SeilbahnLeise über den Dächern reisen

Mit der Seilbahn erobert ein Transportmittel die Stadt, das bisher vor allem Bergwelten erschlossen hat. In London und Berlin soll sie nun Verkehrsprobleme lösen. von Felix Stephan

Die Emirates Airline in London, genannt Gondola

Die Emirates Airline in London, genannt Gondola  |  © Dan Kitwood/Getty Images

Großereignisse wie die Olympischen Spiele sind oft technologische Innovationsmotoren, so war es auch in London : Eine der Hauptaufgaben der Organisatoren bestand darin, den drohenden Verkehrskollaps während der Spiele zu verhindern. Schließlich sind Straßen und öffentlicher Nahverkehr schon im Alltag meist überlastet. Kurz vor der Eröffnung der Spiele nahm dann ein Transportmittel den Betrieb auf, das in Europa eher mit Hochgebirgen denn mit Metropolen assoziiert wird: eine Seilbahn.  

Lust auf Stadt - die Themenwoche
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Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.   |  © Tasos Katopodis/Getty Images

Städte sind eine große Errungenschaft. Sie ermöglichen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Doch viele Stadtbewohner hadern mit dem beschleunigten, vernetzten, von globalen Kräften geprägten Arbeits- und Lebensstil, den die Stadt ihnen abverlangt.

ZEIT ONLINE widmet sich eine Woche lang dem guten Leben in der Stadt. Wir stellen Projekte und Ideen vor, dank derer sich der Wunsch nach mehr Freiraum, nach Natur und Teilhabe mit einem Leben in Ballungsräumen vereinbaren lässt.

Von Eisenhüttenstadt über New York bis Basel finden unsere Autoren gute Gründe, auch die Zukunft in großen und kleinen Städten zu verbringen. Weil man in ihnen schwimmen und Gemüse anbauen, sie der Nase nach oder mit dem Fahrrad entdecken kann.

Die Folgen der Serie

Lust auf Stadt: Das gute Leben bleibt urban
Eisenhüttenstadt: Eine Stadt wartet auf ihre Pointe
Tempelhofer Feld: Entfaltung auf dem Rollfeld
Schwimmen im Rhein: Wie Basel lernte, im Fluss zu leben
Smellscapes: Die Stadt mit der Nase entdecken
Stadtleben mit Kind: Kleine Menschen unter vielen
Landleben mit Kind: Die Härte des Lebens in kindgerechten Dosen
Stadt für Senioren: Ohne Aufhebens aufeinander achten
Wohngemeinschaft: Eine Siedlung für alternde Künstler
Städte im Film: Paris von unten, New York von innen
Orte der Stille: Die Stadt der leisen Töne
Grüne Stadt: Klimaanlagen mit Wurzeln und Laub
Bauen mit Holz: Atmende Fassaden statt Platte
Fahrrad in der Stadt: Mit dem Rad durch offene Türen
Seilbahn: Leise über den Dächern reisen

Alle Beiträge zur Themenwoche finden Sie hier.

Als E-Book

Die Serie Lust auf Stadt gibt es auch als E-Book. Erfahren Sie alles über die einzigartigen Seiten die nur eine Stadt bieten kann, in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als ePub-Version für Ihren eReader, sowie als Mobi-Version für Ihr Kindle Lesegerät zur Verfügung.

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Am 27. Juni 2012 bestieg der Londoner Bürgermeister Boris Johnson die erste Gondel der von der Fluggesellschaft Emirates gesponserten neuen Airline , die seitdem die Greenwich Peninsula mit den Docks verbindet und dabei die Themse überquert. Die Seilbahn hat eine Kapazität von 2.500 Passagieren pro Stunde, das entspricht in etwa 30 Bussen. Fünf Minuten dauert die Fahrt, das ist konkurrenzlos.

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Das Londoner Projekt könnte ein Startsignal sein. Denn tatsächlich spricht einiges dafür, dass die Seilbahn ein umweltfreundliches und geräuschloses Instrument sein kann, auch bei den Verkehrsproblemen anderer europäischer Metropolregionen Abhilfe zu schaffen. Das liegt vor allem daran, dass die Technologie heute ausgereifter ist als in der Vergangenheit: Es ist heute keine Herausforderung mehr, Seilbahnen auch um Kurven fahren und an mehreren Stationen halten zu lassen.

CO2-neutral fast wie ein Fahrrad

Heiner Monheim, Professor für Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier, beschäftigt sich seit Jahren mit den Potenzialen von Seilbahnen im urbanen Raum . Für ihn liegen die Vorteile auf der Hand: Der Bau einer städtischen Seilbahn dauert kaum länger als zwei Jahre, die Seilbahn muss auf den Straßenverkehr keine Rücksicht nehmen, sie ersetzt teure und langwierige Bauprojekte wie Tunnel oder Brücken.

Und obwohl sie sich relativ langsam fortbewegt, ist sie meist das schnellste öffentliche Verkehrsmittel, weil es kaum Wartezeiten gibt. Verpasst man Bus oder Bahn, verliert man meist mindestens zehn Minuten, während bei der Seilbahn die nächste Gondel immer schon in Sichtweite ist. Und die Energiebilanz der Seilbahn entspricht etwa der von Fahrrädern: Wenn man den Strom für den Antrieb aus erneuerbaren Energien bezieht, ist das Verkehrsmittel nahezu CO2-neutral.

Schwierigkeiten ergeben sich für Professor Monheim allenfalls in der Umsetzung: Es sei nicht immer einfach, alle erforderlichen Überfahrrechte zu bekommen. Viele Grundstücksbesitzer würden ihre Erlaubnis nicht erteilen, Seilbahnen über ihre Grundstücke schweben zu lassen. Auch in das Stadtbild greift so eine Seilbahn natürlich gründlich ein, auch davon ist nicht jeder begeistert.

Dass Seilbahnen in den europäischen Städten derart unterrepräsentiert sind, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eher das Ergebnis der spezifischen westeuropäischen Marktsituation: Die hiesigen Seilbahnhersteller konnten in den vergangenen Jahrzehnten schlicht gut davon leben, ausschließlich touristische Verkehrsprojekte in Bergregionen mit ihren Vehikeln auszustatten, weswegen sie sich auf dieses Segment beschränken konnten. Mit den Gletschern schmelzen allerdings auch die angestammten Märkte dahin und die Hersteller müssen sich nach Alternativen umschauen.

Vorbilder in Georgien, Kolumbien und Vietnam

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Woanders gibt es das schon lange: In der georgischen Hauptstadt Tiflis etwa sind bereits seit über einem Jahrhundert umliegende Stadtviertel über Seilbahnen mit der Innenstadt verbunden. Auch im kolumbianischen Medell í n nimmt eine Seilbahn Verkehrsbelastung von den Straßen genauso wie im vietnamesischen Nha Trang und in Rio de Janeiro . In der brasilianischen Metropole ist ein neu entstandenes, suburbanes Viertel via Seilbahn an den Schienenverkehr angeschlossen worden. Das Verkehrsprojekt kostete einen Bruchteil dessen, was ein Ausbau des Schienennetzes verschlungen hätte.

Die derzeit leistungsfähigste Seilbahn Europas fährt derzeit noch in Koblenz , wo sie anlässlich zur Bundesgartenschau 2011 für zwölf Millionen Euro in nur 14 Monaten errichtet wurde und heute gleichzeitig eine touristische Attraktion und pragmatische Verkehrslösung ist. Und in Berlin gibt es derzeit Planspiele, den Flughafen Tegel, der bald neu genutzt werden muss, mit einer Seilbahn an die Innenstadt anzubinden. Im Zeitalter steigender Benzinpreise wird die Seilbahn, so sieht es derzeit aus, mittelfristig eine immer wichtigere Rolle in den Verkehrskonzepten europäischer Metropolregionen spielen.

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Leserkommentare
    • an-i
    • 16. September 2012 11:26 Uhr

    greift so eine Seilbahn natürlich gründlich..."
    was für ein Argument, und was ist mit den Parkhäusern, Hochspannungsmasten, AKW-s, und "Schnellstraßen" mitten durch die Stadt? Greift das nicht in das Stadtbild ein?
    Das grösste Manko von einer Seilbahn ist, man kann seinen VAN und SUV nicht mitnehmen...
    Sonst spricht nichts dagegen...

    6 Leserempfehlungen
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    Genau das ist doch auch das Totschlagargument gegen Windkraftanlagen. Das die alternativen um ein vielfaches schlimmer sind interessiert dabei keinen.

  1. Georgien ist zwar ein gutes Beispiel, aber das mit Tiflis stimmt nicht. Hier fahren nicht mehr wirklich Seilbahnen, was auch damit zusammenhängt, dass manchmal ein Kabel reisst und ganze Schulklassen in den Abgrund gestürzt sind... Die Stadt mit Vorbildcharakter in Sachen Seilbahnen in Georgien heißt Chiatura (Tschiatura).

  2. Genau das ist doch auch das Totschlagargument gegen Windkraftanlagen. Das die alternativen um ein vielfaches schlimmer sind interessiert dabei keinen.

    3 Leserempfehlungen
  3. So lassen sich wieder Parteibuch-Genossen in gut bezahlte Vorstände bringen
    Nur wer traut sich dann noch damit zu fahren bei ?

  4. Wer nicht in der Lage ist, eine S-Bahn störungsfrei am Laufen zu halten, sollte besser keine Seilbahn betreiben.

  5. Also wenn es ein Problem mit den "Überflugrechten" von Privatgrundstücken gibt, dann könnte man doch einfach die komplette untere Hälfte der Gondeln blickdicht machen. Oder stört das dann den touristischen Aspekt?

    PS: Ich bin nur froh, dass Berlin eine neue Idee hat Geld auszugeben!

  6. Es ist ja nicht so, als wäre diese Idee besonders neu und innovativ. Gerade große Unternehmen wie z.B. Doppelmayr liefern schon seit vielen Jahren in andere Länder jenseits der Alpen oder entsprechender Gebirge.

    In London war der Bau umstritten - viele Londoner waren skeptisch, wie denn bei Defekt Leute über der Themse evakuiert werden sollten. Da musste ich schon sehr schmunzeln - wäre ja nicht so, als gäbe es nicht regelmäßig Evakuierungsmaßnahmen auf 3000m Höhe bei Wind und 300m-Abgründen.

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    • Tiroler
    • 16. September 2012 13:33 Uhr

    Wenn man von Seilbahnen redet, sollte man schon unterscheiden können zwischen Seil-Schwebebahnen und seilgezogenen, schienengebundenen Verkehrssystemen. Beide Arten von Seilbahnen eignen sich hervorragend für Insellösungen (z. B. Verbindung zwischen einem Flughafen und dem Stadtzentrum). Ihre große Schwäche ist aber, dass sie nicht vernetzt werden können. Daher sind sie kein Allheilmittel für die Verkehrsprobleme der modernen Städte. Ich äußere diese Kritik, obwohl (oder weil) mein Urgroßonkel die ersten Personenseilbahn der Welt gebaut hat und auch mein Großvater als Seilbahnbauer tätig war.

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  • Serie Lust auf Stadt
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Benzinpreis | Boris Johnson | Bundesgartenschau | Bus | Emirates | Fahrrad
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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