Er wird zu spät kommen. Inmitten dieser klingelnden, drängelnden Menge wird Alexander alles klar. Warum seine Freunde diesen Ausflug für eine Spinnerei halten. Dass er umkehren sollte, dieses unpraktische Gefährt abstellen, weil es ihn ohnehin nirgendwo hinbringen wird, wo er leben will. Doch jetzt ist es zu spät. Endlos zieht das Gewühl aus Fahrrädern über die Kreuzung. Irgendwo dazwischen ein Schäfer, der sein Dutzend Tiere durch die wabernde Masse dirigiert. Mitten in Hamburg Radfahrer und Schafe, die die ganze Ausfallstraße blockieren? Das hat es doch noch nie gegeben, hätte seine Oma gesagt.

Doch 2047 ist vieles anders. Da weiden sogar Schafe auf einigen brachliegenden einstigen Fabrikhöfen und findige Geschäftsleute haben Parkhäuser in der Innenstadt zu Gewächshäusern umgebaut. Seit Benzin so teuer geworden ist, dass sich nur noch Gutverdiener ein großes Auto leisten, braucht diese Abstellflächen kaum noch jemand. Lieber fährt man mit der hyperschnellen U-Bahn, mit dem Bus oder eben Fahrrad. Wer einen Wagen braucht, leiht ein E-Mobil . Längst sind Autos kein Prestigeobjekt mehr, ihr Platz am Straßenrand ist hart umkämpft. Immer wieder reißt jemand den Asphalt auf , um dort Blumen zu pflanzen. Manchem reicht so ein Straßengarten schon als Ort für die Seele.

Schluss mit der Wahl-Familie

Alexander nicht. Er ist jetzt 35 Jahre alt und hat genug vom Gedrängel in der Wohngemeinschaft . Es hatte ja gut geklungen: generationenübergreifendes Wohnen , jeder bringt sich ein, die Alten ihre Erfahrung, die Jungen ihre Ideen . Niemand muss mehr vereinsamen in einer Stadt, in der in mehr als der Hälfte aller Wohnungen nur ein Mensch lebt, in einem weiteren Drittel nur zwei. Da gründet man lieber eine moderne Form von Familie, ohne die klassischen Konflikte und Streitereien, weil jeder sich freiwillig dazu entschlossen hat.

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Doch am Ende hatte vor allem Alexander den Haushalt geschmissen: einkaufen, putzen, waschen. Wenigstens kocht seine 65-jährige Mitbewohnerin, wenn sie nicht gerade Lea von der Schule abholt, die mit ihrem Vater die anderen beiden Zimmer bewohnt. Dafür reicht der Alte von Gegenüber immer noch schnell einen Einkaufszettel durch die Wohnungstür, wenn er Alexanders Schritte im Treppenhaus hört. Soll er den alten Mann stehenlassen? Dessen Tochter lebt in München , seine Freunde sind genauso fußlahm wie er selbst, geschieden ist er auch.

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Aber nun ist es genug. Alexander will, wovon schon seine Eltern träumten: einen Ort zum leben für sich und seine Freundin Milena, am liebsten mit Garten, durch den vielleicht sogar einmal ihr Kind springt. Das kann nicht so teuer sein, wo seit Jahren schon alle wieder in die Stadt drängen. Und dann die ewig steigenden CO2-Abgaben. Ständig wird der Verbrauch in der Wohnung gemessen; wenn er über dem Richtwert liegt, müssen die Bewohner Strafe zahlen. Da hat sich Alexander gegen alle Vernunft ein Auto gemietet, um sein Traumhaus zu suchen, draußen auf dem Land. Dort kostet CO2 zwar auch Geld. Aber er bestimmt wenigstens selbst, wir hoch er die Heizung dreht.