Wie edle Designerwaren liegen die Hefte auf dunklem Holz aus. Die Kunden streifen andächtig umher, bleiben stehen, blättern. Betritt man den Laden Do you read me? in der Auguststraße in Berlin-Mitte, hat es den Anschein, dies seien besonders gute Zeiten für gedruckte Magazine: Auf den Auslagen stapeln sich schmale Bändchen, die nach Kleinauflage und Fanzine aussehen, aber auch dicke Reader und internationale Hochglanzzeitschriften.

Monocle, das internationale Gesellschaftsmagazin des englisch-kanadischen Magazingurus Tyler Brûlé, liegt in einem großen Stapel aus, ebenso die amerikanische Vogue oder der elitäre New Yorker. Dazwischen und daneben liegen Designmagazine mit blumigen (Ein Magazin über Orte) bis unklaren Namen (Cornucopia), die zwar weniger bekannt, aber kaum weniger hochwertig sind.

Dieser reichhaltige Anblick verwundert – klagen die Magazinverlage doch lautstark über sinkende Einnahmen, und nicht nur in hämischen Blogbeiträgen über "Holzmedien" wird das Ende des Printjournalismus besungen. Aber noch ist dieser sehr wohl am Leben und sucht sich neue Wege und Nischen – viele neue Magazine sind in den letzten Jahren entstanden, oftmals subkulturell und konzernunabhängig.

Das Interesse am gedruckten Wort bewies auch der rege Publikumszuspruch bei der dreitägigen Berliner Künstlerbuchmesse Miss Read, die im September zum zweiten Mal stattfand – und bereits 50 Aussteller vorzuweisen hatte.

Beim Betrachten der schlauen und schönen, oftmals nicht ganz günstigen und sehr anspruchsvollen Magazine, die Läden wie Do You Read Me?, ProQm und Motto in Berlin oder Ausnahmeverlag und Sautter+Lackmann in Hamburg anbieten, drängt sich allerdings die Frage auf: Geht es den Lesern überhaupt um die Inhalte?

Liest jemand tatsächlich ein 300 Seiten starkes Magazin wie etwa die aktuelle Ausgabe von Kultur und Gespenster (12 Euro) mit intellektuellen bis kryptischen Beiträgen über Drogen? Oder werden diese Magazine eigentlich vor allem aus Stilgründen gekauft, als schöne Objekte, die man sich dekorativ und vor allem sichtbar auf den Coffee Table legt?

Jessica Reitz von Do you read me? sagt: "Die meisten Leser interessieren sich für den Inhalt. Gute Fotostrecken, intelligent geschriebene Artikel sind essenziell, aber ebenso wird natürlich Wert auf gute Gestaltung, auf die Umsetzung wie auch die Haptik gelegt. Die Illustrierte war gestern – die meisten der Publikationen, die wir in unser Sortiment aufnehmen, wollen gelesen werden."

Printmagazine, meint Julia Boeck, die das Berliner Stadtteilmagazin Der Wedding (6 Euro) herausgibt, sind Liebhaberstücke, die ins Buchregal wandern: "Man kann sie immer wieder lesen. Holt man sie nach Jahren hervor, erfährt man Zeitgeist und Lebensgefühl einer Generation." Wie aber kommt man ausgerechnet auf die Idee, dem so unhippen Wedding ein Magazin zu widmen?

Axel Völcker, Herausgeber und Artdirector des Heftes, sagt: "Beim Blick aus dem Küchenfenster meiner Weddinger Erdgeschosswohnung sah ich ein riesiges, mit Blumen bepflanztes Baugerüst und hatte die Idee, ein Magazin zu gestalten, das die kleinen Geschichten des Großstadtalltags im Bezirk auf authentische Weise darstellt." Das Konzept kommt gut an: Die 5000 gedruckten Exemplare sind jedes Mal schnell vergriffen.

Die neuen Magazine sind brotlose Kunst

Stellvertretend für diesen hochwertigen, kleinteiligen und fast zeitlosen Magazinjournalismus steht auch Ein Magazin über Orte (11 Euro). Das Magazin mit dem selbsterklärenden Namen erscheint halbjährlich und hat in jeder Ausgabe einen anderen Ort zum Thema: Die Küche, den Park, den Schreibtisch oder – wie die letzte Ausgabe – das Meer.

Große Weißflächen umgeben Fotos und Zeichnungen von Stränden, ein bisschen wie in einer Galerie. Texte finden sich wie in einem Ausstellungskatalog gesondert und erst im hinteren Teil des Magazins. Alles ist zweisprachig gehalten, Deutsch und Englisch, verschiedene literarische Genres sind vertreten – Lyrik, Prosa, Songtexte. Dieses Jahr gewann das Magazin über Orte sogar den Lead Award, einen jährlich an deutsche Print- und Online-Medien vergebenen Preis, in der Kategorie "Newcomer des Jahres".

Ähnlich anspruchsvoll, inhaltlich wie ästhetisch, ist auch Rang und Namen (7 Euro). Das Magazin, das an der Bauhaus-Uni Weimar entsteht, stellt vor allem Bauhaus-Studenten und ihre "Schubladenarbeiten" vor – mit Texten, Fotos, Interviews, Illustrationen, modern gestaltet und mit Sonderfarben gedruckt. "Die Hochwertigkeit eines gut gemachten Printmagazins strahlt auch auf seinen Inhalt ab, genauso setzt aber ein hochwertiger Inhalt auch wieder Ansprüche an seine Präsentation voraus", sagt Konstantin Wolf von Rang und Namen. Bei jeder Ausgabe wechselt ein Teil der Redaktion. Die Arbeiten unterscheiden sich daher sehr in der Gestaltung – die erste Ausgabe war sogar handgenäht.

Finanziell lohnen sich allerdings die wenigsten dieser Magazine. Während neue Gruner + Jahr-Publikationen wie zuletzt Beef und Business Punk mit 100.000 Exemplaren auf den Markt gebracht wurden, finden die meisten unabhängigen Magazine eher in der Nische statt: Die Auflagen liegen zwischen 250 und 5000 Stück. Die Macher sind Designer, Fotografen, Journalisten oder Künstler und leben von ihren anderweitigen Aufgaben in ebendiesen Bereichen.

Das gilt auch für das Magazin mono.kultur (4 Euro), das in jeder Ausgabe nur jeweils eine einzige Person porträtiert. Obwohl 10.000 Exemplare davon verbreitet werden, ist mono.kultur für seine Macher tatsächlich recht brotlose Kunst: "Von mono.kultur zu leben war nie unser Anspruch", erzählt Herausgeber Kai von Rabenau. "Das Magazin sollte von Anfang an ein persönliches und zwangfreies Magazin sein. Und das wird es auch bleiben."

Genau diese ökonomische Freiheit, gepaart mit dem bei Lesern gestiegenen Bewusstsein für gute Gestaltung und qualitativ hochwertige Inhalte scheinen der Grund für den aktuellen Rummel um die neuen Magazine zu sein. Miss Read-Veranstalterin Vanessa Adler sagt: "Was in den 1990ern der DJ war, ist jetzt der Magazinmacher – Verlegen ist schick geworden."

Doch die neue Verlegerei ist nicht bloß ein kurzlebiger Trend, sondern auch dem Strukturwandel des Journalismus geschuldet. Konstantin Wolf von Rang und Namen fasst es so zusammen: "Wer es schafft, dynamische Inhalte und seriöse, symbolträchtige Haptik und Emotion zu verbinden, wird auch in 20 Jahren jede Menge Magazine verkaufen."

Anmerkung der Redaktion: Der Mitherausgeber von Kultur und Gespenster, Gustav Mechlenburg, war bis Frühjahr 2010 für ZEIT ONLINE tätig.