MöbeldesignKatzen haben sieben Leben, Schubladen auch
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Gelebtes Leben zu verkaufen

Eine von Franziska Wodickas ersten Theorien war, dass Menschen, die nicht oft genug zu Hause sind, um ihre eigenen Möbel abzunutzen, sich gelebtes Leben einfach kaufen. Wodicka, 37, ausgebildete Landschaftsarchitektin, sitzt in ihrem Laden in der Berliner Körtestraße ; im Rücken hunderte alter Schubladen und fünf Jahre Erfahrung mit faszinierten Käufern.

schubLaden-Inhaberin Franziska Wodicka

schubLaden-Inhaberin Franziska Wodicka  |  © Raymond van Zessen

Seitdem sie sich 2003 um 18 alte Apothekerschubladen einen neuen Korpus baute, kümmert sie sich um alleinstehende Schubladen. Wodicka macht im Grunde mit ihnen, was das Museum mit Ready-Mades machte: Sie nimmt sie aus ihrem Kontext. Und sie rahmt sie. Meist in Weiß. Wie einem kostbaren Familienfoto verpasst sie ihren Fundstücken ein helles Passepartout.

Wie verblichene Familienmitglieder haben die Schubladen nun ihre Hauptaufgabe darin, Augenzeugen einer vergangenen Epoche zu sein. Es ist ihre Geschichte, die die Leute anzieht. Die sie weitererzählen. Und jedes Möbelstück ist zugleich eine moderne Collage, die Schubladen sind Zitate, Samples, ästhetische Muster aus einer anderen Zeit.

Die Leute lieben, sagt Wodicka, die Beschriftungen, die auf den ursprünglichen Inhalt und Zweck verweisen: Graupen, Zimt, Schrauben, Muttern. Sie schätzen die Aufkleber der Werkstattschubladen, ihre Abnutzungserscheinungen. Sie sind kein Makel, sie stellen den Wert dar. Denn sie machen sie einmalig.

Durch sie werden die Möbel von einem unbestimmten Artikel zu einem bestimmten Artikel: Kunden kaufen nicht eine, sondern die Kommode. Die es nicht noch einmal gibt. So wie auch Michael Ferguson zu seinem Sessel erzählen kann, dass die Dielen dazu aus der Großen Hamburger Straße stammen.

Kritiker tun so, als handle es sich bei ihren Entwürfen um Recycling . Um die Weiternutzung wertlosen Materials. Aber es ist ja nicht so, dass das Neue das Alte aufwertet: Tatsächlich wäre das Neue ohne das Alte nichts. Das Alte ist das Verkaufsargument, der Reiz, die Frechheit, der Wert.

Und es sieht nur so aus, als handle es sich um die Wiederverwendung eines konkreten Materials. Um Holz. Um Stoff. In Wahrheit ist der Rohstoff, der genutzt wird, die Zeit. Zu kaufen sind Jahrzehnte, verdichtet in einem Stück. Das Material ist die Geschichte. Das Stück steht da in Höhe, Breite, Tiefe – und jetzt auch noch der vierten Dimension, der Zeit. Kenntlich in Farbwahl, Zweckgebundenheit und Abnutzung. Die vielen Hände, durch die die Schubladen seit ihrer Fertigung gegangen sind, haben sie eigentlich erst geschaffen. Die Generationen von Mietern, die über Fergusons Berliner Dielenbretter liefen, die Körper, die in der Arbeitskleidung gering bezahlt schwitzten, sie verbreiten heute das Aroma einer vergangenen Welt.

Leserkommentare
  1. Leider sind die Preise etwas von dem entfernt was ich mir vorstelle für solch ein Möbelstück auszugeben. Oftmals besteht dieses ja nichtmal komplett aus Massivholz (z.B. bei den Schubladen welche meist in Holzfaserplatten gerahmt sind).
    Naja Kundschaft aus München und Stuttgart wird sich wohl trotzdem finden.

    Eine Leserempfehlung
  2. ...trägt dann doch etwas dick auf!

  3. Ich dachte immer, dass Katzen im Allgemeinen 9 Leben nachgesagt werden. Zumindest im deutschen Sprachraum. Und da befinden wir uns ja meines Wissens nach.

  4. Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  5. Über (selbsternannte) Design-Begrifflichkeit lässt sich, wie über Kunst, gar trefflich streiten.
    Der Konsumet entscheidet über die Toleranz von Dekadenz, praktischer Neu-Interpretation kumulierter Preise.
    Ein Börsenmakler in original-verkohlter Adolf-Hennecke-Kleidung erhielte damit zumindest den Arbeitsplatz eines "Inspirierten", also "Kohle im dritten Sinne"(bewundernswert-stringente Konsequenz solcher satirischen Kleidungs-Ideen).
    Zuerst begeistert über die Re-Idee vom Schubladen-Mobilar-Mix ("Astronauten-Möbel" wegen der Preise), hege ich inzwischen Bedenken, weil damit bewusst die Zerstörung auch ehemals guter Handwerkskunst willkürlich alimentiert scheint und zuweilen dennoch aufarbeitende Behutsamkeit die Geldkatze des Kunden schonen würde.
    Doch katzenglimmerte mir sogleich der Erkenntnis-Strahl: das ehemalige Grundmöbel ist preislich als philosophisch-unsichtbare Rahmen-Gebung inbegriffen:
    die nachhaltige Korrespondenz eines ehemaligen Blech-Werkzeugs-Schiebers neben antikem Wurzelholzfurnier steht
    exemplarisch als Gesamtkunstwerk für die neue Zeit und permanenten Lebens-Rotationen.
    Wie die neue Weltordnung auch.
    Da wird schonungsloser sortiert.
    Aus rein menschlicher Sicht.
    Das kleine Glas-Mehlmöbel wird den dramtaischen Geschichten eines ehemalig-sperrigen Finanzamt-Schiebers atemlos lauschen können.
    Unbezahlbar!

  6. das ist ja wunderbar. Ich kann von meinem Hobby in Zukunft leben, denn sowas mach ich aus Leidenschaft. Wenn ich mir anschaue, was man offenbar für ein (nicht besonders kreatives) Regal verlangen kann, dann sattel ich demnächst um.
    Ansonsten ist das eine schöne Sache.

  7. Auf den Trödelmärkten gibt es gebrauchte schöne Möbel oft viel günstiger, ebenso in Kleinanzeigen und auf Ibä.
    Ich kaufe recht viel so, so kann ich mir edle Klassiker ect leisten, die neu unbezahlbar sind.
    Abgesehen davon dass ein gewisser Mix recht gefällig ausschaut.

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  • Schlagworte Abnutzung | Alte | Möbel | Rohstoff | Katzen | Berlin
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