Guerilla-Gärtner Richard Reynolds : Der Robin Hood der Blumenbeete

Mit seinem Buch "Guerilla Gardening" löste Richard Reynolds 2004 einen Boom der eigenmächtigen Innenstadt-Begrünung aus. Was ist von seinen Idealen übrig geblieben?
Richard Reynolds in Aktion an einer Londoner Kreuzung. © Alessandro Rota

Richard Reynolds' erster Griff ins Blumenbeet hatte nichts mit Politik zu tun. Er wollte weder die Welt verändern, noch eine grüne Revolution beginnen. Er hatte es einfach satt, dass im verkümmerten Blumenbeet vor seinem Haus im Londoner Süden keine Primeln leuchteten, sondern Plastiktüten. "Es sah schlimm aus. Ich besorgte mir Tulpen, Stiefmütterchen und eine palmenartige Keulenlilie und begann ungefragt mit dem Begrünen."

Für seine Nachbarn war Reynolds der schräge Mieter, der auf eigene Faust Blumenzwiebeln in Kübeln versenkte. Heute, sieben Jahre später, gehört er zu den wichtigsten Vertretern der internationalen Guerilla-Gardening-Szene. Sein ebenfalls 2004 gegründetes Blog treibt Menschen zwischen London, Lyon und L.A. nächtens um die Häuser . Auf der Suche nach traurigen Beeten bewaffnen sie sich mit den Werkzeugen des kreativen Wachstums: Wasserflasche, Forke und Pflanzen.

Es ist Sonntagmittag und Reynolds begrüßt die Teilnehmer seiner legendären Stadtteiltour unweit seines Wohnhauses, direkt an einem Kreisverkehr. An einem schönen allerdings, voller gelber Tulpen. "Alle von uns gepflanzt!", sagt Reynolds. "Bei dieser Aktion wurden wir fast festgenommen. Die Polizei dachte zunächst, wir hätten Kriminelles vor. Guerilla Gardening ist großer Spaß, bedeutet aber nicht umsonst kleiner Krieg." Durch die Gruppe, Mittelklasse-Briten in den Dreißigern, geht ein wohliges Raunen. Die meisten von ihnen hatten sich Reynolds wohl anders vorgestellt: in Gummistiefeln, braun gebrannt und mit Acht-Tage-Bart, eben ein wenig wie die ersten Guerilla Gardener aus den siebziger Jahren in Manhattan. Doch der 33-Jährige ist perfekt rasiert, trägt Hornbrille und hat die zarten Hände eines Oxford-Absolventen. Dort studierte er Geographie. Nur eine feine Schicht Erde unter seinen Fingernägeln verrät, dass er die Zeit heute lieber an Beeten verbringt als im Büro der Werbeagentur, für die er arbeitet. 

Reynolds Traum wäre es, irgendwann von seinen Touren und Workshops leben zu können. Denn die sind längst kein Geheimtipp mehr und schnell ausgebucht. Seit seinem erfolgreichen Buch Guerilla Gardening (Orange Press Verlag) werden immer mehr Bücher zum urbanen Gärtnern aufgelegt. Guerilla Gardening beschreibt die ersten historischen Beispiele der Bewegung, erklärt die Motivation, gibt aber auch praktische Starthilfe für alle, die selbst lospflanzen wollen.

Die Beete vor seinem Haus, dort, wo für ihn 2004 alles begann, darf Reynolds inzwischen legal beackern und wird offiziell von der Gemeinde dafür bezahlt. Dennoch sieht er die Entwicklung in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden eher kritisch. Statt nachts anarchisch zu säen, muss er sich plötzlich am Tage mit städtischen Sesselhockern herumschlagen, die seine Bepflanzungsideen nicht mögen oder seine Beete ungefragt umgestalten. Unter der Erde liegen feine, unsichtbare Grenzen diverser Territorien: Manchmal gehört ein Teil einer Grünfläche dem Londoner Verkehrsnetz, ein anderer aber schon der jeweiligen Gemeinde.

Dass die Gemeinden sich durch die Kreativität und den Eifer der Guerilla-Gärtner vielleicht dazu animiert fühlen, öffentliche Bepflanzungen fantasievoller zu gestalten, kann Reynolds nicht beobachten. Im Gegenteil: "Seit sie sehen, dass es uns gibt, werden sie immer fauler und geben die Verantwortung total ab." Reynolds Einfluss auf private Gartengruppen ist dagegen unverkennbar. Viele von ihnen würdigen ihn in ihren Blogs: " Inspired by Richard Reynolds gardening ".

Kommentare

5 Kommentare Kommentieren

Was bleibt vom guerilla gardening

wenn die Akteure morgen die Lust verlieren, weil Garten, so plötzlich wie er in wurde, wieder out ist?
Eine gewisse Abscheu vor geregelten Verhälnisse ist ja ganz hübsch (und medienmäßig ist ja ohnehin total sexy, wie man sich flower-power-mäßig etwas erobert, was einen nicht gehört) für den Anfang einer Bewegung, aber es wird den Kommunen kaum zu vermitteln sein, dass sie da zuverlässige Begrünungs-Partner gewinnen und deshalb werden die positiven Reaktionen von dieser Seite begrenzt bleiben.

blödsinn

zum ersten teil des kommentars: wie sie sehen, hält sich dieser "trend" seit fast 7 jahren (nehmen wir mal mr. reynolds initiative als fixpunkt an) und wächst enorm. wenn sie ein bisschen über den tellerrand schauen, können sie sehen, dass auch in der architektur, der kunst, überhaupt in gestaltung & design, sei es von kleidung, möbeln etc (die liste wäre endlos) der "trend" in richtung grün, nachhaltig, sparsam, ökonomisch, ästhetisch-natürlich und diesbezüglich weiter in richtung selbstverwaltung bzw. eigeninitiative geht! da von einer "laune" zu sprechen, die auf einmal wieder "out" sein könnte, ist einfach nur kurzsichtig und dämlich-pessimistisch. die bewegung, die eigene stadt auf eigene faust zu verschönern (nicht nur durch gardening, es gibt zahlreiche andere initiativen) ist etwas wunderbares und kein oberflächlicher trend!

Glauben Sie was Sie schreiben?

Ich sehe eher, dass hierzulande mit ca. 5 Jahren Verspäteung etwas entdeckt und nachgehypt wird, was keinen Bestand haben wird, da schon die Nische der ungenutzten Grundstücke nicht tragfähig ist.
Gestern hielten die urbanen Trendnachtrotter Kleingärten für verschnarcht, heute ist gärtnern - sorry natürlich heißt es gardening - am Straßenrand total in und morgen ist wieder was anderes angesagt.
Ich bin lieber dämlich-pessimistisch als blauäugig-hypegläubig.

Kleiner Beleg fürs hypen gefällig?

Zitat ZEIT online
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Wenn das nicht auffällig ist ...