifizierung "Wir wollen hier bleiben! Alles andere ist uns egal!"

Warum wird in Deutschland so heftig über Gentrifizierung gestritten? Ein Gespräch mit dem Soziologen Andrej Holm über das Hamburger Gängeviertel, den Wandel Neuköllns und egoistischen Protest.

ZEIT ONLINE: Herr Holm, in den letzten Jahren hat der Begriff Gentrification eine erstaunliche Karriere hingelegt. Von einer wissenschaftlichen Wendung ist er zu einem geflügelten Wort geworden, ohne den kaum eine Diskussion über Stadtpolitik auskommt. Wie würden Sie Gentrifizierung denn definieren?

Holm: Es gibt eine Standarddefinition, die sagt: Gentrification, das sind alle Stadtveränderungsprozesse, die mit Verdrängung und Austausch der Bevölkerung einhergehen. Das wäre die allerschmalste Definition. Es gibt aber auch weiter gefasste Definitionen, die sich auf die Lebensstile der neuen Bewohnerinnen und Bewohner und die Veränderung des Nachbarschaftscharakters beziehen. Oder solche, die den Schwerpunkt eher auf den immobilienwirtschaftlichen Aspekt legen. Zum Beispiel wenn es um Investitionen geht, die einen Austausch der Bevölkerung entweder voraussetzen oder bewirken.

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Dr. Andrej Holm
Dr. Andrej Holm

Der Berliner Soziologe und Gentrifizierungsforscher beschäftigt sich mit Stadterneuerung, Gentrifizierung und Wohnungspolitik und betreibt das Gentrification Blog.

ZEIT ONLINE: Die bittere Pointe der Gentrifizierung scheint, dass der Begriff vor allem von denjenigen ins Feld geführt wird, die selbst für die Anfänge der Gentrifizierung verantwortlich sind.

Holm: Das wird in der wissenschaftlichen Diskussion als Pionierdilemma beschrieben. Künstler, Studierende und Kreative, also Menschen mit hohem sozialem und kulturellem Kapital, aber geringen ökonomischen Ressourcen, sind die Pioniere der Aufwertung. Das ist die ganz klassische Vorstellung, wie Gentrification abläuft: Erst ziehen junge Kreative in ein Viertel und bewerkstelligen mit ihrer Anwesenheit, ihrer Infrastruktur und ihren Aktivitäten einen Imagewandel. Die Immobilienwirtschaft greift das dann auf.

Leser-Kommentare
    • landab
    • 15.10.2010 um 17:02 Uhr

    "Die bittere Pointe der Gentrifizierung scheint, dass der Begriff vor allem von denjenigen ins Feld geführt wird, die selbst für die Anfänge der Gentrifizierung verantwortlich sind."

    Mmmh, also sind die Künstler, Studenten und sonstigen armen Schlucker, welche einst aufgrund der billigen Mieten in das verlotterte Stadtviertel zogen, selber Schuld an der Miesere? Weil sie so egoistisch sind und versuchen, ihren Lebensraum lebenswert zu gestalten und ihn dan nicht an andere abtreten wollen, die nichts dafür getan haben, als die Miete zu erhöhen? Ich denke mal, daß wir, anstatt allzulange über Gentrifizierung zu sinnieren, dringend eine neue Definition des Begriffes "Schmarotzer" benötigen. Für all die Vermieter, Immobilienmakler und sonstigen Geldhaie, die urbanen Lebensraum den Regeln des Marktes zum Frass vorwerfen, um daraus Kapital zu schlagen. Tatsächlich fängt in dem Moment die Gentrifizierung an. Ich würde das auch nicht als Pointe bezeichnen, denn dafür fehlt es Wohnungsbesichtigungen mit bis zu 40 Teilnehmern wirklich an Komik. Irgendwie erinnert diese Debatte mit solch verharmlosenden Worthülsen wie "Pionierdilemma" ein bisschen an den Versuch Tony Blairs, "Verbrechen" in "Antisocial Behaviour" umzulabeln.

    Eine Leser-Empfehlung
    • Gafra
    • 15.10.2010 um 17:46 Uhr

    wo man sich eingerichtet hat, bleiben zu wollen. Und diejenigen, die neuen Wohnraum für Reiche schaffen, sind wahre Altruisten.
    Man kann Wohnungen auch so besichtigen.
    http://www.berlinonline.d...

    • Kr.M.
    • 15.10.2010 um 23:20 Uhr
    3. Berlin

    In Berlin ist schön zu sehen, wie in Moabit und im Wedding neue Künstleroasen entstehen.

    Solange es im Innenstadtbereich noch heruntergekommene Stadtteile gibt, kann sich die Künstlerszene neue Gebiete erschließen...

    Die Frage ist halt nur, wohin wenn der komplette Innenbereich Luxussaniert ist.

    Dann wird wahrscheinlich irgendeine Ostreuropäische Großstadt zum Anziehungspunkt werden. Aber bis dahin werden ja nochmal einpaar Jahrzehnte ins Land gehen...

  1. Die Mischung machts. Und die erfordert sozialen Wohnungsbau und harte, bürokratische Stadtplanung. Alles nicht sehr beliebt hierzulande.

  2. Haben die Pioniere der Aufwertung überhaupt eine Wahl?
    Wo sollen sie hin mit ihren geringen ökonomischen Ressourcen, ohne später Gentrifizierung auszulösen?
    Vielleicht macht es wirklich die Mischung, wie in Kommentar 4 beschrieben.

  3. Ich denke nicht, dass man als Pionier eine wirkliche Wahlmöglichkeit hat, da man auf Grund der beschränkten Ressourcen sich immer für das preiswertere Quartier entscheiden wird und muss. Letztlich ist es eigentlich schon fast egal wo man sich ansiedelt. Solange man als Pionier wahrgenommen wird wird natürlich auch der Prozess der Gentrifizierung in Gang gesetzt. Somit sollte man nicht generell den Pionier und seinen Zuzug fokussieren, sondern die daraus resultierenden Folgen und Abläufe versuchen zu kontrollieren und zu kanalisieren. Hinzu kommt, dass wahrscheinlich lediglich diejenigen sich auch als Pionier begreifen können, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

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    • DY_AC
    • 24.01.2012 um 14:37 Uhr

    Ich halte die Pionier für nur ein Spieler auf der Bühne namens Genrifizierung. Meiner Meinung nach sind sie keine universale Auslöser. Ohne Pionier wird das Phänomen Gentrifizierung auch stattfinden, wenn sich die Gentrifizierung auf den Verdrängung unterer Einkommensgruppen durch den Zuzug wohlhabenderer Schichten zur Aufwertung des Gebiets bezieht. Ein Beispiel dafür ist hier zu sehen : http://www.rettet-elisa.de/.
    Meiner Meinung nach liegt die Hauptsache an dem gesamten Wandel der Gesellschaft, der die steigende Nachfrage für Wohnungen in der Stadt mit sich gebracht hat. Wie du geschrieben hast, sollte man sich nicht auf die Pionier und ihren Zuzug beschränken.

    Ich denke, dass die Pioniere durchaus Handlungsspielraum haben, wenn es um einen dauerhaften Wohnort geht. Das Produkt, um das man sich hier streitet, ist eben nicht nur der kostengünstige Wohnraum.

    In der Regel wird der ganze Streit schließlich auf Quartiere mit günstigen Altbauwohnungen beschränkt. Unattraktive 70er Jahre Quartiere werden beispielsweise auch oftmals schon von den Pionieren gemieden.

    Wenn man das Angebot auf diese Weise nicht einschränken würde, so könnte dies wahrscheinlich für eine Entspannung sorgen. Eine vollständige Lösung wird aber auch das sicherlich nicht sein.

    • DY_AC
    • 24.01.2012 um 14:37 Uhr

    Ich halte die Pionier für nur ein Spieler auf der Bühne namens Genrifizierung. Meiner Meinung nach sind sie keine universale Auslöser. Ohne Pionier wird das Phänomen Gentrifizierung auch stattfinden, wenn sich die Gentrifizierung auf den Verdrängung unterer Einkommensgruppen durch den Zuzug wohlhabenderer Schichten zur Aufwertung des Gebiets bezieht. Ein Beispiel dafür ist hier zu sehen : http://www.rettet-elisa.de/.
    Meiner Meinung nach liegt die Hauptsache an dem gesamten Wandel der Gesellschaft, der die steigende Nachfrage für Wohnungen in der Stadt mit sich gebracht hat. Wie du geschrieben hast, sollte man sich nicht auf die Pionier und ihren Zuzug beschränken.

    Ich denke, dass die Pioniere durchaus Handlungsspielraum haben, wenn es um einen dauerhaften Wohnort geht. Das Produkt, um das man sich hier streitet, ist eben nicht nur der kostengünstige Wohnraum.

    In der Regel wird der ganze Streit schließlich auf Quartiere mit günstigen Altbauwohnungen beschränkt. Unattraktive 70er Jahre Quartiere werden beispielsweise auch oftmals schon von den Pionieren gemieden.

    Wenn man das Angebot auf diese Weise nicht einschränken würde, so könnte dies wahrscheinlich für eine Entspannung sorgen. Eine vollständige Lösung wird aber auch das sicherlich nicht sein.

    • DY_AC
    • 24.01.2012 um 14:37 Uhr

    Ich halte die Pionier für nur ein Spieler auf der Bühne namens Genrifizierung. Meiner Meinung nach sind sie keine universale Auslöser. Ohne Pionier wird das Phänomen Gentrifizierung auch stattfinden, wenn sich die Gentrifizierung auf den Verdrängung unterer Einkommensgruppen durch den Zuzug wohlhabenderer Schichten zur Aufwertung des Gebiets bezieht. Ein Beispiel dafür ist hier zu sehen : http://www.rettet-elisa.de/.
    Meiner Meinung nach liegt die Hauptsache an dem gesamten Wandel der Gesellschaft, der die steigende Nachfrage für Wohnungen in der Stadt mit sich gebracht hat. Wie du geschrieben hast, sollte man sich nicht auf die Pionier und ihren Zuzug beschränken.

  4. Lediglich Pioniere als Auslöser für Gentrifizierung zu benennen, und ihnen ‚die Schuld‘ für den Prozess der Gentrifizierung zuzusprechen, sehe ich kritisch.
    Wie Kommentar 6 zu entnehmen ziehen sie nicht mit der Absicht der Aufwertung in preiswerte Quartiere, sondern auf Grund ihres knappen Budgets.

    Außerdem kann Gentrifizierung auch auf anderen Ebenen stattfinden.
    Auf politischer Ebene kann durch Fördergelder eingegriffen werden.
    Aber auch Umzugsketten aus umliegenden gentrifizierten Quartieren und Neubaugebiete können als Auslöser angeführt werden.

    Deshalb sollten diese diversen Auslöser von der Stadtpolitik beobachtet werden. Bei Bedarf sollte sie eingreifen bzw. Prozesse steuern und Verdrängungsprozess insbesondere einkommensschwacher Gruppen versuchen zu vermeiden.

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    Mir stellt sich dabei immer wieder die Frage, ob es nicht zum Teil die Kommune mit ihrer Stadtpolitik selbst ist, die gezielt gewisse Gentrifizierungsprozesse in Gang setzt, um bestimmte „Problemviertel“ aufzuwerten. Hat die Stadtpolitik überhaupt ein wahres und ehrliches Interesse daran, die Verdrängung von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen zu vermeiden? Immerhin sind die sogenannten Gentrifier diejenigen, die Steuergelder in die leeren Kassen der Stadt bringen.

    Mir stellt sich dabei immer wieder die Frage, ob es nicht zum Teil die Kommune mit ihrer Stadtpolitik selbst ist, die gezielt gewisse Gentrifizierungsprozesse in Gang setzt, um bestimmte „Problemviertel“ aufzuwerten. Hat die Stadtpolitik überhaupt ein wahres und ehrliches Interesse daran, die Verdrängung von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen zu vermeiden? Immerhin sind die sogenannten Gentrifier diejenigen, die Steuergelder in die leeren Kassen der Stadt bringen.

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