Du musst dein Leben ändern: Hamish Linklater und Miranda July als Dauersurfer im Film "The Future" © Alamode Film

Das schluffige Pärchen will sein Leben ändern. Kann man mit Mitte 30 ja mal machen, sagen sich die beiden Hauptfiguren im jüngsten Film von Miranda July, The Future. Nach langen Beziehungsjahren, unsinnigen Jobs und internetgestützter Tagträumerei schaffen sie sich unter anderem eine Katze an und stellen das Internet ab. Kein Rumliegen mehr mit schicken weißen Rechnern auf dem Schoß, nun wird das Leben einer Revision unterzogen.

Wie das Filmpärchen machen es immer mehr Menschen: Sie schalten das Internet ab. Sie tun es mit Programmen, die den eigenen Browser zeitweise komplett ausschalten oder zumindest YouTube, Facebook und das neueste Social Game blockieren – automatisiert, jeden Tag. Cold Turkey, Self Control, Leech Block oder Rescue Time heißen diese digitalen Kindermädchen. Letzteres alarmiert den Nutzer mit Statistiken zu seinem Surfverhalten. Andere Programme verhindern den Zugriff auf bestimmte Seiten zu bestimmten Zeiten, je nachdem welche kleinen Sünden man von sich selbst so kennt und eindämmen möchte.

Das populärste dieser Selbstdisziplinprogramme heißt Freedom. Für einmalig zehn Dollar wird der Browser stundenlang komplett abgeschaltet. Will man den Internetrausschmiss vor Ablauf der Zeit umgehen, muss man den Computer neu starten. Für den britischen Erfolgsautor Nick Hornby ist das Hindernis genug. Er schwört auf das Programm und mit ihm Kollegen wie Naomi Klein, Dave Eggers oder Seth Godin. Daniel Kehlmann sprach neulich ebenfalls von der Verbreitung, die das Programm in seinem Freundeskreis finde.

Was ist da los? Sind wir der Vernetzung überdrüssig? Können wir der digitalen Dauersendung allein nicht mehr entkommen? Während anderswo Diktatoren mit Hilfe des Internets gestürzt werden, müssen wir in der westlichen Welt die Reißleine ziehen?

Früher Arbeitsgerät, heute Ablenkungsmaschine

Fred Stutzman, Erfinder von Freedom, sieht die Sache pragmatisch: "Es wird zunehmend schwieriger, nicht teilzunehmen, auf die Tweets, Pokes und Nachrichten nicht zu antworten," so Stutzman. Diese Entwicklung, meint der Amerikaner, könnten wir nicht insgesamt aufhalten. "Wohl aber können wir auf individueller Basis gegen die 'digital distraction' zurückschlagen."

Mehr als 300.000 Nutzer haben allein Freedom bislang heruntergeladen. Seinen durchschnittlichen Kunden beschreibt Stutzman als Studenten mit festen Abgabeterminen. Dass nun vor allem die Kreativbranche für sein Programm Werbung macht, zeigt, dass viele Freiberufler einem ähnlichen Zwang zur strukturierten Arbeit ohne Leitplanken, wie feste Bürozeiten, ausgesetzt sind. Bei dieser wachsenden Zahl von Auftragnehmern hat der 33-jährige Informationswissenschaftler mit Freedom einen Nerv getroffen.

Die amerikanische Komödienschreiberin Nora Ephron nennt Freedom ihre "Anti-Prokrastinationstechnik". Spätestens seit dem im Jahr 2008 zwei Berliner Kreative das Sachbuch Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin vorlegten, weiß man um die Prokrastination genannte Neigung des modernen Arbeiters, den Geist baumeln und YouTube spielen zu lassen, bevor er die wichtigen Dinge anpackt. Dass wir Dinge manchmal einfach nicht tun, liege in der Natur des Menschen, sagt die Dinge-geregelt-kriegen-Autorin Kathrin Passig: "Das Streben nach Glück ist an die Reduktion von Zwang gekoppelt." Der spontane Facebook-Chat reduziert den Zwang nicht nachhaltig, schaltet ihn aber zumindest kurzzeitig auf Pause.

Prokrastination per Mausklick sei überhaupt erst möglich geworden, sagt dazu Freedom-Erfinder Stutzman, weil uns unsere Computer betrogen hätten. "Was früher Arbeitsgerät war, ist heute Ablenkungsmaschine. Beides fällt immer stärker zusammen." Sein Programm schalte lediglich die Ablenkungspotentiale wieder aus. Wo Passig und ihr Co-Autor Sascha Lobo ein "Lob der Disziplinlosigkeit" sangen, um das angestaubte Arbeitsethos des nine-to-five-Jobs abzustreifen, legt die Popularität der Online-Kindermädchen eine neue Sehnsucht nach Ordnung und Selbstdisziplin nahe.