Wohndesign-BlogSo wohnt das Netzwerk

"Freunde von Freunden" gewährt Einblick in die Wohnzimmer von Kreativen. Im Interview erklären die Erfinder, was so reizvoll daran ist, zu sehen, wie andere Leute leben. von 

Die "Freunde von Freunden"-Gründer Torsten Bergler, Frederik Frede und Timmi Seifert (v.l.n.r.)

Die "Freunde von Freunden"-Gründer Torsten Bergler, Frederik Frede und Timmi Seifert (v.l.n.r.)  |  © Maxime Ballesteros for Freunde von Freunden

ZEIT ONLINE: Herr Frede, Frau Weinknecht, wie viele Wohnungen besichtigen Sie, bevor es eine auf die Website schafft?

Sarah Weinknecht: Wir sehen uns die Wohnungen nie vorher an. Und wir verändern auch nichts, wenn wir drin sind.

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Frederik Frede: Wir gehen nicht nach dem Prinzip vor wie die Einrichtungszeitschrift AD : "Das ist eine geile Wohnung, die wollen wir jetzt auf dem Blog haben." Es gab bislang nur ganz wenige Wohnungen, von denen ich vorher wusste, wie sie aussehen.

ZEIT ONLINE: Sie suchen sich den Interviewpartner aus und fotografieren dann die Wohnung, in der er oder sie lebt?

Frede: Meine zwei Partner Timmi Seifert und Torsten Bergler und ich, wir wollten vor allem Leute porträtieren. Am besten versteht man Menschen, wenn man sie direkt in ihrem Lebensumfeld trifft. Und wer einen kreativen Lebenslauf hat, macht sich auch Gedanken darüber, wie er sich einrichtet. Wenn die Leute cool sind, kann man davon ausgehen, dass auch die Wohnung ein paar Geschichten bereithält. Das war eigentlich ein Selbstläufer.

Das Appartement von iO Wright
Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.

Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.  |  © Grace Villamil for FreundevonFreunden.com

Weinknecht: Die Leute, die wir interviewen, haben alle spannende Lebensläufe. Aber sie sind in dem Sinn nicht bekannt. Leute, wie Malin Elmlid, die eine Tauschbörse für Sauerteigbrot betreibt. Andere bauen Gitarren, fotografieren, entwerfen Schmuck, sind Künstler oder haben ein kleines Museum. Neulich hatten wir auch ein Interview mit dem Landwirt Rolf Henke , der ein Berliner Restaurant mit seinen Sachen beliefert. Was die Wohnungen angeht, ist unser einziges Kriterium, dass sie nicht schon in tausend anderen Magazinen waren. Wir wollen etwas zeigen, das es so noch nicht im Netz gibt.

ZEIT ONLINE: Waren Sie nicht überrascht, dass das Interesse an Nicht-Prominenten, die dazu alle in Kreativberufen arbeiten, so groß ist?

Frede: Es gibt ja schon genug Magazine, die über irgendwelche bekannten Persönlichkeiten schreiben. Aber man kann auch etwas über Leute erzählen, das interessanter und vor allem ehrlicher ist. An Facebook sieht man, dass es eigentlich jeden interessiert, wer mit wem befreundet ist und was wer macht. Wir haben viele Leser, die sich mit denen identifizieren, die wir porträtieren.

ZEIT ONLINE: Der Reiz liegt also darin, dass ich als Grafikdesigner sehen kann wie andere Grafikdesigner leben.

Frede: Das ist das Konzept, ja. Wir versuchen das langsam aufzubrechen. Deswegen auch die anderen Städte, mittlerweile zeigen wir Portraits aus L.A., Paris, London, New York, Frankfurt, Amsterdam , Istanbul , S ã o Paulo und Kopenhagen . Wien und Mexico City kamen eben dazu. Das ganze wächst organisch. An Berliner Altbauwohnungen allein hätte man sich irgendwann satt gesehen.

Die Gründer

Frederik Frede ist Creative Director und Mitinhaber des Berliner Kreativstudios für Medienkonzeption und Innovationsberatung (No)MoreSleep. 2009 gründete er mit Tim Seifert und Torsten Bergler das Online-Magazin Freunde von Freunden , das sich als Forum der Kultur- und Kreativszene versteht. Freunde von Freunden hat monatlich über 150.000 Leser. Sarah Weinknecht ist geschäftsführende Redakteurin. 

Das Buch

© Distanz Verlag

Das Buch Freunde von Freunden - BERLIN stellt 28 Berliner Kreativschaffende in ihren Arbeits- und Lebensräumen vor, darunter Galeristen, Künstler, Fotografen, Illustratoren, Architekten, Ladeninhaber und Unternehmer.

Freunde von Freunden; Freunde von Freunden – BERLIN; Distanz Verlag; Berlin; 2011; Art Director: Frederik Frede, Gestaltung: Katrin Weber; 336 Seiten, 550 Farbfotografien; 39,90 Euro

Kooperation mit ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE zeigt ab jede Woche Bilder der schönsten, schrägsten oder gemütlichsten Wohnungen von Freunde von Freunden in einer exklusiven Auswahl. Los geht es mit dem Appartement der New Yorker Fotografin und Autorin iO Wright. Alle Fotostrecken finden Sie hier 

ZEIT ONLINE: Gibt es Möbel und Wohnstile, die immer wieder auftauchen? Was ist der röhrende Hirsch unserer Zeit?

Weinknecht: Den Eames Lounge Chair und die Jean Prouvé Lampe gibt’s immer wieder. Aber insgesamt sind die Einrichtungen und die Leben der Menschen sehr unterschiedlich. Selbst in Berlin haben wir auf der einen Seite Christian Boros in seinem Kunstbunker und auf der anderen den minimal eingerichteten Modedesigner Hien Le .

Frede: Eames muss schon sehr gut verdienen. Dann gibt’s den Trend zu Rennrädern , Mountainbikes habe ich schon ewig bei niemandem mehr gesehen. Nicht mehr dabei sind dagegen diese Kuhfellliegen.

ZEIT ONLINE: Wie baut man denn eigentlich einen "Freundeskreis" so international aus?

Frede: Ich kann das mal am Beispiel von Fran Parente aus S ã o Paulo erzählen. Er hat uns angeschrieben und gesagt, er findet das Projekt super und würde gern Portraits für uns machen. Als wir dann mal für einen Produktionsjob in Brasilien waren, haben wir uns getroffen. Dann bekam er ein Briefing und damit arbeitet er nun eigenständig.

Weinknecht: Berlin ist ein guter Knotenpunkt, weil viele Leute die Stadt besuchen oder beruflich hier zu tun haben. So ergibt sich die Möglichkeit, sich zu treffen. Wir trinken unten einen Kaffee , verbringen ein bisschen Zeit zusammen und knüpfen so neue Kontakte. Wir sitzen hier an einem guten Ort, um das Netzwerk nicht nur digital, sondern auch physisch zu spüren. Auch wenn wir eine Website sind und ortsunabhängigen Inhalt machen, braucht man trotzdem den menschlichen Kontakt.

ZEIT ONLINE: Freunde von Freunden ist sehr klar gestaltet, keine Werbung, keine Klickstrecken.

Frede: Unser Vorbild dafür war The Big Picture von Boston.com , wo man so schön von oben nach unten durchscrollen kann und einen kompletten Überblick über ein Thema bekommt. Die zeigen auch Bilder, die schon drei Wochen alt sind. Bei uns kann der User selbst bestimmen, was er wann sieht und muss nicht unendlich weiterklicken. Dass wir dafür nach einem halben Jahr den silbernen Lead-Award gewonnen haben, war natürlich eine tolle Bestätigung.

ZEIT ONLINE: Nach dem Webmagazin und dem Lead-Award kam Anfang des Jahres ein Buch heraus. Warum presst man ein aufwändig gestaltetes Online-Format zwischen zwei Buchdeckel?

Frede: Das war von Anfang an klar, noch bevor wir online gegangen sind. Wir kommen alle aus dem Design-Bereich, ich habe schon vorher Bücher gemacht. Das ist gewissermaßen die Königsdisziplin. Das Buch hat nur 28 Interviews, aber es fühlt sich nach mehr an als die 100 Interviews auf der Website. Ich kann es in die Hand nehmen, durchblättern, ich könnte es meinen Kindern geben, wenn ich welche hätte, es wird auch in 20 Jahren noch irgendwo herumliegen. Die Website liegt auf irgendeinem Server, von dem ich nicht weiß, wo er steht. Und da ist immer das Gefühl: "Man kann alles noch ändern." Das Buch ist fertig, das ist gedruckt. Man hat dadurch einen Wert geschaffen. Ein Buch ist wie eine Immobilie.

ZEIT ONLINE: Wie schnell konnten Sie für dieses Buchprojekt denn einen Verlag gewinnen?

Frede: Als wir mit der Idee an Verlage herangetreten sind, ist klar geworden, dass man in Deutschland noch nicht verstanden hat, dass Leute, die ein Produkt nur online kennen, gerne ein Buch dazu kaufen – wie eine Art Archiv. Wir wurden am häufigsten gefragt: "Warum soll irgendjemand ein Buch kaufen, wenn die Bilder schon online sind?" Das ist genau die falsche Frage, denn es ist schon die Begründung. In den USA geht der blog-to-book- Trend gerade durch die Decke. Da verkauft eine Website wie this is why you're fat 50.000 Bücher. Aber wir arbeiten trotzdem jetzt schon an Buch Nummer zwei.

ZEIT ONLINE: Eines der Vorbilder von Freunde von Freunden ist das US-Blog The Selby . Tom Selby sagte mal, je bekannter er wird, desto mehr Leute räumen vorher auf. Geht’s Ihnen auch so?

Frede: Einige räumen auf, andere räumen nicht auf. Das war schon immer so. Die meisten Leute öffnen uns ja die Tür, weil man sich gut kennt. Dann ist es auch egal, ob aufgeräumt ist. Das größere Problem ist, dass die Leute zögern, weil sie denken, ihre Wohnung sei nicht so toll, wie die von einem Christian Boros.

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Leserkommentare
    • hairy
    • 28. März 2012 15:13 Uhr

    Sobald man ein paar von den Wohn- und Arbeitsbilderserien beschaut hat, verschwindet das "Individuelle" schon sehr schnell - und damit wohl auch der "Mehrwert" (?).

    • klamah
    • 29. März 2012 18:51 Uhr

    Also ich find das wahnsinnig spannend, die Wohnungen von Leuten, welche die Wohnungen von Freunden fotografieren.

    Noch spannender aber finde ich die Wohnungen von Leuten, welche Wohnungen fotografieren von Leuten, die von anderen die Wohnungen fotografieren.

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