Die Emirates Airline in London, genannt Gondola © Dan Kitwood/Getty Images

Großereignisse wie die Olympischen Spiele sind oft technologische Innovationsmotoren, so war es auch in London : Eine der Hauptaufgaben der Organisatoren bestand darin, den drohenden Verkehrskollaps während der Spiele zu verhindern. Schließlich sind Straßen und öffentlicher Nahverkehr schon im Alltag meist überlastet. Kurz vor der Eröffnung der Spiele nahm dann ein Transportmittel den Betrieb auf, das in Europa eher mit Hochgebirgen denn mit Metropolen assoziiert wird: eine Seilbahn.  

Am 27. Juni 2012 bestieg der Londoner Bürgermeister Boris Johnson die erste Gondel der von der Fluggesellschaft Emirates gesponserten neuen Airline , die seitdem die Greenwich Peninsula mit den Docks verbindet und dabei die Themse überquert. Die Seilbahn hat eine Kapazität von 2.500 Passagieren pro Stunde, das entspricht in etwa 30 Bussen. Fünf Minuten dauert die Fahrt, das ist konkurrenzlos.

Das Londoner Projekt könnte ein Startsignal sein. Denn tatsächlich spricht einiges dafür, dass die Seilbahn ein umweltfreundliches und geräuschloses Instrument sein kann, auch bei den Verkehrsproblemen anderer europäischer Metropolregionen Abhilfe zu schaffen. Das liegt vor allem daran, dass die Technologie heute ausgereifter ist als in der Vergangenheit: Es ist heute keine Herausforderung mehr, Seilbahnen auch um Kurven fahren und an mehreren Stationen halten zu lassen.

CO2-neutral fast wie ein Fahrrad

Heiner Monheim, Professor für Raumentwicklung und Landesplanung an der Universität Trier, beschäftigt sich seit Jahren mit den Potenzialen von Seilbahnen im urbanen Raum . Für ihn liegen die Vorteile auf der Hand: Der Bau einer städtischen Seilbahn dauert kaum länger als zwei Jahre, die Seilbahn muss auf den Straßenverkehr keine Rücksicht nehmen, sie ersetzt teure und langwierige Bauprojekte wie Tunnel oder Brücken.

Und obwohl sie sich relativ langsam fortbewegt, ist sie meist das schnellste öffentliche Verkehrsmittel, weil es kaum Wartezeiten gibt. Verpasst man Bus oder Bahn, verliert man meist mindestens zehn Minuten, während bei der Seilbahn die nächste Gondel immer schon in Sichtweite ist. Und die Energiebilanz der Seilbahn entspricht etwa der von Fahrrädern: Wenn man den Strom für den Antrieb aus erneuerbaren Energien bezieht, ist das Verkehrsmittel nahezu CO2-neutral.

Schwierigkeiten ergeben sich für Professor Monheim allenfalls in der Umsetzung: Es sei nicht immer einfach, alle erforderlichen Überfahrrechte zu bekommen. Viele Grundstücksbesitzer würden ihre Erlaubnis nicht erteilen, Seilbahnen über ihre Grundstücke schweben zu lassen. Auch in das Stadtbild greift so eine Seilbahn natürlich gründlich ein, auch davon ist nicht jeder begeistert.

Dass Seilbahnen in den europäischen Städten derart unterrepräsentiert sind, ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eher das Ergebnis der spezifischen westeuropäischen Marktsituation: Die hiesigen Seilbahnhersteller konnten in den vergangenen Jahrzehnten schlicht gut davon leben, ausschließlich touristische Verkehrsprojekte in Bergregionen mit ihren Vehikeln auszustatten, weswegen sie sich auf dieses Segment beschränken konnten. Mit den Gletschern schmelzen allerdings auch die angestammten Märkte dahin und die Hersteller müssen sich nach Alternativen umschauen.

Vorbilder in Georgien, Kolumbien und Vietnam

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Woanders gibt es das schon lange: In der georgischen Hauptstadt Tiflis etwa sind bereits seit über einem Jahrhundert umliegende Stadtviertel über Seilbahnen mit der Innenstadt verbunden. Auch im kolumbianischen Medell í n nimmt eine Seilbahn Verkehrsbelastung von den Straßen genauso wie im vietnamesischen Nha Trang und in Rio de Janeiro . In der brasilianischen Metropole ist ein neu entstandenes, suburbanes Viertel via Seilbahn an den Schienenverkehr angeschlossen worden. Das Verkehrsprojekt kostete einen Bruchteil dessen, was ein Ausbau des Schienennetzes verschlungen hätte.

Die derzeit leistungsfähigste Seilbahn Europas fährt derzeit noch in Koblenz , wo sie anlässlich zur Bundesgartenschau 2011 für zwölf Millionen Euro in nur 14 Monaten errichtet wurde und heute gleichzeitig eine touristische Attraktion und pragmatische Verkehrslösung ist. Und in Berlin gibt es derzeit Planspiele, den Flughafen Tegel, der bald neu genutzt werden muss, mit einer Seilbahn an die Innenstadt anzubinden. Im Zeitalter steigender Benzinpreise wird die Seilbahn, so sieht es derzeit aus, mittelfristig eine immer wichtigere Rolle in den Verkehrskonzepten europäischer Metropolregionen spielen.