Parfum Lexikon der Düfte

Nelkenpfeffer und Veilchenwurz – ein umfassendes Sachbuch widmet sich internationalen Parfums, ihren Inhaltsstoffen, Machern und Geschichten. von Elisabeth Binder

Flakons im Lalique-Museum in in Wingen-sur-Moder

Flakons im Lalique-Museum in in Wingen-sur-Moder  |  © Patrick Hertzog/AFP/Getty Images

Eine Biographie in Düften ginge vielleicht so: "White Linen", es ist Ende der 70er Jahre, das erste Mal New York, eine kleine Parfumprobe bei Bloomingdale’s riecht nach frisch gewaschenem weißen Leinen. Eine Offenbarung. Die nächsten Jahre duften so. Oder "Anais Anais": ein Hörsaal an der Uni, in der Vorlesung geht es um die Literatur der Empfindsamkeit. Es ist warm draußen, das weiße Kleid mit roten, gelben, grünen und blauen Blumen bestickt. Später sitzt man im Gras, diskutiert mit den Kommilitonen. Oder "Ysatis": ein Septembertag in Avignon, ein Pastis in der "Bar du Monde". Von jetzt an wird dieser sinnliche Duft immer an die verliebten Tage in der Provence erinnern.

Düfte speichern Gefühlslagen viel besser als das eigentliche Gedächtnis. Da der Geruchssinn unmittelbar mit dem limbischen System verbunden ist und also der Schaltstelle der Emotionen, lösen Gerüche ohne Umwege spontane Regungen aus. Oder eben Erinnerungen.

Düfte waren lange nur Gefühle. Jetzt gibt’s dazu ein Lexikon zum analytischen Einordnen und Einprägen. Das große Buch vom Parfum heißt das Werk von Frank J. Schnitzler und Bodo Kubartz, erschienen bei Collection Rolf Heyne. "Anais Anais" wird darin als romantischer Duftklassiker beschrieben mit einer gefühlvollen blumig-frischen Komposition um Maiglöckchen und Tuberose, eine Komposition, deren Idee die "Lust am Mädchensein" ist. "White Linen" verbindet demnach Rosen, Jasmin, Maiglöckchen und Veilchen mit Nelkenpfeffer und Veilchenwurz und soll das Gefühl Frühling, Gärten, Leinenstoffe, Hängematten und saftig grüner Rasen wachrufen. "Ysatis" ist dem Willen der Kreateure nach geheimnisvoll und opulent, drückt Selbstvertrauen aus mit Hilfe von Mandarine, Ylang-Ylang, Rose und Vanille.

Anzeige

Das Basiswissen zum Parfum liest sich wie eine Anleitung zum Selbstverständnis. Man hat vielleicht gedacht, ein bestimmtes Parfum war Liebe auf den ersten Riecher und dann stellt sich im Nachhinein heraus, dass es ganz besondere Gründe hatte, warum man in einer bestimmten Lebensphase genau diesen und keinen anderen Duft gewählt hat. Weil man ein Mädchen war. Weil das erste Mal New York das Lebensgefühl auf den Zustand Frühling gesetzt hat. Weil die Liebe opulent ist und geheimnisvoll.

Zwischenstopp auf dem Weg nach Australien. Im Duty Free Shop riecht "Un Jardin sur le Nil" wie der Duft der nächsten Jahre. Bis der Flieger geht, ist noch Zeit. Ein kleiner Spritzer "Anais Anais" holt die Zeit der Empfindsamkeit zurück. "Un Jardin sur le Nil" ist komplexer, erlesener wie der Erfahrungsschatz, der sich mit den Jahren angesammelt hat. Dafür stehen laut Lexikon grüne Mango, Lotusblume, Kalmus, Sykomore, Weihrauch und Mineralnoten. Nur "Happy" von Clinique, mit der starken Zitrusnote und einem intensiven Blütenbouquet eigentlich erfrischend unkonventionell und optimistisch gemeint, ist nicht aufgegangen. So lang kann die Wartezeit auf einen Weiterflug gar nicht sein, als dass man sich das Ende einer Liebe mit einem Spritzer aus der Probierflasche im Duty Free Shop noch mal zurück ins Gedächtnis oder die Gefühlswelt rufen wollen würde.

Obwohl rund 1000 Düfte in dem Band charakterisiert werden, kommen einige nicht vor, obwohl sie eine Rolle gespielt haben in dieser Biographie. "Kalispera" von Jean Desses fehlt ebenso wie "Divine" von Victoria’s Secret, "Thé Vert" von Bulgari und "Phéromone" von Marlilyn Miglin. "Diorissimo" hingegen spielt eine Rolle. Die Komposition aus Maiglöckchen, Ylan-Ylang, Amaryllis und Rosenholz betrachtete der Legende nach der Couturier Christian Dior als "duftenden Ausdruck seiner Seele." Und natürlich wird Chanel No. 5 erklärt. Das gilt als das berühmteste Parfum der Welt. Die Duftnote wird mit "aldehydig" beschrieben, was sehr feminin wirkt. Coco Chanel hatte 1921 den Parfümeur Ernest Beaux beauftragt, ein "Parfum für eine Frau mit dem Duft einer Frau" zu kreieren.

Parfums haben in der Geschichte der Menschheit immer eine Rolle gespielt. Die Ägypter verbrannten schon vor 5000 Jahren Duftstoffe als Opfer für die Götter. Noch heute wird in Kirchen zu besonderen Anlässen Weihrauch verwendet. Königin Kleopatra benutzte duftende Salben, um ihre Verführungskraft zu erhöhen. In der Antike entwickelten Wissenschaftler Düfte für reiche Familien, auch als Symbol der Macht. Der südfranzösische Ort Grasse, in dem im 14. Jahrhundert Parfums für die Neuzeit entwickelt wurden, spielte eine Hauptrolle in Patrick Süskinds Bestseller Das Parfum.

Die Rolle des Parfums hat sich freilich verändert. In vergangenen Jahrhunderten wurde es benutzt, um Körpergerüche zu überdecken, galt in Gestalt des Riechfläschchens auch als Linderungsmittel für körperliche Probleme. Im Zeitalter der täglichen Dusche wird Parfum eher als Mittel der Selbstdarstellung eingesetzt oder klassisch à la Kleopatra zur Verführung. Es gibt psychologische Studien zur beruhigenden Wirkung von Düften oder auch zur abschreckenden.

Unangenehme Gerüche lassen sich etwa beim Objektschutz einsetzen. Parfumliebhaber sollen im Durchschnitt acht bis zwölf Düfte besitzen, die sie je nach Stimmung auflegen. Oder auch, um bestimmte Signale auszusenden. Mit Hilfe eines Parfums kann man eben ein bisschen so wirken und werden, wie man eigentlich sein will.

Frank J. Schnitzler: "Das große Buch vom Parfum". Collection Rolf Heyne, München 2011, 400 Seiten, 29,90 Euro.

Erschienen im Tagesspiegel

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. besitzet die sinnliche Wahrnehmung eines Duftes das Hingebanntsein vom zuerst und zuerst Sinngebenden.Der Sinn selbst hängt gewiß mit dieser sinnlichen Empfindung zutiefst zusammen.Der Mensch als sinnlich begabtes Wesen empfindet hierinnen des Seins Selbst Zusichziehen,wie durch die Schönheit im Sichtbaren,so durch den Geruchssinn.Die verschiedensten Richtungen,in welche das Sichparfumieren gehen kann,wurden ja im Artikel genugsam durchgespielt.Sinn,sinnliche Empfindung,der Sinn in allem Sinnen selbst gehören auf´s Innigste Zusammen.Die höchste Intensität einer solchen Geruchsempfindung aus auserwähltesten Parfumstoffen gehört mithin herzu zur Begründung einer Kultur des Allerheiligsten.Sinn und Sein hier zueinander kommen.

  2. ..... aber die dame heisst marilyn (nicht marlilyn) miglin.
    und "das parfum" von patrick süskind ist ja dann eine andere seite der welt des geruchs .....

    freundliche grüsse

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Kleopatra | Chanel | Bulgari | Christian Dior | Duft | Parfum
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service