DachgärtenDie kühlen Grünen

Pflanzen über der Stadt: Dachgärten sind nicht nur dekorativ anzusehen. Sie kühlen an heißen Tagen und schonen die Kanalisation nach starken Regenfällen. von 

Ein Dachgarten auf einem Fünf-Sterne-Hotel in Singapur

Ein Dachgarten auf einem Fünf-Sterne-Hotel in Singapur  |  © Roslan Rahman/AFP/Getty Images

Nebukadnezar II. war wohl das, was man heute einen visionären Stadtplaner nennen würde. 600 vor Christus ließ er die Hängenden Gärten von Babylon bauen, eines der sieben Weltwunder in der antiken Welt. Sie bestanden aus Gewölben, die das gesamte Gewicht der bepflanzten Terrassen trugen. Vermutlich waren die Hängenden Gärten die ersten Dachgärten der Menschheitsgeschichte. Ob sie nur der Ästhetik wegen angelegt wurden oder einen konkreten Nutzen erfüllten, darüber lässt sich nur spekulieren.

2600 Jahre später: Die Städte explodieren, immer mehr Flächen werden zersiedelt. Asphalt, Beton und Stein absorbieren die Sonnenenergie und heizen auf. Sie speichern die Wärme und geben diese an ihre Umwelt ab. Den Metropolen des 21. Jahrhunderts mangelt es an Platz und frischer Luft. Städteplaner, Architekten und Forscher suchen nach Wegen, neue innerstädtische Grünflächen zu schaffen. Auf den Hausdächern sind sie fündig geworden. 

Anzeige
Urban Gardening

Holt das Grün in die Stadt! Urban Gardening ist die Neuinterpretation eines traditionellen Lebensstils: des Gärtnerns.

Doch die neuen Gärtner wollen mehr, als nur Rosen züchten. Mit illegalen Pflanzaktionen, wilden Dachgärten, individuellen Balkonbeeten und offenen Gemeinschaftsgärten versuchen sie, der Natur mehr Spielraum zu geben. Vergessene Areale werden zu Lehr- und Versuchsgärten für Jung und Alt. Hässliche Straßen werden schöner, Nachbarn finden zusammen. Und: Es darf gepflückt werden!

In unserem Schwerpunkt geht es um die unterschiedlichen Auswüchse des Urban Gardening.

Unsere Geschichten zum Thema

Das Buch zum Thema: Urban Gardening – Alles, was man wissen muss

Grüne Seiten: Gartentipps aus dem Netz

Die Prinzessinnengärten in Berlin gehen in die dritte Saison

Richard Reynolds, der Guru des Guerilla Gardening, führt durch das grüne London

Firmengärten: Wo Mitarbeiter und Chef gemeinsam graben

Sind Gärtner automatisch die Guten? Unsere Autorin und unser Autor sind sich uneinig

Streitfall Gartenzaun: Was Mieter wissen müssen

Sound-Kolumne: Gärten als akustische Oasen

In Detroit wächst die Hoffnung: Können Gemeinschaftsgärten die marode Stadt retten?

Eine Liebeserklärung an die Datscha

Wie Dachgärten das Stadtklima positiv beeinflussen

Imkern in der Stadt: 3000 Königinnen machen eine Menge Arbeit

Warum der Blogger Henry Steinbock sich ausschließlich Tomaten widmet

Blumen werden überschätzt. Glaubt der Landschaftsarchitekt Peter Wirtz

Koblenz blüht auf, mit der Bundesgartenschau

Die Firma "Meine Ernte" befriedigt den Wunsch vieler Städter nach einem Gemüsegarten

Deutsche Schrebergärten in Bildern

Wenn Städter vom Leben auf dem Land träumen, hat das mit der Realität dort wenig zu tun

So baut man Kartoffeln auf dem Balkon an

Alle Texte, Fotos und Videos finden Sie auch auf der Themenseite Urban Gardening

"Die Pflanzen kühlen das Gebäude schon allein dadurch, dass sie sich wie ein Mantel um sie legen," sagt Phil Jones von der britischen Universität Cardiff . "Dadurch lässt sich Energie einsparen, die in den Gebäuden für den Betrieb der Klimaanlagen draufgeht." Jones hat das 2007 zusammen mit seiner Kollegin Eleftheria Alexandri in einer Studie untersucht. Sie haben bepflanzte und freie Dächer miteinander verglichen und die Temperaturen außer- und innerhalb von Gebäuden gemessen. Ihr Ergebnis haben sie im Journal Building and Environment veröffentlicht : Dachgärten können die lokalen Temperaturen um 3,6 bis 11,3 Grad abkühlen – je nach Umgebungstemperatur.

Um die Fotostrecke über New Yorker Dachgärten zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild

Um die Fotostrecke über New Yorker Dachgärten zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild  |  © 2010 Betsy Pinover Schiff

Den Einfluss von Dachgärten auf das Mikroklima hat auch Karen Liu vom Bauforschungsinstitut des Nationalen Forschungsrats (NRC) in Ottawa erforscht. In einem Experiment hat sie auf der 70 Quadratmeter großen Fläche eines Campusgebäudes ein unbegrüntes Dach mit einem Dachgarten verglichen. An einem heißen Sommertag betrug die Umgebungstemperatur 35 Grad Celsius. Das Referenzdach ohne Pflanzen heizte in der Sonne auf satte 70 Grad auf. Das Dach mit Pflanzen war hingegen zehn Grad kühler als die Umgebung.

Die Pflanzen auf dem Dach mildern die Temperaturen ab, indem sie Sonnenlicht absorbieren, Schatten werfen und Verdunstungskälte erzeugen, schreibt die Bauforscherin in dem Gutachten von 2002 . Das Grün auf dem Dach speichere zudem Regenwasser und verzögere das Absickern. Die bepflanzten Dächer könnten dadurch einen erheblichen Beitrag dazu leisten, die Abwässerkanäle zu entlasten, schreibt Liu.

Auch Wigbert Riehl von der Fakultät für Architektur der Universität Kassel hält viel von Pflanzen auf dem Dach: Sie kühlen die Umgebung, schonen die Bausubstanz, speichern Regenwasser und entlasten die Kanalisation. "Große, zusammenhängende, grüne Dachflächen können sogar das Stadtklima positiv beeinflussen und extreme Temperaturen ausgleichen", sagt Riehl. Der Architekt hat tausende Quadratmeter Dach in Deutschland begrünt und forscht an neuen, möglichen Bauweisen. Er stimmt seinen amerikanischen Kollegen zu, was die Abwasserpolitik betrifft: "Viele Kommunen haben in den vergangenen Jahren Millionen in Regenrückhaltebecken investiert und versucht, an den Symptomen herumzudoktern – anstatt den Regen da aufzunehmen, wo er auf den Boden trifft, auf dem Dach."

Sollten wir also mehr "Roofgardens" in Deutschland bauen? "Das ist eine Glaubensfrage", sagt Riehl. "Es gibt Fürsprecher und Gegensprecher. Und jeder rechnet sein Modell so lange schön, bis es passt." In Deutschland gibt es rund 1200 Millionen Quadratmeter Flachdächer, schätzt der Architekt. Ein Drittel davon ist bepflanzt. "Ein begrüntes Garagendach allein wird hier nicht viel bewirken – aber wenn Sie die Dächer von großen Bürogebäuden und Industriehallen bepflanzen, dann wird das schon was ausmachen."

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. der tiefe Teller wieder neu erfunden.
    Fachfirmen für grüne Dächer gab es schon immer.
    Es gibt nichts Neues unter der Sonne, außer das Vergessene.

  2. Revolutionaer waere da schon mal der Ansatz das Auto aus den Staedten zu draengen. Warum verschwenden wir soviel Platz fuer Parkplaetze? Da koennte man jede Menge Gruenflaechen schaffen, wenn der Mensch mal Vorrang vor dem Auto haette.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Auch wenn Sie keine Autos mögen, so bewegt sich doch die überwiegende Anzahl der Bundesbürger damit fort.

    Sie sind also klar in der Minderheit.

    mit dem Fahrrad ja so problemlos Großeinkäufe erledigen ...

  3. Auch wenn Sie keine Autos mögen, so bewegt sich doch die überwiegende Anzahl der Bundesbürger damit fort.

    Sie sind also klar in der Minderheit.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nur muessen sie unser Stadtbild so dominieren? Das ist die einzige Frage die ich stelle.

    Fasst alle meine Freunde und Bekannte, die in Hamburg wohnen, haben gar kein Auto mehr. Der Sinn des Autos ergibt sich kaum. Wenn ich aber Freunde aus benachbarten Gemeinden dazu nehme, dann haben dort die meisten ein Auto.
    Übrigens haben die meisten Deutschen gar kein Auto:
    1. gehören viele Autos der Bank.
    2. sind viele Autos Eigentum einer Firma.

    So hat also nicht jeder 2. ein Auto ;-)

  4. mit dem Fahrrad ja so problemlos Großeinkäufe erledigen ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Klar lassen sich damit Großeinkäufe erledigen? Schon mal was von Fahrradanhängern gehört? Sämtliche Einkäufe tätige ich damit.
    In der Großstadt baucht man kein Auto. Punkt. Falls man doch mal eine Schrankwand transportieren muss, gibts ja die Möglichkeit Autos für wenige Stunden zu mieten...

    Ich finde die Ignoranz und Überheblichkeit vieler Autofetrischisten bezeichnet.

    Wer völlig zu Recht gegen zu viele Autos in (Innen)städten ist wird sofort als weltfremder Anti Auto Freak diffamiert von wegen "Großeinkäufe mit dem Fahrrad sind ja so toll" etc..

    Vorgeschobene Autoideologie nichts anders ist das.

    Natürlich geht es ganz ohne Auto nicht immer, aber gerade in Innenstädten ist dieses stauanfällige Vehikel alles andere als zweckmäßig.

    Und wer intelligent einkauft, braucht nicht ständig Großeinkäufe die nur mit dem Auto zu bewerkstelligen sind sondern kauft vielle kleine Dinge zwischendurch das geht eben auch z.B. mit dem Fahrrad.

    Untersuchungen beweisen, das auch die Wege zur Arbeit im städtischen Raum oft kleiner als 10 km sind, also locker z.B. mit dem Fahhrad zu bewältigen sind, ohnen großen zeitlichen Mehraufwand, den in der Rushour verstopfte Strassen plus zeitaufwändige Parkplatzsuche fressen oft schnell den vermeintlichen Zeitvorteil auf.

    Von turen Parkgebühren ganz zu schweigen.

    Wirklich intelligente Verkehrskonzepte würden nicht auf ein weiter so setzen, sondern Verkehrmittel je nach möglichst maximaler Effektivität fördern und da ist das Auto gerade in Innenstädten ziemlich weit hinten.

    Den gewohnnen Platz könnte man u.a. für mehr vernünftige Radwege oder Bus Vorrangspuren nutzen und natürlich auf für mehr Grünflächen.
    Die steigert die Lebensqualität deutlich und vermindert die Stadtflucht samt dann nötigen Pendelerverkehr.

  5. Nur muessen sie unser Stadtbild so dominieren? Das ist die einzige Frage die ich stelle.

    Antwort auf "Pech gehabt."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wenn Ihnen das nicht gefällt, warum wohnen Sie dann in einer Stadt? Sie wussten doch genau, worauf Sie sich einlassen. Mich stören die Autos jedenfalls nicht.

    Und falls es politisches Ziel sein sollte, die Autos aus der Stadt zu kriegen, wäre das ganz einfach: Außenrum um die Stadt lauter kostenlose Parkplätze schaffen, den ÖPNV besser machen (z.B. keine Betriebspause in der Nacht) und kostenlos.

    Nur leider würde das viel Geld kosten, was sich durch die neuen Grünflächen nicht wieder reinholen ließe.

    Ich wohne in Paris, und selbst hier kann man nicht völlig auf's Auto verzichten.

  6. Klar lassen sich damit Großeinkäufe erledigen? Schon mal was von Fahrradanhängern gehört? Sämtliche Einkäufe tätige ich damit.
    In der Großstadt baucht man kein Auto. Punkt. Falls man doch mal eine Schrankwand transportieren muss, gibts ja die Möglichkeit Autos für wenige Stunden zu mieten...

    Antwort auf "Es lassen sich ..."
  7. Ich finde die Ignoranz und Überheblichkeit vieler Autofetrischisten bezeichnet.

    Wer völlig zu Recht gegen zu viele Autos in (Innen)städten ist wird sofort als weltfremder Anti Auto Freak diffamiert von wegen "Großeinkäufe mit dem Fahrrad sind ja so toll" etc..

    Vorgeschobene Autoideologie nichts anders ist das.

    Natürlich geht es ganz ohne Auto nicht immer, aber gerade in Innenstädten ist dieses stauanfällige Vehikel alles andere als zweckmäßig.

    Und wer intelligent einkauft, braucht nicht ständig Großeinkäufe die nur mit dem Auto zu bewerkstelligen sind sondern kauft vielle kleine Dinge zwischendurch das geht eben auch z.B. mit dem Fahrrad.

    Untersuchungen beweisen, das auch die Wege zur Arbeit im städtischen Raum oft kleiner als 10 km sind, also locker z.B. mit dem Fahhrad zu bewältigen sind, ohnen großen zeitlichen Mehraufwand, den in der Rushour verstopfte Strassen plus zeitaufwändige Parkplatzsuche fressen oft schnell den vermeintlichen Zeitvorteil auf.

    Von turen Parkgebühren ganz zu schweigen.

    Wirklich intelligente Verkehrskonzepte würden nicht auf ein weiter so setzen, sondern Verkehrmittel je nach möglichst maximaler Effektivität fördern und da ist das Auto gerade in Innenstädten ziemlich weit hinten.

    Den gewohnnen Platz könnte man u.a. für mehr vernünftige Radwege oder Bus Vorrangspuren nutzen und natürlich auf für mehr Grünflächen.
    Die steigert die Lebensqualität deutlich und vermindert die Stadtflucht samt dann nötigen Pendelerverkehr.

    Antwort auf "Es lassen sich ..."
  8. Wenn Ihnen das nicht gefällt, warum wohnen Sie dann in einer Stadt? Sie wussten doch genau, worauf Sie sich einlassen. Mich stören die Autos jedenfalls nicht.

    Und falls es politisches Ziel sein sollte, die Autos aus der Stadt zu kriegen, wäre das ganz einfach: Außenrum um die Stadt lauter kostenlose Parkplätze schaffen, den ÖPNV besser machen (z.B. keine Betriebspause in der Nacht) und kostenlos.

    Nur leider würde das viel Geld kosten, was sich durch die neuen Grünflächen nicht wieder reinholen ließe.

    Ich wohne in Paris, und selbst hier kann man nicht völlig auf's Auto verzichten.

    Antwort auf "Bin nicht gegen Autos"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist das nicht die Stadt in der 80% des Individualverkehrs von Pendlern verursacht wird? Im Gruenen wohnen und zum Arbeiten in den Moloch fahren. Wie gesagt ich bin nicht gegen Autos, aber in der Stadt waeren mehr Gruenflaechen anstatt Autobahnen mehr Lebensqualitaet. London und Stockholm haben einen ersten Schritt mit der Stadtmaut gemacht. Das waere meiner Meinung eine Loesung. Auch fuer Paris. Dessen oeffentlicher Verkehr koennte eine kleine Finanzspritze aus so einer Gebuehr durchaus gut tun.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Grüne | Architekt | Gebäude | Ottawa | Pflanze | Sonnenenergie
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service