Gärten in Detroit Hier wächst die Hoffnung

Detroit war einst eine Industriestadt. Heute werden Fabrikgelände in Beete und Äcker verwandelt. Kann die Gartenbewegung die marode Stadt retten?

Patrick Crouch, der Leiter der Earthworks Farm, erklärt Freiwilligen, was zu tun ist.

Patrick Crouch, der Leiter der Earthworks Farm, erklärt Freiwilligen, was zu tun ist.

An der Decke der Fabrik haben sich Tropfsteine gebildet. Der Wind fegt durch die Produktionsräume, die Splitter in den Fensterrahmen beginnen zu klingen. Durch die eingeschlagenen Fenster kann man eine Wiese sehen: Kräftige Bäume stehen um ein Stück freigelegter Erde. Ein kleiner Garten, noch im Winterschlaf. Jemand hat ein Schild aufgestellt: Anderson Community Garden. In ein paar Wochen wird hier, gegenüber der Fabrikruine Fisher Body 21, frisches Grün sprießen. Verfall und Wachstum sind in Detroit Nachbarn.

Speramus Meliora – Wir hoffen auf Besseres – steht auf der Flagge der Stadt. Wie einst die Fabriken sind es heute die Gärten, die Besuchern das Gefühl geben, dass Detroit eine Zukunft hat. Seit den neunziger Jahren hat bei Fisher Body 21 niemand mehr gearbeitet. Früher wurden hier Cadillac-Karosserien gebaut. Die Autoindustrie war Detroits wichtigster Wirtschaftsfaktor. In den fünfziger Jahren schienen die Förderbänder der Fabriken bares Geld zu transportieren. Detroit stand für Chrom und kraftvolle Motoren. Heute stehen in der Stadt mehr Ruinen als in Rom oder Athen: leere Wolkenkratzer und Kinos, Wohn- und Gotteshäuser. Rund eine Million Menschen haben "Motortown" seit der Blütezeit verlassen. Ganze 713.777 Einwohner hat die Stadt heute noch. Das Stadtgebiet jedoch ist so groß wie San Francisco, Boston und Manhattan zusammen.

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Willie Spivey ist einer von denen, die geblieben sind. Er arbeitet auf der Earthworks Farm, einem gemeinnützigen Gartenprojekt in Detroits Eastside, nur fünf Minuten Fahrtzeit von den Hochhäusern in Downtown entfernt. Zwei Morgen Land, etwas mehr als 8000 Quadratmeter, gehören zu der Farm, die mithilfe von Freiwilligen Obst und Gemüse in Bioqualität anbaut. In der näheren Umgebung der Felder ist der Verfall besonders deutlich. Viele der Häuser haben vernagelte Fenster. Manche sind abgebrannt. Es gibt einige Gewerbegebäude, eine Tankstelle. Dazwischen liegt Brachland. Und ein Franziskaner-Kloster mit akkurat gestutzten Bäumen.

"Bevor ich anfing, bei Earthworks zu arbeiten, stand ich für mein Essen in der Suppenküche des Klosters an." Willie Spivey ist 56 Jahre alt. Früher hat er sich als Hilfsarbeiter verdingt. Im Jahr 2009 reichte das nicht mehr, um Essen zu kaufen. Es war das Jahr der Finanzkrise. In Detroit gab es drei Mal mehr Arbeitslose als in jeder anderen amerikanischen Stadt: Ganze 22 Prozent der Bevölkerung waren ohne feste Stelle. Was in Detroit auch bedeuten kann: Ohne Zugang zu gesunder Nahrung. Die Nahrungskette in der Stadt ist gerissen.

Leser-Kommentare
  1. Dort wurde die Stadtgartenkultur zu schlimmsten Mangelzeit Anfang der 90er Jahre eingeführt und nährt das Volk nun prächtig.

  2. Mich hat die Geschichte sehr berührt. Es ist doch immer wieder faszinierend wie Menschen mit Konstruktivität und Gemeinsinn den Weg aus Krisen finden, in diesem besonderen Fall sogar mit direkter Hilfe von Mutter Natur.
    Liebe siegt langfristig über den Hass und die Verachtung, diese Erkenntniss ist immer wieder schön. Es besteht also noch Hoffnung für Amerika und damit auch für die Welt.

    Eine Leser-Empfehlung
    • snoek
    • 05.05.2011 um 12:49 Uhr
    3. .....

    Ich finde die jüngste Geschichte Detroits faszinierend, aber auch erschreckend. Eine Stadt dieser Größe wird von seinen Bewohnern verlassen. Ganze Viertel sind fast unbewohnt. Ich würde gern mal mit dem Auto durchfahren. Ruinen wirken anziehend auf mich. Schon als Kinder haben wir oft Ruinen erkundet. In einer Wolkenkratzerruine war ich noch nicht. Das wäre aber sicherlich hochinteressant. Und auch ein bisschen unheimlich.

    Es hat auch etwas Mad-Max-artiges, wenn es ein einer Stadt dieser Größe kein Kaufhaus, keinen Supermarkt mehr gibt und die Bewohner anfangen in Industriebrachen Landwirtschaft zu betreiben, weil sie anders die Versorgung nicht sicher stellen können. Man fragt sich, wieso sie noch dort leben.

    Ein sehr schöner Artikel!

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    ... es ein einer Stadt dieser Größe kein Kaufhaus, keinen Supermarkt mehr gibt und die Bewohner anfangen in Industriebrachen Landwirtschaft zu betreiben, weil sie anders die Versorgung nicht sicher stellen können. Man fragt sich, wieso sie noch dort leben. ..?

    Wenn es so wäre, würde kein Garten mehr helfen, denn das Autarkie-Gefasel endet recht zügig in der Realität.

    Vielleicht sollten Sie sich mit dem Thema shrinking cities mal ernsthaft befassen, als nur vom Faszinosum der Ruinen zu raunen.

    Ich finde Ruinen auch wahnsinnig faszinierend! Wenn ich diesen Artikel lese, bekomme ich den Eindruck, dass es an so einem Ort wirklich noch möglich ist, Dinge zu verändern, auszuprobieren, kreativ zu sein... etwas zu bewirken! Eine solche Stadt zu besuchen erscheint mir tausendmal spannender als an einem überfüllten Strand in der Sonne zu garen!

    Wer spricht hier von Autarkie? fruchtbares Land ungenutzt zu lassen an einem Ort wo es von Arbeitslosen wimmelt ist schlichte Dummheit! Das Ziel muss keineswegs eine vollständige Selbstversorgung sein! alleine der Prozess des Anbaus, der Gestaltung der Umgebung, und die Freuden der Ernte entlöhnen doch schon. Wenn dabei noch frisches, selbstgezogenes Gemüse auf den Teller kommt freut das nicht nur den Gaumen sondern auch das Herz!

    ... es ein einer Stadt dieser Größe kein Kaufhaus, keinen Supermarkt mehr gibt und die Bewohner anfangen in Industriebrachen Landwirtschaft zu betreiben, weil sie anders die Versorgung nicht sicher stellen können. Man fragt sich, wieso sie noch dort leben. ..?

    Wenn es so wäre, würde kein Garten mehr helfen, denn das Autarkie-Gefasel endet recht zügig in der Realität.

    Vielleicht sollten Sie sich mit dem Thema shrinking cities mal ernsthaft befassen, als nur vom Faszinosum der Ruinen zu raunen.

    Ich finde Ruinen auch wahnsinnig faszinierend! Wenn ich diesen Artikel lese, bekomme ich den Eindruck, dass es an so einem Ort wirklich noch möglich ist, Dinge zu verändern, auszuprobieren, kreativ zu sein... etwas zu bewirken! Eine solche Stadt zu besuchen erscheint mir tausendmal spannender als an einem überfüllten Strand in der Sonne zu garen!

    Wer spricht hier von Autarkie? fruchtbares Land ungenutzt zu lassen an einem Ort wo es von Arbeitslosen wimmelt ist schlichte Dummheit! Das Ziel muss keineswegs eine vollständige Selbstversorgung sein! alleine der Prozess des Anbaus, der Gestaltung der Umgebung, und die Freuden der Ernte entlöhnen doch schon. Wenn dabei noch frisches, selbstgezogenes Gemüse auf den Teller kommt freut das nicht nur den Gaumen sondern auch das Herz!

  3. ...wird Sindelfingen bald wieder Viehweide, ab Untertürkheim wird Wein angebaut, aus Möhringen machen wir eine große Schrebergartenanlage. Die neue Regierung fordert ja schon weniger Autos statt mehr - und ist der Zukunft damit wieder ein großes Stück voraus.

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    als neue Porsche, die ohne Sprit sowieso nicht mehr fahren.

    als neue Porsche, die ohne Sprit sowieso nicht mehr fahren.

  4. ... es ein einer Stadt dieser Größe kein Kaufhaus, keinen Supermarkt mehr gibt und die Bewohner anfangen in Industriebrachen Landwirtschaft zu betreiben, weil sie anders die Versorgung nicht sicher stellen können. Man fragt sich, wieso sie noch dort leben. ..?

    Wenn es so wäre, würde kein Garten mehr helfen, denn das Autarkie-Gefasel endet recht zügig in der Realität.

    Vielleicht sollten Sie sich mit dem Thema shrinking cities mal ernsthaft befassen, als nur vom Faszinosum der Ruinen zu raunen.

    Antwort auf "....."
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    • snoek
    • 06.05.2011 um 9:00 Uhr

    „Vielleicht sollten Sie sich mit dem Thema shrinking cities mal ernsthaft befassen, als nur vom Faszinosum der Ruinen zu raunen.“

    Inwiefern würde das die Situation Detroits verbessern? Ich darf fasziniert sein von was ich will.

    • snoek
    • 06.05.2011 um 9:00 Uhr

    „Vielleicht sollten Sie sich mit dem Thema shrinking cities mal ernsthaft befassen, als nur vom Faszinosum der Ruinen zu raunen.“

    Inwiefern würde das die Situation Detroits verbessern? Ich darf fasziniert sein von was ich will.

  5. Hallo,
    ich halte es für grob fahrlässig auf Altindustrieland ohne vorherige Sanierung Nahrungsmittel anzubauen. Frau Braun, Sie schreiben dass Bodenproben genommen werden. Haben Sie hierzu weitere Informationen?

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    Redaktion

    Sehr geehrter cicero85,

    die Gartenbewegung in Detroit wird von der Michigan State University in East Lansing unterstützt. Die Universität hat sich aus einer Landwirtschaftsschule heraus entwickelt. Dass die involvierten Wissenschaftler – unter anderem die von mir zitierte Katherine Alaimo oder Kathryn Colasanti, die mir ihre Studien zur Verfügung gestellt hat – wissen, was sie tun, steht außer Frage, denke ich.

    Bodenproben zu nehmen ist auch nicht ganz so aufwendig, wie es klingt. Wenn Sie nicht sicher sind, ob die Erde in Ihrem Garten frei von Schadstoffen ist, dann können Sie eine Analyse durchführen lassen. Das geht gut, wenn Sie schon einen Verdacht haben, womit der Boden kontaminiert sein könnte. Die Kosten liegen je nachdem, worauf Sie testen lassen, zwischen 50 und 350 Euro (Ausnahmen bestätigen die Regel).

    Eine Alternative dazu sind Hochbeete, wie man sie auch in Detroit sehen kann. Hochbeete eignen sich auch für ältere oder körperlich beeinträchtigte Menschen.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    Das ist der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika. In Amerika macht man es einfach und sieht das Positive, wie es im Artikel so gut geschrieben ist. Nach meiner Kenntnis findet urban farming dort meist auf ehemaligen Wohnflächen statt und außer ein paar Ölflecken wird es da soviel Altlasten nicht geben. - In Deutschland wird erstmal gezweifelt und jeder Kleckerkram einer Machbarkeitsstudie unterzogen, das erstickt die gute Tat und ihre Verbreitung im Keim. Zum Glück gibt es bei uns auch einen Kulturwandel.

    Redaktion

    Sehr geehrter cicero85,

    die Gartenbewegung in Detroit wird von der Michigan State University in East Lansing unterstützt. Die Universität hat sich aus einer Landwirtschaftsschule heraus entwickelt. Dass die involvierten Wissenschaftler – unter anderem die von mir zitierte Katherine Alaimo oder Kathryn Colasanti, die mir ihre Studien zur Verfügung gestellt hat – wissen, was sie tun, steht außer Frage, denke ich.

    Bodenproben zu nehmen ist auch nicht ganz so aufwendig, wie es klingt. Wenn Sie nicht sicher sind, ob die Erde in Ihrem Garten frei von Schadstoffen ist, dann können Sie eine Analyse durchführen lassen. Das geht gut, wenn Sie schon einen Verdacht haben, womit der Boden kontaminiert sein könnte. Die Kosten liegen je nachdem, worauf Sie testen lassen, zwischen 50 und 350 Euro (Ausnahmen bestätigen die Regel).

    Eine Alternative dazu sind Hochbeete, wie man sie auch in Detroit sehen kann. Hochbeete eignen sich auch für ältere oder körperlich beeinträchtigte Menschen.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    Das ist der Unterschied zwischen Deutschland und Amerika. In Amerika macht man es einfach und sieht das Positive, wie es im Artikel so gut geschrieben ist. Nach meiner Kenntnis findet urban farming dort meist auf ehemaligen Wohnflächen statt und außer ein paar Ölflecken wird es da soviel Altlasten nicht geben. - In Deutschland wird erstmal gezweifelt und jeder Kleckerkram einer Machbarkeitsstudie unterzogen, das erstickt die gute Tat und ihre Verbreitung im Keim. Zum Glück gibt es bei uns auch einen Kulturwandel.

  6. als neue Porsche, die ohne Sprit sowieso nicht mehr fahren.

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