Behutsam schiebt Max Damaschke seine Schubkarre. Ein paar verschrumpelte Kartoffeln müssen auf den Komposthaufen. Zwischen Tomaten-Stauden, Kartoffel-Beeten und Gänseblümchen geht einer der ältesten Kleingärtner Heidelbergs, über 80 Jahre alt, seinem liebsten Hobby nach: "Ich leb' von meinem Garten, ich atme hier im Garten. Und der Umgang mit Leuten ist mir sehr wichtig", sagt er. Man werde nicht einsam, habe immer jemanden um sich herum, sagt er. Und zeigt auf die Gesellschaft zwischen Zaun und Zapfhahn, schräg gegenüber in der Gastwirtschaft.

Wohin man auch schaut, in den Gärten wehen Flaggen der unterschiedlichsten Nationalitäten. Viele deutsche sind darunter, bayerisches Weiß-Blau und kräftige Rottöne aus Österreich, Russland oder der Türkei. "Für uns ist jeder Mensch wertvoll – vom Arbeitslosen bis zum Akademiker", sagt der Vorsitzende der Kleingartenkolonie, Eugen Dammert, wenn er über Integration im Kleingarten spricht. Das Image des eigenbrödlerischen Laubenpiepers sei lange überholt, auch wenn manche über das vermeintlich spießige Hobby des Kleingärtners spotteten. "Wir sind nicht super-konservativ, grantig oder knorrig", sagt der Vereinsvorsitzende. Jüngst feierte er sein 25-jähriges Vereinsjubiläum.

Weg vom Klischee

Laut dem Bundesverband der Kleingärtner sind in letzter Zeit mehr als 15.000 Parzellen an jüngere Familien verpachtet worden. In Bezug auf Nationalitäten, Sprachen und Religion der Bewohner sei man weltoffen, unabhängig und großzügig, betont Dammert. "Wir widersprechen dem Klischee des Schrebergärtners, der kleinkariert mit Pinzette und Nagelschere seinen Rasen pflegt." Wie zum Beweis hat er auf klassische Gartenzwerge in seiner Parzelle verzichtet. Ein Nachbar bevorzugt Esel aus Ton, ein anderer hat sich ein pinkes Schweinchen aus Plastik reingestellt.

Ums Aussehen aber geht es gar nicht in erster Linie. Viele Neuankömmlinge in der Kolonie kämen wegen der gestiegenen Preise für Lebensmittel her, erklärt der Vereinsvorsitzende Dammert. Auch Ausländer wüssten das zu schätzen. Sie beruhige die Aussicht, mit einem Kleingarten gegen manche Krise auf dem Weltmarkt gewappnet zu sein. Viele, bestätigt der Gartenälteste Damaschke, bauen wieder mehr Obst und Gemüse an, fast wie nach dem Krieg. Die "Nutzpflanzenquote" erhöhe sich.

Mehr Nutzen als Zierde

Damaschke zeigt in Richtung Nachbargarten. Dort riecht es nach gegrillten Würstchen. Dort hat eine kasachische Familie ihren Garten. Tonesel oder Plastikschweinchen gibt es hier nicht. Stattdessen eine quietschbunte Plastikschaukel. Gerade wird zwischen Heckenrosen und Lauch Geburtstag gefeiert, viele Kinder toben, es gibt Kuchen. Walerij hat die kasachische Flagge gehisst und pflückt ein paar Kräuter. Ganz so akkurat gepflegt und abgezirkelt wie bei Gartenfreund Damaschke sind seine Beete nicht.