Ein Mann spaziert durch einen Park in Zürich. © REUTERS/Arnd Wiegmann

Moderne Stadtentwicklung fußt auf der Vorstellung, dass Städte wachsen . Ein Wachstum, das organisiert und dank neuem Wohnraum in geordnete Bahnen gelenkt werden muss. Und so sehen die Instrumente der Stadtentwicklung gegenwärtig auch aus: Bebauungspläne, Bauordnungen, Bauleitplanungen – es könnte grüner sein. Doch den neuen Herausforderungen für die Stadt der Gegenwart ist mit Bauen kaum zu begegnen. In vielen westlichen Großstädten ist der Bedarf an Wohnraum und Gewerbegebieten gedeckt – zumindest im Vergleich zum rasanten Stadtwachstum des 19. Jahrhunderts. Deshalb stellt sich für die europäische Stadt der Zukunft weniger die Frage des quantitativen Wachstums, als die nach der (Über-)Lebensqualität.

Wie sieht eine Stadt aus, deren Energiebalance ausgeglichen ist und die effizient mit ihren Ressourcen umgeht? Wie muss eine Stadt sein, die sich den Auswirkungen der Erderwärmung vorausschauend anpasst und zugleich hilft, weiteren Klimawandel zu vermeiden? Wie kann die Stadt weiterhin dem ihr eingeschriebenen Glücksversprechen gerecht werden? Der Ausspruch "Stadtluft macht frei" bedeutet heute vor allem, Raum für sich immer weiter ausdifferenzierende Lebensstile bereitzustellen und Ungerechtigkeiten des Systems abzupuffern. Statt in der gebauten Stadtlandschaft nach Antworten zu suchen, muss hier der städtische Grünraum übernehmen.

Schon heute spricht man von Urban Heat , innerstädtischen Hitzeinseln, in denen eine dichte Bautypologie die lokale Hitzeentwicklung verstärkt . Bebauungsauflockerungen, kleine Pocketparks, grüne Dächer und Fassaden, Wiesenflächen und schattenspendende Bäume können diese Effekte auf mikroklimatischer Ebene, also im unmittelbaren Umfeld, reduzieren. Erste Beispiele für Grünfassaden gibt es schon, viele Städten haben auch begrünte Dächer. Doch sind das meist private Terrassen und keine öffentlichen Räume.

Dachparks für eine kühle Stadt

Warum sich nicht eine Stadt vorstellen, in der die Dachlandschaft grün und für jedermann zugänglich ist? Statt sich nicht nur auf Straßenniveau zu bewegen, könnten die Menschen von einem begrünten Dach zum anderen wandern. Einige Städte fördern bereits den Ausbau von Gründächern: Toronto hat mit dem Green Roof Bylaw eine gesetzliche Grundlage geschaffen, die den Bau von Gründächern bei bestimmten Gebäuden vorschreibt.

Eine andere Möglichkeit, die Stadt zu kühlen, ist die Optimierung der Kaltluftzufuhr. Lenkt man die aus der Umgebung in die Stadt strömende Luft in die richtigen Bahnen, sorgt sie in der gesamten Stadt für ein kühleres Klima. Daraus folgt der Auftrag, das Umland gut zu schützen. In Frankfurt wird überlegt, wie die Umleitung der Luft aus dem die Stadt umgebenden Grüngürtel verbessert werden kann. Strahlenartige Grünschneisen, die aus dem Grüngürtel in die Stadt reichen, könnten eine Lösung sein. Die Debatte um Kühlung könnte bald ein wesentliches Paradigma der Stadtentwicklung ändern: In Zukunft werden Gebäude vielleicht nicht mehr abgerissen, weil ein Investor etwas Größeres, Schickeres errichten will, sondern weil der Bestand die Kaltluftzufuhr bremst und so die Kühlung eines Stadtviertels verhindert.

Der Segen einer neuen Mobilitätskultur

Sich an ein verändertes Klima anpassen ist das eine. Noch wichtiger ist die Vermeidung weiterer Erwärmung – und da ist die Stadt Problem und Lösung zugleich . Zum einen ist sie mit ihren Bürotürmen und ihrer Verkehrsdichte eine echte Energieschleuder. Auf der anderen Seite aber ist die Stadt ein Labor der Lebensstile, in dem so etwas wie eine nachhaltige Gesellschaft entwickelt und erprobt werden kann. Hier sind bislang skandinavische Städte Vorreiter. Kopenhagen , die frisch gekürte europäische Umwelthauptstadt 2014, möchte bis 2025 komplett CO2-neutral werden.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist der automobile Individualverkehr , der in den meisten europäischen Städten bereits rückläufig ist. Nicht aus Zwang oder schlechtem Gewissen, sondern weil für einen modernen, urbanen Lebensstil das Prestigeobjekt Auto nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Eine neue Mobilitätskultur entsteht, in der zwischen Fahrrad, Auto und öffentlichem Verkehr je nach Bedarf gewechselt wird. Und das Auto muss man nicht mehr selber besitzen, sondern kann es mit anderen teilen. Weniger Autos bedeuten indes weniger Bedarf an Straßenraum. Bis jetzt wissen die wenigsten Städte, wie sie mit diesem neuen Freiraum umgehen sollen.