Die Straße der Republik in Eisenhüttenstadt

Die Frage ist doch die: Was sollte eine Postkarte von Eisenhüttenstadt zeigen? Vielleicht, was einen gleich am Bahnhof begrüßt, ein meterlanges, schon blässliches Graffito in schönster Straßendialektik: "Ich bin kein Rassist. Ich hasse Euch alle." Der Eisenhüttenstädter Montag empfängt mit alten Gleisen und Kopfsteinpflastern, gar nicht mehr neuen Neubauten und Zigarettenreklame.

Viele Menschen in den Straßen sind älter als ihre Häuser um sie herum. Die Idee, dass hier überhaupt eine größere Ansiedlung sein sollte, entstand erst Ende der vierziger Jahre. Damals wollten die Kommunisten ihre Unabhängigkeit vom Ruhrgebiet demonstrieren und bauten nicht nur ein gigantisches Stahlwerk: Sie errichteten ihrem Menschenbild eine ganze Stadt.

Unter Walter Ulbrichts Aufsicht wuchs das Großexperiment Stalinstadt: arkadengeschmückte Straßen, ornatverzierte Arbeiterhäuser, von klassenbewussten Marmorfiguren eingerahmte Parkanlagen und adrette Blumenrabatten, die die Wohnblöcke umfließen. Auf Postkarten von damals : Eine Stadt, die arbeiterlich und doch mondän wirken will. Friedrich-Wolf-Theater (klassizistisch), Hotel Lunik (international) und Leninallee (mit Bürgern).

Bald gingen das Geld und auch die Ideen aus. Wie an Baumringen lässt sich an den Neubaugebieten ablesen, wie der Sozialismus alterte: Im Zentrum der architekturgewordene Aufbaugeist, ringsherum wurde es immer billiger und pragmatischer. Bis schließlich auch in Eisenhüttenstadt Plattenbauten vom Typ P2 wuchsen, aus denen die Menschen in der übrigen DDR schon lange schauten. Ein Geschichtsbuch aus Beton.

Tausende Wohnungen wurden abgerissen

Doch Eisenhüttenstadts Geschichte ist nicht zu Ende. Sie wartet bloß auf ihre Pointe. Mitten in der Stadt wuchert plötzlich eine wilde Wiese. Auf der Fläche war früher der Wohnkomplex VII, jenes große Neubaugebiet, das als letztes entstand. Den frei werdenden Raum will offenbar niemand – hier sind keine linksalternativen Bauwagen und keine Großprojekte. "Das wird alles nach und nach zuwachsen", sagt Christiane Nowak, die in der Verwaltung für den Stadtumbau zuständig ist.

Tausende Wohnungen wurden seit der Wende abgerissen, Hunderte Menschen wurden umgesetzt, wie das hier heißt, und viele haben ihre Protestbriefe an Nowak geschrieben. Sie sagt, es mache keine Freude, Abriss zu planen. Doch wo sei die Alternative.

Die Juri-Gagarin-Oberschule am Platz der Jugend in Eisenhüttenstadt

Einwohner sind die Währung, in der Eisenhüttenstadt rechnen muss. Deren Anzahl ist seit 1990 von 50.000 auf 30.000 geschrumpft, im Jahr 2030 soll es noch gut 20.000 Eisenhüttenstädter geben. Jedes Jahr verlassen all jene die Stadt, die studieren wollen oder keinen Ausbildungsplatz kriegen. Viele holten sich endlich ihr Eigenheim – draußen, vor der Stadt, die vor allem Mietwohnungen zu bieten hatte.

Immerhin: Das Stahlwerk gibt es noch, es gehört inzwischen zum Weltmarktführer ArcelorMittal . Kürzlich kam die größte deutsche Papierfabrik hinzu und brachte mehrere Hundert Arbeitsplätze. Nun soll attraktiver Wohnraum her. Einfamilienhäuser sind in Planung, einen Plattenbau-Stadtteil am Oder-Spree-Kanal haben sie in orange und gelb saniert, am Wasser sind neue Spazierwege gelegt worden. Doch die Menschen werden trotzdem weniger.

Eisenhüttenstadt reagiert auf seine Entvölkerung wie die meisten Städte des Ostens mit klassischer Ansiedlungspolitik. Dass auch Arbeitsplätze nicht automatisch Einwohner bringen, kann man 200 Kilometer entfernt besichtigen, in Bitterfeld-Wolfen. Der Solarboom brachte 16.000 Arbeitsplätze in die 44.000-Einwohner-Stadt. Aber die Straßen und Plätze dort blieben leer. Tausende Angestellte pendeln täglich aus anderen Städten. Bitterfeld hat es versäumt, auf seine weichen Faktoren, auf Bars, Cafés, Museen, Musik zu achten. Das sagen auch Ökonomen .

Es geht durch das Eisenhüttenstädter Zentrum, vorbei an den Häusern der adretten Phase. Birken und Linden verdecken sanierte Fassaden mit Rundbögen. Unter den Arkaden alte Ladenzeilen. Den Rasen davor mäht keiner, aber das sieht auch besser aus. Über dem zweistöckigen Möbelhaus in der Magistrale prangt in großen Buchstaben das Wort Möbel. In einem Geschäft liegen Blümchenkleider der Größe XXXXL neben Unterwäsche und Schneekugeln. Das unbewohnte Hotel Lunik – einem Investor ging vor Jahren das Geld aus – starrt auf die Szene. Die Stadt, die sagt, dass die kommunistischen Ideologen falsch lagen, ist schön und kaputt wie ein alter Wolga.