Zufällig habe ich im Supermarkt eine Anzeige gesehen, dass jemand einen Kleingarten abzugeben hat. Da ich in meinem Leben unbedingt etwas ändern wollte, rief ich den Besitzer an. Kurze Zeit später schritt ich durch eine Parallelwelt mit spießig bis liebevoll gestalteten Gärtchen. Die rechtwinklig angelegten, schnurgeraden Wege wurden immer schmaler. Dann stand ich vor einem Tor.

Hinter dem Tor setzte sich die Rechtwinkligkeit fort, überwuchert von mannshohem Gras und Unkraut. Zwei mit Vogeldreck bedeckte Tannen, denen man die Spitzen gekappt hatte, standen neben einer baufälligen Mauer. Beides sah aus, als hätte es einem verbitterten, alten Mann gehört. Außerdem standen da noch ein Holzhaus und ein Apfelbaum, ein Fliederbusch und ein paar alte Rosen. Am Grundstück floss ein Bach vorbei, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten, ansonsten war alles ruhig.

Unglaublich, dass ich so verrückt sein könnte, diesen Garten zu übernehmen. Doch dann stellte ich mir vor, wie ich dort mit meinem Laptop auf dem Schoß sitzen und ab und zu ein Unkräutchen zwischen dem Salat wegzupfen würde. Der Gedanke gefiel mir.

Mein Paradies

Acht Jahre später sind die Tannen einem Pflaumenbaum und einem Oleander gewichen, die Mauer ist abgetragen und der unbehausten Garten dahinter ist zu meinem hinzu gekommen. Auf den Beeten gedeihen nach jahrelangem Kampf gegen die schlechte Erde und die vielen Schnecken Mangold und verschiedene Arten von Kohl. Die Beerensträucher wachsen mir über den Kopf, Schmetterlinge fliegen umher, Fuchs und Waschbär unternehmen nächtliche Streifzüge. Vom Baumhaus schaut mein Sohn auf den Bach hinunter.

Wenn ich abends das Tor hinter mir zuziehe, ist der letzte Blick zurück immer mit einer tiefen Befriedigung verbunden, denn jede Stunde Arbeit dort bringt sichtbare Erfolge. Den Laptop nehme ich schon lange nicht mehr in den Garten mit, weil ich ihn sowieso nie auspacke.

Ich habe gelernt, dass alles seine Zeit hat, dass man viel Geduld braucht und dass man manche alten Strukturen wie den hässlichen Betonplattenweg zwar am liebsten auf einen Ruck verändern würde, sich aber an einiges gewöhnt und manches nur in kleinen Schritten verändern kann. In meinem Paradies bin ich meine jugendliche Ungeduld losgeworden. Mein Garten hat mich zu einem anderen Menschen gemacht.