Die ersten Menschen wurden aus einem Garten vertrieben, völlig natürlich, dass wir uns immer noch danach sehnen. Warum uns Gärtnern Demut und Geduld lehrt, sagt die ZEIT-Textchefin Anna von Münchhausen.

Jetzt mal ehrlich: Menschen unter 40 tippen sich doch an die Stirn, wenn sie hören, Gärtnern sei so großartig. Leidenschaftliches Rupfen, Zupfen, Graben und Pflanzen werden meist der zweiten Lebenshälfte zugeordnet. Das alles spießig, bieder und langweilig zu finden, ist offenbar im menschlichen Genom so angelegt.

Um die Lebensmitte herum wächst die Passion allerdings heran wie eine Feuerbohne. Und dann gibt es kein Halten mehr. An einem Aprilmorgen weckt eine Blaumeise den Städter, und durchs Fenster zieht ein Aroma von Erde, Kräutern, Frühlingswürze. Stunden später steht man im Gartenzentrum und überlegt: Katzenminze? Bornholm-Margeriten? Oder doch lieber eine robuste Zwergrose? Welches Rot leuchtet am tiefsten, welches Weiß ist das reinste? Dazu mindestens zwei Sack Blumenerde, Dünger, eine sündteure Gartenschere und und und.

Was genau ist das Faszinierende an der Gartenarbeit? Erstens: Es lenkt ab. Ein Beet umgraben, die Rabatte jäten, Wegerich, Löwenzahn und Winden mit Stumpf und Stiel herausoperieren, damit die jungen Stauden nicht erwürgt werden, die Hecke stutzen – so etwas erfordert volle Aufmerksamkeit. Ärger in der Konferenz gehabt? Eine Intrige der Abteilung aufgedeckt? Druck und Panik aus dem Arbeitsalltag schrumpeln im Garten auf Saatkorngröße, und die Sauerstoff-Atome, die gleichzeitig das Hirn fluten, sorgen dort für beste Durchlüftung.

Aufgescheuerte Knie, der Dorn im Finger, das Ziehen im Rücken sind zwar Leiden, die jeder Gärtnernde vor anderen lauthals beklagt, aber insgeheim liebt er sie geradezu, weil er weiß: Sie sind der Preis, den er für Schönheit zahlt. Wenn die Kamelie aus lackglänzendem Blattwerk ihre hundert Blüten auffächelt, die Phloxstauden sich im Wind wiegen, wenn am Abend sanft die meterhohen Gräser wispern, ist jede Mühe hundertfach belohnt.

Zweitens: Gartenarbeit lehrt Demut und Geduld. Keinem, der jemals zum Spaten griff, bleiben bittere Erfahrungen erspart. Dürre, Platzregen, Schneckenplage oder Wühlmaus-Invasion zeigen dem Menschen, der angeblichen Krone der Schöpfung, eben kurz mal auf, dass er nichts weiter ist als ein Wurm im großen Kosmos der Planeten. Gartenarbeit bilde den Charakter, behauptete auch der amerikanische Autor Arthur Miller. "Immer wenn das Leben sinnlos oder unübersichtlich zu werden droht, kann man in den Garten gehen und etwas getan kriegen."

Etwas, das die Welt an einem winzigen Flecken heilt und verschönt... Gärtnern, das ist auch die Ur-Hoffnung, in der neuen Saison werde alles gelingen, alles gedeihen, alles zur üppigen Blüte gebracht. Was für ein Triumph, wenn die 80 Narzissenzwiebeln, die man im Herbst im Rasen versenkt hat, im Frühjahr als leuchtende Tuffs aufgehen.