Ich kann es nicht mehr hören. Seit meinem vierzigsten Lebensjahr treffe ich überall im Bekanntenkreis auf Menschen, die angeblich in der Midlife-Crisis stecken und rumjammern: Sie hätten so viele Vorhaben nicht umsetzen können, ihr Leben halte immer weniger Optionen bereit, früher sei alles besser gewesen.

Immer wieder begegne ich solchen desillusionierten und zynischen Bekannten. Ich entgegne ihnen, dass sie jede Sekunde ihr Leben ändern können. Sie verklären ihre Vergangenheit und blenden dabei das Negative aus. Für diesen Einwand ernte ich meist ein hilfloses Schulterzucken, oder es heißt: "Du hast ja leicht reden."

Ja, ich gebe zu, mein bisheriges Leben ist unkonventionell verlaufen. Ich habe mich in diversen Berufen ausprobiert, bin zigmal dabei gescheitert, bin nicht wie meine Eltern geworden, habe viel zu viel gesoffen und konnte zeitweise kaum meine Krankenkasse zahlen. Irgendwann habe ich mein Studium der Pädagogik erfolgreich beendet und arbeite seitdem mit jungen Menschen. Lehrer bin ich aber nicht geworden.

Nie habe ich nach Sicherheit gestrebt und ich habe sie auch nie erreicht. Ich halte das Leben nach wie vor für verdammt gefährlich. Meinen besten Freund habe ich an Krebs sterben sehen und trotzdem bis zuletzt gehofft, er würde durchkommen.

Meine Verbündete gegen die Lebensangst ist die Musik. Schon der Philosoph Schopenhauer schrieb, dass Musik die Krönung der Kunst ist, weil sie den Weltwillen am unmittelbarsten ausdrückt. Im letzten Jahr habe ich die Platte des Sängers Thees Uhlmann entdeckt. Ein Soundtrack für meine Generation, der man einst einen sicheren Job und den sozialen Aufstieg versprach.

Der Rock 'n' Roll lebt. Er hilft mir weiterzumachen und stoisch zu ertragen, dass mir langsam die Haare ausfallen, das T-Shirt immer mehr am Bauch spannt und ich beim Freizeit-Kick schon nach den ersten Minuten keine Luft mehr übrig habe.

Einer der letzten Worte meines toten Freundes waren: "Ey Alter, diese ganze Show hier wird irgendwann vorbei sein!"