Internet-NutzungWir brauchen mal 'ne Pause

Sie heißen Freedom oder Self Control: Immer mehr Menschen schwören auf Programme, die das Internet zeitweise abschalten. Fehlt uns Nutzern die Selbstdisziplin? von Alexander Wolff

Du musst dein Leben ändern: Hamish Linklater und Miranda July als Dauersurfer im Film "The Future"

Du musst dein Leben ändern: Hamish Linklater und Miranda July als Dauersurfer im Film "The Future"  |  © Alamode Film

Das schluffige Pärchen will sein Leben ändern. Kann man mit Mitte 30 ja mal machen, sagen sich die beiden Hauptfiguren im jüngsten Film von Miranda July, The Future. Nach langen Beziehungsjahren, unsinnigen Jobs und internetgestützter Tagträumerei schaffen sie sich unter anderem eine Katze an und stellen das Internet ab. Kein Rumliegen mehr mit schicken weißen Rechnern auf dem Schoß, nun wird das Leben einer Revision unterzogen.

Wie das Filmpärchen machen es immer mehr Menschen: Sie schalten das Internet ab. Sie tun es mit Programmen, die den eigenen Browser zeitweise komplett ausschalten oder zumindest YouTube, Facebook und das neueste Social Game blockieren – automatisiert, jeden Tag. Cold Turkey, Self Control, Leech Block oder Rescue Time heißen diese digitalen Kindermädchen. Letzteres alarmiert den Nutzer mit Statistiken zu seinem Surfverhalten. Andere Programme verhindern den Zugriff auf bestimmte Seiten zu bestimmten Zeiten, je nachdem welche kleinen Sünden man von sich selbst so kennt und eindämmen möchte.

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Das populärste dieser Selbstdisziplinprogramme heißt Freedom. Für einmalig zehn Dollar wird der Browser stundenlang komplett abgeschaltet. Will man den Internetrausschmiss vor Ablauf der Zeit umgehen, muss man den Computer neu starten. Für den britischen Erfolgsautor Nick Hornby ist das Hindernis genug. Er schwört auf das Programm und mit ihm Kollegen wie Naomi Klein, Dave Eggers oder Seth Godin. Daniel Kehlmann sprach neulich ebenfalls von der Verbreitung, die das Programm in seinem Freundeskreis finde.

Was ist da los? Sind wir der Vernetzung überdrüssig? Können wir der digitalen Dauersendung allein nicht mehr entkommen? Während anderswo Diktatoren mit Hilfe des Internets gestürzt werden, müssen wir in der westlichen Welt die Reißleine ziehen?

Früher Arbeitsgerät, heute Ablenkungsmaschine

Fred Stutzman, Erfinder von Freedom, sieht die Sache pragmatisch: "Es wird zunehmend schwieriger, nicht teilzunehmen, auf die Tweets, Pokes und Nachrichten nicht zu antworten," so Stutzman. Diese Entwicklung, meint der Amerikaner, könnten wir nicht insgesamt aufhalten. "Wohl aber können wir auf individueller Basis gegen die 'digital distraction' zurückschlagen."

Mehr als 300.000 Nutzer haben allein Freedom bislang heruntergeladen. Seinen durchschnittlichen Kunden beschreibt Stutzman als Studenten mit festen Abgabeterminen. Dass nun vor allem die Kreativbranche für sein Programm Werbung macht, zeigt, dass viele Freiberufler einem ähnlichen Zwang zur strukturierten Arbeit ohne Leitplanken, wie feste Bürozeiten, ausgesetzt sind. Bei dieser wachsenden Zahl von Auftragnehmern hat der 33-jährige Informationswissenschaftler mit Freedom einen Nerv getroffen.

Die amerikanische Komödienschreiberin Nora Ephron nennt Freedom ihre "Anti-Prokrastinationstechnik". Spätestens seit dem im Jahr 2008 zwei Berliner Kreative das Sachbuch Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin vorlegten, weiß man um die Prokrastination genannte Neigung des modernen Arbeiters, den Geist baumeln und YouTube spielen zu lassen, bevor er die wichtigen Dinge anpackt. Dass wir Dinge manchmal einfach nicht tun, liege in der Natur des Menschen, sagt die Dinge-geregelt-kriegen-Autorin Kathrin Passig: "Das Streben nach Glück ist an die Reduktion von Zwang gekoppelt." Der spontane Facebook-Chat reduziert den Zwang nicht nachhaltig, schaltet ihn aber zumindest kurzzeitig auf Pause.

Prokrastination per Mausklick sei überhaupt erst möglich geworden, sagt dazu Freedom-Erfinder Stutzman, weil uns unsere Computer betrogen hätten. "Was früher Arbeitsgerät war, ist heute Ablenkungsmaschine. Beides fällt immer stärker zusammen." Sein Programm schalte lediglich die Ablenkungspotentiale wieder aus. Wo Passig und ihr Co-Autor Sascha Lobo ein "Lob der Disziplinlosigkeit" sangen, um das angestaubte Arbeitsethos des nine-to-five-Jobs abzustreifen, legt die Popularität der Online-Kindermädchen eine neue Sehnsucht nach Ordnung und Selbstdisziplin nahe.

Leserkommentare
  1. Na ja, also eigentlich ist es eine Sache der Beschäftigung.
    Wenn man sich vom Internet ablenken laesst, dann spricht das dafür dass die eigentlich zu bewältigende Aufgabe nicht interessant genug ist.
    Und was ist der Unterschied zwischem dem Internet und zum Beispiel Patience? Beides eine Ablenkung.

    Alternativ koennte es auch sein dass die Menschen heute nicht mehr in der Lage sind ihre Aufmerksamkeit einem Thema länger als ein paar Sekunden zu widmen, aber wenn dem so sei ist das keine gute Aussicht...

    Eine Leserempfehlung
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    Wenn man sich vom Internet ablenken laesst, dann spricht das dafür dass die eigentlich zu bewältigende Aufgabe nicht interessant genug ist.

    Das gilt aber auch, wenn die zu bewältigende Aufgabe nicht interessant genug erscheint oder es zu mühsam ist, sich in die Aufgabe hineinzuarbeiten.

    • csuess
    • 09. Mai 2012 19:01 Uhr

    ... aber jetzt schnell wieder zurück an die Arbeit ;-)

    ...

    4 Leserempfehlungen
  2. Wie bescheuert sind die Leute eigentlich? Zahlen Geld dafür das sie etwas nicht nutzen dürfen. Eine tolle Geschäftsidee. Unsere Bundesregierung sollte sich daran ein Beispiel nehmen. Anstatt den Leuten für die Nichtnutzung von Kinderkrippen Geld zu zahlen, sollten diese dafür zahlen müssen. Also kein Betreuungsgeld, sondern eine Betreuungsabgabe.

  3. Das ist ja wirklich das lächerlichste, was ich in letzter Zeit gehört hab. Da bezahlen Leute regelmäßig Geld damit sie nicht im Internet surfen können? Es ist mir unverständlich, was daran so schwer sein soll, einfach den Browser nicht zu öffnen, den Instant-Messenger ausgeschaltet zu lassen. In dem Moment, in dem ich den Browser öffne, führe ich doch eine bewuste Handlung aus. In dem Moment sollte einem doch der Gedanke kommen, dass man doch eigentlich was anderes tun wollte. Im Zweifelsfall löscht man eben die Desktop-Verknüpfung des Browsers. Dafür braucht es doch kein Programm, für das man _Regelmäßig_ Geld bezahlt.

    3 Leserempfehlungen
  4. auf dem Computer einen Admin Account und einen Benutzer Account einrichten. Dem Admin Account ein laaaaanges Passwort geben, aufscheiben und wahlweise hinter den Schank, oder in eine Büroschublade :) und vorher im Admin Account Jugendschutzeinschränkungen für den Benutzer einstellen.

    Die Einschränkungen sind zwar nicht perfekt, aber man kann z.B. (bei Windows) nur den jeweiligen Browser ausschalten, damit geht zB über Thunderbird noch das Emailabrufen, etc.

    Beste Grüße,
    _thommi_

    • wd
    • 09. Mai 2012 22:14 Uhr

    Ich benutze zwar häufig das Internet, aber häufiger nicht. Wichtig wäre, dass der Computer ohne Internetverbindung startet. Ich müsste dann die Möglichkeit haben, nur mit einem Klick ins Netz zu kommen und diese Verbindung auch mit einem Klick rigoros unterbrechen zu können.
    Bis jetzt kenne ich nur die Möglichkeit den Stecker zu ziehen oder die Stromversorgung zu unterbrechen.

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    Ich gehe ins Internet per Analog-DSL auf Windows XP und 7 und habe dementsprechend in meinem System eine Netzwerkverbindung von meinem LAN (d.i. das "Modem") zu meinem Provider eingerichtet. Eine Verknüpfung zu dieser Netzverwerkverbindung liegt auf dem Desktop. Ich kann also die Internetverbindung herstellen per Doppelklick&Pw.eingabe oder trennen per Rechtsklick&Trennen.

    Eigentlich ganz einfach und ganz normal, oder habe ich Ihr Problem falsch verstanden?

    Mit W-LAN-Nutzung, Apple und anderen von meinem System abweichenden Komponenten kenne ich mich nicht aus. Aber es geht doch auf allen Computern darum, eine Verbindung mit einem Netzwerk (http, ftp, email, whatever) herzustellen, und diese verbindung sollte sich doch auf allen Rechnersystemen als Icon auf dem Desktop ablegen lassen.

  5. Auf der Internetseite von Freedom steht, dass das Programm einmalig 10 $ kostet und nicht 10 $ pro Monat. Das wäre auch ein bisschen arg viel.
    Wäre es noch günstiger möchte, kann auch zu einem OpenSource-Programm greifen, das dasselbe tut, z.B. SelfRestraint für Windows, oder das hiergenannte Programm SelfControl für Mac OS X

    Viele Grüße,
    Nicolas

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    Redaktion

    Lieber Nicolas,

    vielen Dank für Ihren Hinweise, da hatte sich ein Fehler eingeschlichen. Wir haben das nun korrigiert.

    Herzlich, Maria Exner

  6. Da hier bisher nur Unverständnis gezeigt wurde von meinen Vorrednern, möchte ich mich hier mal als begeisteter "Cold Turkey" User "outen".

    Warum ist die Nutzung solcher Programme nicht lächerlich?
    Ich probiere hier mal ein Beispiel zu geben:
    Ich bin Student, arbeite Zuhause und kann mir meine Aufgaben nicht immer aussuchen. Natürlich gibt es auch spannende Projekte bei denen ich Cold Turkey nicht brauche, aber in jedem Studium gibt es eben auch unangenehme Aufgaben. Diese Projekte/Papers/Arbeiten/sonstwas würde ich NIE im Leben erledigt kriegen weil ich einfach einen riesen Drang habe die Realität kurzzeitig zu verdrängen und lustigere Dinge zu tun. Online Zeitungen,sinnfreie Videos, FB, online games, Foren.

    Übrigens wird ein ähnlicher Trick von Tausenden Studenten benutzt : In der Bibliothek statt zu Hause arbeiten. Meistens wird kein Buch ausgeliehen, es geht lediglich darum das man dort eben nicht sichs auf Sofa setzen kann, Telefonieren und auch das Nicht-sinnvollen-Surfen wird weniger, denn man fühlt sich "ertappt" durch die anderen die so fleißig arbeiten.

    Ich beneide die Leute die so eine knallharte Selbstdisziplin besitzen, dass sie selbst an einem Sonntag, verkatert, mit Mitbewohnern die schon das erste Bier wieder aufmachen, sich konzentriert an die Arbeit machen. Leider gelingt das nicht allen.

    Hoffe ich konnte meine ( und die vieler anderer ) Situation halbwegs verständlich machen.
    Gruß.

    ps :Cold Turkey ist umsonst, monatlich zahlen würde ich auch nicht.

    3 Leserempfehlungen
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    "selbst an einem Sonntag, verkatert, mit Mitbewohnern die schon das erste Bier wieder aufmachen, sich konzentriert an die Arbeit machen"

    Du sollst den Feiertag heiligen.

    "Ich bin Student, arbeite Zuhause und kann mir meine Aufgaben nicht immer aussuchen"

    Das wird Dir auch nach dem Studienabschluss im Job, den Du dann hoffentlich bald findest, so gehen. Und dein Chef wird not amused sein, wenn du dich dann via surfen davor drückst. Dafür zahlt dich keiner.

    Gut also, wenn du das jetzt schon übst. Ist übrigens nix Neues, wir hatten damals kein Internet, faul und abgelenkt waren wir trotzdem.

    Für die Selbstdisziplin am Sonntag habe ich dir den ultimativen Tipp: Erledige deinen Kram von Mo-Fr, dann bist du der, der am Sonntagmorgen die Bierflaschenverschlüsse ploppen lassen kann. Nix für ungut.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Browser | Daniel Kehlmann | Internet | Naomi Klein | Nick Hornby | Sascha Lobo
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