Garten auf dem Land: Ich hab 'nen Full-Time-Acker
Wenn auf dem Balkon kein Radieschen wächst, mietet der Großstädter ein Stück Feld im Umland. Max Scharnigg über sein Leben zwischen Saatfreuden und Erntefrust
© Sebastian Arlt

Max Scharnigg auf seinem Acker am Ammersee – mit selbstgezogener Zucchini
Irgendwann fing es an zu knirschen. Erst zu bröseln, dann zu knirschen. Es bröselte aus unserer Garderobe, es rieselte aus den Hosenumschlägen und vom Haaransatz. Dann knirschte es in den Autotüren, im Abfluss von Küche und Dusche und irgendwann knirschte es auch in der Tastatur und beim Küssen. Was da knirschte, war oberbayerische Ackererde. Sie stammte von dem oberbayerischen Ackerstreifen, der seit einiger Zeit zu unserem Haushalt gehörte. Einem Haushalt wohlgemerkt, der sonst ganz harmlos im Münchner Westen beheimatet ist, zweiter Stock, Altbau, Balkon.
Dieser Balkon war eigentlich auch Schuld an allem, denn er ist nur etwa so groß wie ein Duschhandtuch. Als meine Freundin und ich (aus Platzmangel immer einzeln) dennoch anfingen, ihn mit Tomatentöpfen und Kräuterkästen zu bestücken, ergab sich noch ein weiterer bedauerlicher Mangel: Der Winz-Balkon zeigte nach Norden. Kein Sonnenstrahl streifte ihn und ohne Sonne tun sich Tomatensamen und sogar banale Radieschen recht schwer mit ihrer Lebensaufgabe. Es fehlte uns also deutlich an urbarem Land. Das Einzige, was dort im zweiten Stock keimte und stetig wuchs, war der Wunsch, irgendwo ein bisschen ernten zu dürfen. Wir waren keine Öko-Faschisten und nicht mal besonders nachhaltig angehaucht. Aber wir kochten gerne und wie jeder weiß, kocht man am besten mit der eigenen Zwiebel. Die alte Idee vom Schrebergarten beschäftigte uns dann genau so lange, bis wir die Wartezeiten für kinderlose, nicht in der Fabrik arbeitende Paare erfuhren. Was nützt das Radieschen im Jahr 2018?
Das war alles wohlgemerkt vor fünf Jahren und damit in einer Zeit, in der es den Begriff guerilla gardening noch nicht gab und das Magazin Landlust noch in der Nerd-Strick-Ecke des Bahnhofsbuchhandels lag. Die Stadt war auf unseren Wunsch nach ein bisschen eigener Erde also noch nicht gut vorbereitet und nur durch einen Zufall erfuhren wir von dem Acker in Seefeld in der Nähe des Ammersees. Uns waren die Begriffe Bauer und Acker zwar geläufig, nicht jedoch, dass diese Bauern ihr Feld manchmal auch an Hobbygärtner verpachteten. Ein kleiner Verein hatte das im Münchner Umland initiiert und ja, wir waren die ersten Städter, die dort nun vorstellig wurden und schließlich ein Namensschild bekamen. Dahinter lagen hundert Meter wüster Ackererde, vom Bauern zu einem sogenannten Bifang geschichtet, einem Erdwall, der aussieht wie ein Spargelbeet ohne Spargel.
Zwiebeln wollen neben Karotten und Zichoriensalat
Da hinein kam eines schönen Aprilsamstages also alles, was auf dem Balkon keinen Platz gehabt hatte: Blumensamen, Gemüsesamen, Kräutersamen und auch die seltsame Manufactum-Samenmischung mit längst vergessenen Dingsbumsrüben, die wir geschenkt bekommen hatten. Das Aussäen ist simpel: Der Finger bohrt nach Packungsempfehlung ein Loch, man lässt einen Samen hineinrieseln, Erde drüber, weiter, das ganze vierhundert Mal. Aber es zeigten sich auch erste Schwierigkeiten. Selleriesamen etwa sind so klein, dass es eine Pipette bräuchte, um sie einzeln im richtigen Abstand zu säen. Mein lässiges Einhand-Schüttel-System führte jedenfalls zu recht unbefriedigenden Ergebnissen.
Die Madame hatte in einer schlaflosen Nacht sämtliche Bio-Gartenbücher gelesen, die unsere Stadteilbücherei vorrätig hatte und war vollgepumpt mit kniffligen Öko-Antworten auf Fragen, die ich mir noch nie gestellt hatte: Welche Nachbarschaft bevorzugen welche Pflanzen, welche Allianzen sind förderlich und wo muss man Rettungswege für Nützlinge freihalten? Da gibt es die seltsamsten Erkenntnisse: Zwiebeln wollen neben Karotten und Zichoriensalat (!), Knoblauch wünscht sich allen Ernstes Rosen als Banknachbar und manche Kandidaten sind ganz schwer vermittelbare Einzelkämpfer, Sonnenblumen und Kürbisse zum Beispiel, die zapfen so viel Nährstoffe in ihre fette Brut, dass man rundherum lieber eine Bannmeile zieht. Angesichts des sehr langen, aber sehr schmalen Ackerstreifens, der uns zur Verfügung stand, waren diese Kombinationen derart kompliziert, dass wir etwa ab Ackermeter 24 aufgaben und einfach säten, was kam. Es wird ja auch so schnell und unwiderruflich dunkel auf dem Land.
Freunden in der Stadt, denen wir von unserer Scholle erzählten, erkundigten sich vorsichtig danach, ob wir einer Hippie-Kommune beigetreten wären. Andere kramten ihr notdürftiges Gartenwissen zusammen und ließen vernehmen, wir mögen uns vor Schnecken und Wasserknappheit schützen. Lustigerweise waren das genau die beiden Gefahren, die uns nie Sorge bereiten sollten. Wasser speicherte der fette Boden auch nach drei Wochen Juni-Dürre genug, was eine erleichternde Erkenntnis war. Wir sahen uns schon mit gefüllten Gießkannen im Kofferraum im Stop and Go auf dem Mittleren Ring. Schnecken trafen wir auch keine, obwohl unsere Salatmeile durchaus einladend und völlig schutzlos war – Schneckenkorn ist auf einem Bio-Acker verboten. Vielleicht war es den Schnecken einfach zu mühselig über die schartige Ackererde zu kreuchen, denn das war es uns auch. Jedes Wochenende schürften wir fortan nämlich auf Knien unsere Parzelle entlang und sortierten das Unkraut aus den Reihen, mit einer Geschwindigkeit von etwa zwei Metern pro Stunde. Bei Regen und weicher Erde geht das übrigens viel leichter, allerdings sieht man hinterher aus, als hätte man sich ohne Hände durch den Ural gegraben.







... hat mich gut unterhalten!
Vielen Dank.
Urige Story, ein Tatsachenbericht aus dem Leben der Großstädter, ja so ist das. und das ist gut so.
Urige Story, ein Tatsachenbericht aus dem Leben der Großstädter, ja so ist das. und das ist gut so.
aber auf dieses Niveau werde ich hoffentlich nie sinken.
[...]
ein wenig, muss ich zugeben, wundere ich mich schon, dass die (hüstel) ehrwürdige Zeit so etwas schreibt. Aber wahrscheinlich hält sie es einfach für Punk, eine Grenzüberschreitung und ähnlichen Unfug...
Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf rein provokative Beiträge. Danke, die Redaktion/jz
es lohnt sich zu lesen. Danke für diesen Beitrag! :]
In letzter Zeit fallen mir immer häufiger Kommentare auf, die verkünden, daß der Kommentator ab einem bestimmten wort nicht mehr weitergelesen habe.
Man fragt sich: wieso maßen solche Leute sich dennoch an, zum gesamten Artikel eine Meinung kundzutun?
Ein unterhaltsamer, schöner, und für mich vollkommen nachvollziehbarer Artikel. Ich tippe dies mit immer noch schwieligen, von hartnäckigstem Mutterbodenschmutz verunzierten Fingern und fühle mich immer noch glücklich von einem Wochenende harter Arbeit in Mutters Garten.
es lohnt sich zu lesen. Danke für diesen Beitrag! :]
In letzter Zeit fallen mir immer häufiger Kommentare auf, die verkünden, daß der Kommentator ab einem bestimmten wort nicht mehr weitergelesen habe.
Man fragt sich: wieso maßen solche Leute sich dennoch an, zum gesamten Artikel eine Meinung kundzutun?
Ein unterhaltsamer, schöner, und für mich vollkommen nachvollziehbarer Artikel. Ich tippe dies mit immer noch schwieligen, von hartnäckigstem Mutterbodenschmutz verunzierten Fingern und fühle mich immer noch glücklich von einem Wochenende harter Arbeit in Mutters Garten.
es lohnt sich zu lesen. Danke für diesen Beitrag! :]
... habe gerade gut gelacht und mich wieder erkannt. Lieben Dank für diesen amüsanten Artikel! Gerne mehr!
Frage mich gerade, wie der Autor mit qualitativ minderwertigem Artikel sein Buch drücken will. Na? Wie?
Tja, ich bin also nicht allein, nur sind es bei mir die Tomaten. Wir sind zwar riesige Tomatenfans, aber 40 selbstgezogene Pflanzen sind doch zuviel für unseren Garten, denn es gibt ja auch Paprika (Hirtenpaprika, den findet man in Frankreich nicht) Markkohl, Gurken usw.
Morgen werden die Tomaten gesät: "Tomate Ananas" und "German Stripped" - dieses Jahr also NUR zwei Sorten, dien anderen gibt es inzwischen stückweise auf dem Markt zu kaufen.
So wie sich das anhört, wäre dieser Ackerstreifen allerdings auch für zwei Familien genug - warum nicht Ackersharing?
Was mich noch interessieren würde: So ein Privatacker hat ja keinen Zaun drumrum und sieht sicher schon von weitem attraktiv aus, allein schon wegen der ackerunüblichen Vielfalt. Kommt da nicht sonst noch wer abernten?
Wunderbarer Artikel, und ich hab ihn ganz ohne Knirschen und Rückenweh geniessen können!
"Max Scharnigg auf seinem Acker am Ammersee – mit selbstgezogener Zucchini"
Ich sehe viel da auf dem Foto, z. B. eine gelungene Schmetterlingswiese, die man das Jahr über sich selbst überlassen kann. Ich sehe aber keinen Acker und auch keine Pflanze, die einer Zucchini auch nur im Entferntesten ähnelt.
Zucchinis sehen schon so aus, wenn sie zu lange am Strauch hängen. Allerdings sind sie in dieser Grösse kein Genuss mehr.
Das Problem vieler Hobbygärtner ist ein hoher Anspruch,
aber auf Grund fehlender Fachkenntnisse Erzeugnisse die kein Mensch kaufen würde.
hält er eine Pflanze, die einer Zucchini nicht nur im Entferntesten ähnelt.
Genau so - und noch viel größer sehen auch die Zucchinis aus, die meine Eltern (mit über 3000 qm Selbstversorgergarten) jedes Jahr ernten. Sie lassen sie so deshalb so groß werden, damit es mehr Gemüse fürs Geld gibt... die Winzlinge aus dem Supermarkt nehmen sie nicht für voll!!!
Zucchinis sehen schon so aus, wenn sie zu lange am Strauch hängen. Allerdings sind sie in dieser Grösse kein Genuss mehr.
Das Problem vieler Hobbygärtner ist ein hoher Anspruch,
aber auf Grund fehlender Fachkenntnisse Erzeugnisse die kein Mensch kaufen würde.
hält er eine Pflanze, die einer Zucchini nicht nur im Entferntesten ähnelt.
Genau so - und noch viel größer sehen auch die Zucchinis aus, die meine Eltern (mit über 3000 qm Selbstversorgergarten) jedes Jahr ernten. Sie lassen sie so deshalb so groß werden, damit es mehr Gemüse fürs Geld gibt... die Winzlinge aus dem Supermarkt nehmen sie nicht für voll!!!
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