ZEIT ONLINE: Herr Lommertz, Sie sind Leiter von NAL/Ecobox , einer norwegischen Organisation, die sich für nachhaltiges Bauen engagiert – verstärkt auch mit dem Baustoff Holz. Ist der gerade im Trend?

MichaelLommertz: In Norwegen auf jeden Fall. Besonders die Massivholzproduzenten bekommen gerade mehr Anfragen, als sie abarbeiten können. Holz ist gefragt.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Lommertz: Mit Holz verbinden die meisten Menschen etwas Positives: Natürlichkeit, Behaglichkeit. Das passt zu einer Zeit, in der das Umweltbewusstsein wächst. Während mit Zement und Stahl eher Kälte assoziiert wird, steht Holz für Wärme.

ZEIT ONLINE: Welche Rolle spielt Holz aus ökologischer Sicht?

Lommertz: Es ist der einzige erneuerbare Baustoff und ein langlebiger dazu. Und es speichert CO 2 . Während des Wachstums entzieht es der Atmosphäre mehr CO 2 , als bei der Weiterverarbeitung freigesetzt wird. Für klimaneutrale Bauten ist es der ideale Baustoff.

ZEIT ONLINE: Warum wird in den Städten dennoch so wenig mit Holz gebaut?

Lommertz: Holz ist ein Rohstoff, um den unsere Vorfahren beim Bauen nur schwer herumkamen. Als nachwachsender, günstiger Rohstoff war es in den bewaldeten Gegenden Europas leicht zugänglich. Doch verheerende Stadtbrände wie das Feuer von Ålesund 1904 führten dazu, dass zum Beispiel in Norwegen, das auf eine lange Holzbautradition zurück blickt, Holzhäuser in der Stadt durch Steinbauten ersetzt wurden.

ZEIT ONLINE: Im Fall von Ålesund sogar per Erlass. Und mit deutscher Hilfe...

Lommertz: Kaiser Wilhelm der II., ein passionierter Norwegen-Reisender, half den obdachlos gewordenen Einwohnern und unterstützte die Stadt beim Wiederaufbau. Heute ist man in Ålesund stolz auf die im Jugendstil erbaute Innenstadt.

ZEIT ONLINE: Ist die leichte Brennbarkeit auch heute noch ein Argument gegen Stadthäuser aus Holz? Bei den großen Bränden waren oft umgestürzte Petroleumlampen oder offene Feuerstellen die Auslöser. Die kommen heute eher selten vor.

Lommertz: Nicht nur die Lebensumstände haben sich geändert: Neue technische Entwicklungen wie Sprinkleranlagen, Brandschutztüren oder feuerhemmende Lacke machen die Gebäude sicherer. Auch massive Holzelemente und Dämmstoffe reduzieren die Brennbarkeit.

ZEIT ONLINE:Richtige Fortschritte scheint die Holzbau-Praxis dennoch nicht zu machen. 2008 galt das siebengeschossige Wohnhaus des Architekten Tom Kaden in Berlin noch als Sensation. Warum wird nicht höher gebaut?

Lommertz: Daran sind veraltete Sicherheitsauflagen schuld, die nun nach und nach überarbeitet und an die tatsächlichen Standards heutiger Bauten angepasst werden. Das im Londoner Stadtteil Hackney gelegene Stadthaus von Waugh Thistleton Architects hat neun Stockwerke und die Wohnungsgenossenschaft Bergen Region Housing plant ein 14-stöckiges Apartmentgebäude mit Blick über Bergens Fjorde. Und in Trondheim hat man ein Einkaufszentrum in Holzbauweise errichtet.

ZEIT ONLINE: Ist Norwegen die führende Nation, wenn es um neue Formen von Holzarchitektur geht?

Lommertz: Fortschrittlich, ja. Es gibt einige architektonisch sehr interessante Holzbauprojekte in Norwegen. Aber vorbildlich ist zur Zeit Österreich und dort die Region Vorarlberg. Wenn sich jemand für architektonische Möglichkeiten interessiert, empfehle ich durchaus, die Häuser dort zu besichtigen.

ZEIT ONLINE: Was ist in der Region so besonders?

Lommertz: In Vorarlberg arbeiten Architekten, Handwerker und Zulieferer sehr eng zusammen. So entstehen energieeffiziente Gebäude, deren Bau verhältnismäßig wenig Emissionen verursacht, da die Wege vom Zulieferer zur Baustelle kurz sind.

ZEIT ONLINE: Ist das in anderen Ländern nicht so?

Lommertz: Nein. Da in Europa erst seit zwanzig Jahren wieder vermehrt mit Holz gebaut wird, fehlt an manchen Standorten die entsprechende Industrie – obwohl Wald vorhanden ist. Besonders im Massivholz-Bereich sitzen wichtige Zulieferer zum Beispiel in Österreich und Schweden . Wenn die Holzelemente für den nachhaltigen Kindergarten aber erst aus China importiert werden müssen, wirkt sich das negativ auf die Öko-Bilanz aus. Die aktuelle Entwicklung wird diese Lücken hoffentlich schließen.