450 Kilometer in elf Tagen. Wenn Annechien Meier sich mit ihrer Kunst auf die Reise macht, dann mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 km/h. Von Den Haag nach Wiesbaden fuhr sie im Sommer 2010, vorn ein Traktor, hinten ein Anhänger: sieben Meter lang, zweizwanzig breit, darauf ein Beet mit Gurken, Bohnen, Rosmarin, Ringelblumen, Salbei, Schnittlauch, Minze, Endiviensalat, Erdbeeren, Radieschen und Petersilie. Der fahrende Garten, das ist Annechien Meiers Kunst.

Seit zehn Jahren arbeitet die ausgebildete Malerin mit Pflanzen und Erde statt Farben. Zur Gartenkunst kam sie durch eine Reise. "Als ich vor Jahren über Holland geflogen bin und diese akkurate Anordnung der Felder von oben gesehen habe, dachte ich mir, dass das viel mehr über unsere Kultur aussagt als Bilder." In Frankreich und Belgien begann sie Lichtungen in Wäldern zu bepflanzen, nach typisch niederländischem Muster streng geometrisch geordnet. Meier wollte den Kontrast zwischen der vom Mensch gezähmten Natur und dem chaotischen Wildwuchs zu zeigen.

Als sie dann vor sechs Jahren zufällig jenen alten Anhänger fand, baute sie ihren ersten mobilen Garten. "Meine Gärten können Plätze besetzen, die eigentlich nicht begrünt sind, wie Bürgersteige und Autobahnen. So spiele ich mit den Grenzen zwischen privatem und öffentlichem Raum." Nach dem Anhänger begrünte sie einen alten Bus vor dem Norbottom Museum im schwedischen Lulea und ein stillgelegtes Flugzeug der südkoreanischen Stadt Gonju. Als die Einladung zu einer Gartenkunstausstellung in Wiesbaden kam, hatte Meier die Idee, den Garten ganz einfach mitzunehmen.

An der Grenze wurde es eng für die Künstlerin. Die deutsche Polizei war der Meinung, sie bräuchte einen LKW-Führerschein für ihr Gefährt und ein Kennzeichen. In den Niederlanden brauchte sie beides nicht. Ein deutscher Freund musste das Steuer übernehmen und ein Kennzeichen gleich mitbringen. Obst und Gemüse reist ohne Probleme zum Menschen, Äpfel aus Neuseeland , Tomaten aus Israel , Orangen aus Spanien . "Essen kommt über jeden Zoll, aber bei einem ganzen Garten bekommt man Ärger", sagt Meier und lacht. "So lernt man die grenzenlose Freiheit Europas kennen."

Wo kommt unser Essen her, was passiert auf dieser Reise, wo landet es? Mit diesen Fragen beschäftigt sich auch Armin Werner. Er ist Leiter des Instituts für Landnutzungssysteme des Leibniz-Zentrums in Müncheberg . Gemeinsam mit der Berliner Humboldt Universität hat er die Kampagne "Urbanes Gärtnern 2.0" gestartet. Er kennt mobile Gärten, aber in anderer Form. Der Prinzessinnengarten in Berlin zum Beispiel ist so gestaltet, dass er umziehen könnte, sollte der Pachtvertrag für die Brachfläche in Kreuzberg nicht verlängert werden.

"Solchen Gartenprojekte fragen danach, wie wir leben wollen und wie wir für diesen Lebensstil wirtschaften müssten", sagt Werner. Die sozialen und ökologischen Zusammenhänge unserer Nahrungsversorgung seien heute nur noch schwer begreifbar, so Werner. Man wisse zwar, welche Menge an Treibhausgasen ausgestoßen wird, wenn wir Obst aus Südamerika importieren, aber die Wirkungen, die in lokaler Erzeugung entstehen, werden kaum diskutiert. "Wir wollen mit den Stadtgärtnern kritisches Denken über Nachhaltigkeit fördern." Dazu gehört laut Werner auch der soziale Faktor. Die gemeinsame Arbeit in öffentlichen Gärten , ob fest oder mobil, lehrt Mitgestaltung, fördert den Gemeinschaftssinn und das Gefühl des Einzelnen, an seinen Lebensumständen etwas ändern zu können .