Nach Garten sieht es hier noch nicht aus. Ein paar Säcke mit ersten Grasbüscheln stapeln sich zu einem Berg, eine Schaufel steckt arbeitslos in einem Erdhaufen. Immerhin: Der Rhabarber in den roten Kunststoffkisten breitet schon seine fleischigen Blätter aus. Ein paar weiße Pollen fliegen durch die Luft.

Im Prinzessinnengarten in Berlin, dem Vorzeigeprojekt der deutschen Urban-Gardening -Bewegung, kommt der Frühling erst langsam in Gang. Anfang April erst zogen Marco Clausen, Robert Shaw und ihre Helfer vom Winterquartier in der alten Markthalle wieder auf die knapp 6000-Quadratmeter-Brache direkt an einem zweispurigen Kreisverkehr in Kreuzberg. Im November kam das O.K. von der Stadt Berlin, dem Vermieter, sie bekamen einen Vertrag für einen dritten Sommer.

Nun wird gewerkelt. Überall auf dem Gelände sind ein, zwei, drei Freiwillige dabei, das kahle Grau durch saftiges Erdbraun zu ersetzen. Das Grün kommt dann schon. Die Blumen, die Kartoffeln, die Radieschen und die Kräuter. In dem Container, der als Café-Ausschank dient, wird rumgeräumt, die Küche soll in diesem Jahr größer werden. Zur offiziellen Eröffnungsfeier im Mai, pünktlich zu den Eisheiligen, soll alles fertig sein. Aber Kaffee und Limonade gibt es auch jetzt schon.

In Säcken gelagertes Gras wartet darauf, gepflanzt zu werden. © Anne Haeming

Und Besuch. Christa Müller, die Geschäftsführerin der Stiftung Interkultur mit Sitz in München, die unter anderem das bundesweite "Netzwerk Interkulturelle Gärten" betreut. Sie reist gerade durch Deutschland und stellt ihren neuen Sammelband Urban Gardening vor, nun sitzt sie mit den beiden Prinzessinnengärtnern in der Samstagmittagsonne, um die neuesten Pläne zu besprechen. "Wir überlegen, wie wir in Zukunft kooperieren können", sagt Marco Clausen und zupft an seiner Schiebermütze.

"Wir wollen unsere Kompetenzen verbinden", sagt Müller. Die Workshops, die die Stiftung Interkultur anbietet, richtet sich in erster Linie an soziale Projekte, also geförderte Initiativen. "Was die beiden hier machen, ist neu: Sie denken ihren Garten als Gewerbe, sie müssen sich selbst finanzieren." Wie dieses Modell von anderen adaptiert werden kann, welches Modell eines urbanen Gartens sie überhaupt übernehmen können, darum soll es in den Workshops gehen: eine Art Garten-Start-up-Beratung. Aber bei Müller rufen viele an und fragen nur nach dem einen: Sie wollen auch einen Prinzessinnengarten.

Im vergangenen Jahr sind die Prinzessinnengärten zu einer veritablen Marke geworden. Alle wollen die beiden haben, sie werden um Vorträge gebeten, sogar zu einem Kunstprojekt im Theater "Hebbel am Ufer" waren sie im Herbst für einige Wochen mit ihren grünwuchernden Kisten eingeladen. Und auch Christa Müllers Buchcover ziert eines jener paradigmatischen Fotos mit der Graffiti-besprühten Wand im Prinzessinnengarten. 20 Anfragen aus Leipzig, Köln, ganz Europa liegen bei den beiden Machern gerade auf dem Tisch, von Privatleuten und Stadtverwaltungen: Sie mögen ihr Stadtgartenkonzept doch bitte exportieren, beraten, gleich einen neuen Garten, eine Art Filiale, aufbauen. "Wir wollen hier keine königliche Gartenakademie aufmachen", sagt Robert Shaw. "Es gibt kein Patentrezept, als Franchise-Unternehmen funktioniert das nicht." Dafür sei der Ort selbst, die Menschen, die den Garten leiten und pflegen, zu entscheidend.

Gärtner ist keiner der beiden, der eine Filmemacher, der andere Historiker. Sie trafen sich vor zweieinhalb Jahren, dann entstand die Idee, diesen Nachbarschaftsgarten in der Stadt aufzuziehen, als Begegnungsstätte. "Uns ging es nie ums Landleben", erklärte Shaw im vergangenen Jahr , "es war Stadtsehnsucht".