Ein Dachgarten auf einem Fünf-Sterne-Hotel in Singapur © Roslan Rahman/AFP/Getty Images

Nebukadnezar II. war wohl das, was man heute einen visionären Stadtplaner nennen würde. 600 vor Christus ließ er die Hängenden Gärten von Babylon bauen, eines der sieben Weltwunder in der antiken Welt. Sie bestanden aus Gewölben, die das gesamte Gewicht der bepflanzten Terrassen trugen. Vermutlich waren die Hängenden Gärten die ersten Dachgärten der Menschheitsgeschichte. Ob sie nur der Ästhetik wegen angelegt wurden oder einen konkreten Nutzen erfüllten, darüber lässt sich nur spekulieren.

2600 Jahre später: Die Städte explodieren, immer mehr Flächen werden zersiedelt. Asphalt, Beton und Stein absorbieren die Sonnenenergie und heizen auf. Sie speichern die Wärme und geben diese an ihre Umwelt ab. Den Metropolen des 21. Jahrhunderts mangelt es an Platz und frischer Luft. Städteplaner, Architekten und Forscher suchen nach Wegen, neue innerstädtische Grünflächen zu schaffen. Auf den Hausdächern sind sie fündig geworden. 

"Die Pflanzen kühlen das Gebäude schon allein dadurch, dass sie sich wie ein Mantel um sie legen," sagt Phil Jones von der britischen Universität Cardiff . "Dadurch lässt sich Energie einsparen, die in den Gebäuden für den Betrieb der Klimaanlagen draufgeht." Jones hat das 2007 zusammen mit seiner Kollegin Eleftheria Alexandri in einer Studie untersucht. Sie haben bepflanzte und freie Dächer miteinander verglichen und die Temperaturen außer- und innerhalb von Gebäuden gemessen. Ihr Ergebnis haben sie im Journal Building and Environment veröffentlicht : Dachgärten können die lokalen Temperaturen um 3,6 bis 11,3 Grad abkühlen – je nach Umgebungstemperatur.

Um die Fotostrecke über New Yorker Dachgärten zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild © 2010 Betsy Pinover Schiff

Den Einfluss von Dachgärten auf das Mikroklima hat auch Karen Liu vom Bauforschungsinstitut des Nationalen Forschungsrats (NRC) in Ottawa erforscht. In einem Experiment hat sie auf der 70 Quadratmeter großen Fläche eines Campusgebäudes ein unbegrüntes Dach mit einem Dachgarten verglichen. An einem heißen Sommertag betrug die Umgebungstemperatur 35 Grad Celsius. Das Referenzdach ohne Pflanzen heizte in der Sonne auf satte 70 Grad auf. Das Dach mit Pflanzen war hingegen zehn Grad kühler als die Umgebung.

Die Pflanzen auf dem Dach mildern die Temperaturen ab, indem sie Sonnenlicht absorbieren, Schatten werfen und Verdunstungskälte erzeugen, schreibt die Bauforscherin in dem Gutachten von 2002 . Das Grün auf dem Dach speichere zudem Regenwasser und verzögere das Absickern. Die bepflanzten Dächer könnten dadurch einen erheblichen Beitrag dazu leisten, die Abwässerkanäle zu entlasten, schreibt Liu.

Auch Wigbert Riehl von der Fakultät für Architektur der Universität Kassel hält viel von Pflanzen auf dem Dach: Sie kühlen die Umgebung, schonen die Bausubstanz, speichern Regenwasser und entlasten die Kanalisation. "Große, zusammenhängende, grüne Dachflächen können sogar das Stadtklima positiv beeinflussen und extreme Temperaturen ausgleichen", sagt Riehl. Der Architekt hat tausende Quadratmeter Dach in Deutschland begrünt und forscht an neuen, möglichen Bauweisen. Er stimmt seinen amerikanischen Kollegen zu, was die Abwasserpolitik betrifft: "Viele Kommunen haben in den vergangenen Jahren Millionen in Regenrückhaltebecken investiert und versucht, an den Symptomen herumzudoktern – anstatt den Regen da aufzunehmen, wo er auf den Boden trifft, auf dem Dach."

Sollten wir also mehr "Roofgardens" in Deutschland bauen? "Das ist eine Glaubensfrage", sagt Riehl. "Es gibt Fürsprecher und Gegensprecher. Und jeder rechnet sein Modell so lange schön, bis es passt." In Deutschland gibt es rund 1200 Millionen Quadratmeter Flachdächer, schätzt der Architekt. Ein Drittel davon ist bepflanzt. "Ein begrüntes Garagendach allein wird hier nicht viel bewirken – aber wenn Sie die Dächer von großen Bürogebäuden und Industriehallen bepflanzen, dann wird das schon was ausmachen."