IntegrationSteht ein Kasache im Schrebergarten

In Kleingärten sind die Deutschen nicht mehr unter sich, jeder Dritte ist Ausländer. Das Ende von Gartenzwergen, Bierbäuchen und exakten Vorschriften? Jan Thomas Otte war in einer Heidelberger Kolonie. von 

Der kasachische Kleingärtner Walerij

Der kasachische Kleingärtner Walerij  |  © Jan Thomas Otte

Behutsam schiebt Max Damaschke seine Schubkarre. Ein paar verschrumpelte Kartoffeln müssen auf den Komposthaufen. Zwischen Tomaten-Stauden, Kartoffel-Beeten und Gänseblümchen geht einer der ältesten Kleingärtner Heidelbergs, über 80 Jahre alt, seinem liebsten Hobby nach: "Ich leb' von meinem Garten, ich atme hier im Garten. Und der Umgang mit Leuten ist mir sehr wichtig", sagt er. Man werde nicht einsam, habe immer jemanden um sich herum, sagt er. Und zeigt auf die Gesellschaft zwischen Zaun und Zapfhahn, schräg gegenüber in der Gastwirtschaft.

Wohin man auch schaut, in den Gärten wehen Flaggen der unterschiedlichsten Nationalitäten. Viele deutsche sind darunter, bayerisches Weiß-Blau und kräftige Rottöne aus Österreich, Russland oder der Türkei. "Für uns ist jeder Mensch wertvoll – vom Arbeitslosen bis zum Akademiker", sagt der Vorsitzende der Kleingartenkolonie, Eugen Dammert, wenn er über Integration im Kleingarten spricht. Das Image des eigenbrödlerischen Laubenpiepers sei lange überholt, auch wenn manche über das vermeintlich spießige Hobby des Kleingärtners spotteten. "Wir sind nicht super-konservativ, grantig oder knorrig", sagt der Vereinsvorsitzende. Jüngst feierte er sein 25-jähriges Vereinsjubiläum.

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Weg vom Klischee

Laut dem Bundesverband der Kleingärtner sind in letzter Zeit mehr als 15.000 Parzellen an jüngere Familien verpachtet worden. In Bezug auf Nationalitäten, Sprachen und Religion der Bewohner sei man weltoffen, unabhängig und großzügig, betont Dammert. "Wir widersprechen dem Klischee des Schrebergärtners, der kleinkariert mit Pinzette und Nagelschere seinen Rasen pflegt." Wie zum Beweis hat er auf klassische Gartenzwerge in seiner Parzelle verzichtet. Ein Nachbar bevorzugt Esel aus Ton, ein anderer hat sich ein pinkes Schweinchen aus Plastik reingestellt.

Der Preis

Zum ersten Mal haben jungejournalisten.de und ZEIT ONLINE in diesem Jahr einen gemeinsamen Reportagepreis für junge Journalisten ausgeschrieben: den jj-reportagepreis. Ziel war es, junge Reporter an die Königsdisziplin im Journalismus heranzuführen. Zwei Themenfelder standen zur Auswahl: "Zukunft der Demokratie" und "Deutschland, das Einwanderungsland". Die drei ausgezeichneten Texte werden auf ZEIT ONLINE veröffentlicht.

Die Preisträger

1. Platz: Juliane Baumgarten

Juliane Baumgartens Reportage zeichnet sich durch einen intensiven Blick und eine klare Sprache aus, lobt die Jury. Sie hat mit ihrer Reportage Keine Heime fern der Heimat ein Thema aufgespürt, das bislang wenig beachtet wurde, nämlich dass es für Menschen mit Migrationshintergrund kaum Seniorenheime gibt.

2. Platz: Laura-Patricia Montorio

Laura-Patricia Montorio widmet sich in ihrer ReportageEin Inder betet für die Bayern einem ungewöhnlichen Thema: dem Priestermangel in der katholischen Kirche in Deutschland. Ihm versucht die Kirche mit Hilfe von ausländischen Priestern entgegenzuwirken.

3. Platz: Jan Thomas Otte

Jan Thomas Otte hat ein gewöhnliches Thema den Schrebergarten in einen ungewöhnlichen Kontext versetzt. In seiner Reportage Steht ein Kasache im Schrebergartenist er unterschiedlichen Menschen nahe gekommen.

Ums Aussehen aber geht es gar nicht in erster Linie. Viele Neuankömmlinge in der Kolonie kämen wegen der gestiegenen Preise für Lebensmittel her, erklärt der Vereinsvorsitzende Dammert. Auch Ausländer wüssten das zu schätzen. Sie beruhige die Aussicht, mit einem Kleingarten gegen manche Krise auf dem Weltmarkt gewappnet zu sein. Viele, bestätigt der Gartenälteste Damaschke, bauen wieder mehr Obst und Gemüse an, fast wie nach dem Krieg. Die "Nutzpflanzenquote" erhöhe sich.

Mehr Nutzen als Zierde

Damaschke zeigt in Richtung Nachbargarten. Dort riecht es nach gegrillten Würstchen. Dort hat eine kasachische Familie ihren Garten. Tonesel oder Plastikschweinchen gibt es hier nicht. Stattdessen eine quietschbunte Plastikschaukel. Gerade wird zwischen Heckenrosen und Lauch Geburtstag gefeiert, viele Kinder toben, es gibt Kuchen. Walerij hat die kasachische Flagge gehisst und pflückt ein paar Kräuter. Ganz so akkurat gepflegt und abgezirkelt wie bei Gartenfreund Damaschke sind seine Beete nicht. 

Leserkommentare
  1. Freier Autor

    Habe mir mal das Video angeschaut. Witzig ist es. Aber was sagt Ihnen das im Zusammenhang mit dem Artikel. Bedient er Klischees, räumt er damit auf?

    Eine Leserempfehlung
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    ob, was und wieviel ich in meinen Garten pflanze? Ebenso die Verpflichtung, dass jeder in meinen Garten reinschauen können sollte. Solche Vorschriften würde ich mir nicht bieten lassen. Ob man das Sich-halten an sowas Sinnfreies und Gleichheiterzwingendes als Bedingung für Integration sehen sollte, halte ich für bedenklich.

  2. ...muss sich Soziologie vielleicht mal abarbeiten: im kleinen, artifiziell argrarischen Soziotop scheint zu funktionieren, was im großen "realen" Soziotop Stadt viele Probleme beschert. Und es ist anscheinend weder eine gewisswe Reglementierung (die gibt es ja auch hier), noch die Populationsdichte, die hier nicht kleiner sein dürfte.

    3 Leserempfehlungen
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    Freier Autor

    ... den anderen in seiner Karriere zum Problem zu machen. Das hat mich in diesem Mikrokosmos Kleingarten als Reporter am meisten fasziniert. Danke für Ihre/eure Kommentare! Jan Thomas Otte

  3. Ich begreife das nicht, wie soviel Liebe zum wirklich schönen quer geredet werden kann, mit so viel Frust.
    Der eine Schreit Kasper die andere Unkräuter, die dritte schreit nicht mehr, weil sie gerade abgestürzt ist beim besonders schicken Kiesgruben Blümchen angeln am Rand der Grubenschlucht von KG 4b.
    Wer schreit und bewust seine Blümchen nicht giest weil er mal was anderes haben will, wie der Schtrebergarten vom Ausländischen Hochflorikulturist.
    Weil Trockenblumen Garten kommen gerade bei Feiertags Wochenenden und Urlaub auf Zypern , richtig gut an.
    Wenn man alle Freunde mit genommen hat.
    Nur nicht den Muslim fragen ob der mal die Blumen und Gemüse Sorten feucht halten kann.
    Ich find das schon fast diskriminierend.
    Es sollte eine neue Gartenspaten Agenda auf den Weg gebracht werden um diese Missstände zu unterbinden.
    Schreien kann man auch im Netz, hier zum beispiel bei dieversen Artikeln und Beiträgen über Autos zum beispiel.

    Mein Kohlrabi wächst dies Jahr unregelmäßig.

  4. ob, was und wieviel ich in meinen Garten pflanze? Ebenso die Verpflichtung, dass jeder in meinen Garten reinschauen können sollte. Solche Vorschriften würde ich mir nicht bieten lassen. Ob man das Sich-halten an sowas Sinnfreies und Gleichheiterzwingendes als Bedingung für Integration sehen sollte, halte ich für bedenklich.

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    Erinnern wir uns: es war mal schick, keine spießbürgerlichen Gardinen aufzuhängen, damit jeder reingucken kann. Und Reglementierungen begleiten auch den "Städter". Aber hier im Gartenverein sind die Reglementierungen offensichtlich so transparant und leicht verständlich für die Gartenbewohner, dass sie nicht nur befolgt, sondern sogar "als notwendig" akzeptiert werden (Kants kategorischer Imperativ für den Gartenfreund...). Wer hier eine latent faschistoide Gesinnung wittert, liegt lt. Reportage wohl falsch: der Mann aus Kasachstan nickt die Regeln ab, aber auch der Iraner und viele andere. Wie schon geschrieben: die Soziologie ziert sich, das "Spießige" - Kleingarten, Campingplätze - anzufassen. Raut rein, Leute.

    "5. Wen hat es zu interessieren
    ob, was und wieviel ich in meinen Garten pflanze? Ebenso die Verpflichtung, dass jeder in meinen Garten reinschauen können sollte. Solche Vorschriften würde ich mir nicht bieten lassen. "

    Naja, viele Kleingartenareale befinden sich auf Filetstücken in der Stadt (ich gucke gerade aus meinem Küchenfenster auf ein solches Areal). Die Idee hinter den Kleingartenvereinen war ja mal (und ist immer noch), den Kleingärtnern ohne Einfamilienhäuschen mit Garten den Anbau von Nahrungsmitteln zu einem (sehr günstigen!) Pachtpreis zu ermöglichen. Wer nur eine Wiese zum Grillen will, widerspricht damit eben dem Grundgedanken der Kleingärtnerei (und dem Kleingartengesetz).

  5. Erinnern wir uns: es war mal schick, keine spießbürgerlichen Gardinen aufzuhängen, damit jeder reingucken kann. Und Reglementierungen begleiten auch den "Städter". Aber hier im Gartenverein sind die Reglementierungen offensichtlich so transparant und leicht verständlich für die Gartenbewohner, dass sie nicht nur befolgt, sondern sogar "als notwendig" akzeptiert werden (Kants kategorischer Imperativ für den Gartenfreund...). Wer hier eine latent faschistoide Gesinnung wittert, liegt lt. Reportage wohl falsch: der Mann aus Kasachstan nickt die Regeln ab, aber auch der Iraner und viele andere. Wie schon geschrieben: die Soziologie ziert sich, das "Spießige" - Kleingarten, Campingplätze - anzufassen. Raut rein, Leute.

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  6. Frueher, wenn wir als Schueler mit der S-Bahn an den Schrebergaerten vorbei fuhren, hiess es immer : wie kann man bloss einen Schrebergarten haben. Heute, mit 72 und nach 40 Jahren aus dem Ausland wieder zurueck in HH, will ich jetzt so einen haben. Mit allem drum und dran. Besonders aber wegen des Sommerfestes. Dann ist man wieder zu Hause.

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  7. Freier Autor

    ... den anderen in seiner Karriere zum Problem zu machen. Das hat mich in diesem Mikrokosmos Kleingarten als Reporter am meisten fasziniert. Danke für Ihre/eure Kommentare! Jan Thomas Otte

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  • Schlagworte Flagge | Garten | Hobby | Obst | Rumänien | Russland
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