Richard Reynolds' erster Griff ins Blumenbeet hatte nichts mit Politik zu tun. Er wollte weder die Welt verändern, noch eine grüne Revolution beginnen. Er hatte es einfach satt, dass im verkümmerten Blumenbeet vor seinem Haus im Londoner Süden keine Primeln leuchteten, sondern Plastiktüten. "Es sah schlimm aus. Ich besorgte mir Tulpen, Stiefmütterchen und eine palmenartige Keulenlilie und begann ungefragt mit dem Begrünen."

Für seine Nachbarn war Reynolds der schräge Mieter, der auf eigene Faust Blumenzwiebeln in Kübeln versenkte. Heute, sieben Jahre später, gehört er zu den wichtigsten Vertretern der internationalen Guerilla-Gardening-Szene. Sein ebenfalls 2004 gegründetes Blog treibt Menschen zwischen London, Lyon und L.A. nächtens um die Häuser . Auf der Suche nach traurigen Beeten bewaffnen sie sich mit den Werkzeugen des kreativen Wachstums: Wasserflasche, Forke und Pflanzen.

Es ist Sonntagmittag und Reynolds begrüßt die Teilnehmer seiner legendären Stadtteiltour unweit seines Wohnhauses, direkt an einem Kreisverkehr. An einem schönen allerdings, voller gelber Tulpen. "Alle von uns gepflanzt!", sagt Reynolds. "Bei dieser Aktion wurden wir fast festgenommen. Die Polizei dachte zunächst, wir hätten Kriminelles vor. Guerilla Gardening ist großer Spaß, bedeutet aber nicht umsonst kleiner Krieg." Durch die Gruppe, Mittelklasse-Briten in den Dreißigern, geht ein wohliges Raunen. Die meisten von ihnen hatten sich Reynolds wohl anders vorgestellt: in Gummistiefeln, braun gebrannt und mit Acht-Tage-Bart, eben ein wenig wie die ersten Guerilla Gardener aus den siebziger Jahren in Manhattan. Doch der 33-Jährige ist perfekt rasiert, trägt Hornbrille und hat die zarten Hände eines Oxford-Absolventen. Dort studierte er Geographie. Nur eine feine Schicht Erde unter seinen Fingernägeln verrät, dass er die Zeit heute lieber an Beeten verbringt als im Büro der Werbeagentur, für die er arbeitet. 

Reynolds Traum wäre es, irgendwann von seinen Touren und Workshops leben zu können. Denn die sind längst kein Geheimtipp mehr und schnell ausgebucht. Seit seinem erfolgreichen Buch Guerilla Gardening (Orange Press Verlag) werden immer mehr Bücher zum urbanen Gärtnern aufgelegt. Guerilla Gardening beschreibt die ersten historischen Beispiele der Bewegung, erklärt die Motivation, gibt aber auch praktische Starthilfe für alle, die selbst lospflanzen wollen.

Die Beete vor seinem Haus, dort, wo für ihn 2004 alles begann, darf Reynolds inzwischen legal beackern und wird offiziell von der Gemeinde dafür bezahlt. Dennoch sieht er die Entwicklung in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden eher kritisch. Statt nachts anarchisch zu säen, muss er sich plötzlich am Tage mit städtischen Sesselhockern herumschlagen, die seine Bepflanzungsideen nicht mögen oder seine Beete ungefragt umgestalten. Unter der Erde liegen feine, unsichtbare Grenzen diverser Territorien: Manchmal gehört ein Teil einer Grünfläche dem Londoner Verkehrsnetz, ein anderer aber schon der jeweiligen Gemeinde.

Dass die Gemeinden sich durch die Kreativität und den Eifer der Guerilla-Gärtner vielleicht dazu animiert fühlen, öffentliche Bepflanzungen fantasievoller zu gestalten, kann Reynolds nicht beobachten. Im Gegenteil: "Seit sie sehen, dass es uns gibt, werden sie immer fauler und geben die Verantwortung total ab." Reynolds Einfluss auf private Gartengruppen ist dagegen unverkennbar. Viele von ihnen würdigen ihn in ihren Blogs: " Inspired by Richard Reynolds gardening ".