Smellscapes Die Stadt mit der Nase entdecken
Sie meinen, nur Landluft rieche gut? Dann braucht Ihre Nase eine Schulung! Urbane Smellscape-Projekte erweitern unsere Wahrnehmung.
© Courtesy: Grand Arts, Kansas City, USA

Warmes Waschpulver, Baumwolle, Weichspüler, Münzgeld: Sissel Tolaas erforscht die olfaktorische Welt des Waschsalons.
Einatmen, 20.000 Mal am Tag. Mehr als zwölf Kubikmeter Luft saugen wir durch unsere Nasen in die Lungen und mit ihnen unzählige Geruchsmoleküle. Doch nur selten sind wir uns bewusst, was wir da aufnehmen. Die Landluft hat es immerhin an die Spitze der Geruchsstereotype geschafft. Von Kuhdung, Moderteich und Stinkmorchel schwärmt man besonders in urbanen Ballungsräumen. Erst wo die Welt nach geschnittenem Gras dufte, sei der Mensch ganz bei Sinnen.
- Lust auf Stadt - die Themenwoche
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© Tasos Katopodis/Getty ImagesAlle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.
Städte sind eine große Errungenschaft. Sie ermöglichen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Doch viele Stadtbewohner hadern mit dem beschleunigten, vernetzten, von globalen Kräften geprägten Arbeits- und Lebensstil, den die Stadt ihnen abverlangt.
ZEIT ONLINE widmet sich eine Woche lang dem guten Leben in der Stadt. Wir stellen Projekte und Ideen vor, dank derer sich der Wunsch nach mehr Freiraum, nach Natur und Teilhabe mit einem Leben in Ballungsräumen vereinbaren lässt.
Von Eisenhüttenstadt über New York bis Basel finden unsere Autoren gute Gründe, auch die Zukunft in großen und kleinen Städten zu verbringen. Weil man in ihnen schwimmen und Gemüse anbauen, sie der Nase nach oder mit dem Fahrrad entdecken kann.
- Die Folgen der Serie
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Lust auf Stadt: Das gute Leben bleibt urban
Eisenhüttenstadt: Eine Stadt wartet auf ihre Pointe
Tempelhofer Feld: Entfaltung auf dem Rollfeld
Schwimmen im Rhein: Wie Basel lernte, im Fluss zu leben
Smellscapes: Die Stadt mit der Nase entdecken
Stadtleben mit Kind: Kleine Menschen unter vielen
Landleben mit Kind: Die Härte des Lebens in kindgerechten Dosen
Stadt für Senioren: Ohne Aufhebens aufeinander achten
Wohngemeinschaft: Eine Siedlung für alternde Künstler
Städte im Film: Paris von unten, New York von innen
Orte der Stille: Die Stadt der leisen Töne
Grüne Stadt: Klimaanlagen mit Wurzeln und Laub
Bauen mit Holz: Atmende Fassaden statt Platte
Fahrrad in der Stadt: Mit dem Rad durch offene Türen
Seilbahn: Leise über den Dächern reisenAlle Beiträge zur Themenwoche finden Sie hier.
Die Stadtluft gilt als schmutzig, verbraucht und ungesund. Doch wer ihr etwas Aufmerksamkeit schenkt, kann einiges erleben: Die Winde in den Häuserschluchten erzählen uns Geschichten über unser gesellschaftliches Zusammenleben, über Arbeit, Kinder, Ernährung, Hygiene, Architektur, Technik, Geschichte. Bloß hat eine durchschnittliche Menschennase kein Ohr für das Säuseln der Geruchsmoleküle. Ohne Umwege erreichen die Informationen aus der Luft unser limbisches System, das unsere Gefühle steuert. Wir reagieren also oftmals, ohne zu wissen, warum.
Im Lauf der Evolution haben wir unseren wichtigsten Sinn vernachlässigt und ins Unterbewusste sinken lassen. "Man nimmt die Umgebung zuerst mit der Nase wahr", sagt die Duftforscherin Sissel Tolaas. "Danach bestätigen die Augen, was die Nase schon weiß." Die Chemikerin widmet ihre Arbeit den Geschichten, die in der Luft liegen. Und sie möchte dazu beitragen, dass alle zuhören lernen.
Dünste des Lebens
"Jede Stadt hat einen Eigengeruch, eine Identität", sagt sie. Die Viertel ihrer Berliner Wahlheimat hat Tolaas mittlerweile duftkartografiert: Neukölln riecht, neben Döner, nach Weichspüler und Wäschetrockner – hier wohnen viele kinderreiche Familien. Charlottenburg hingegen nach Seifensauberkeit. Reinickendorf nach Sonnenstudio. Und aus dem S-Bahn-Schacht Jannowitzbrücke dünstet noch immer die sozialistische Vorwendezeit mit ihren Kohleöfen und scharfen Putzmitteln.
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Blog zum Thema: The Smell And The City
Nicola Twilleys Blog über Stadtforschung, Architektur, Geografie: Edible Geography
Twilley erklärt in The Atlantic, wie man seine eigene Scratch-'N-Sniff-Karte erstellt.
Kate McLeans grafische Duftkartografie und andere Sensory Maps
Kulinarische Karte von New York (2004)
Smell-Map-Feature der New York Times
Weitere Informationen zu Sissel Tolaas' Projekt in Kansas City auf Facebook und über Grandarts.com
Literatur zum Thema: The Smell Culture Reader, Hrsg. Jim Drobnick, Berg Publishers, Oxford 2006, 442 S., 26,99 Euro
Kalkutta, Stockholm, Kapstadt, London, Paris, Mexiko City: Viele Städte und Kunstzentren auf der ganzen Welt laden Tolaas ein, damit sie Duftproben von Straßen, Häusern, Parks, Nachbarschaften nimmt und sie anschließend im Labor chemisch reproduziert. Sie lassen ihre olfaktorische Identität abfüllen. Die Auftraggeber mögen das Ergebnis für bloßes Stadtmarketing verwenden, aber die Forscherin erkennt einen höheren Zweck in ihrer Arbeit. Sie fördert Toleranz: Rieche Deinen Nachbarn wie Dich selbst.
George Orwell schrieb, dass alle Unterschiede in Ethnien, Religion, Bildung, Moral und Temperament überwindbar sind, nur die körperliche, geruchliche Ablehnung des Gegenübers nicht. Tolaas aber sagt: Wer ein offener Staats- und Weltbürger sein möchte, muss mit der Toleranz der Nase beginnen. Die ist lernbar, wenn man den Geruchssinn wieder ins Bewusstsein holt. Dann ist es möglich, Kategorien wie riecht gut / riecht schlecht aufzulösen, Düfte differenzierter zu beschreiben und sie vielleicht irgendwann – wie Tolaas – als neutrale Informationen zu verarbeiten. Mit ein wenig Übung verschafft uns die Nase ungeahnte Lust am Sinn und damit Erkenntnisse, die anderen verschlossen bleiben.
- Datum 11.09.2012 - 12:11 Uhr
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- Serie Lust auf Stadt
- Quelle ZEIT ONLINE
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..ein Geruchsportrait von Kalkutta? Lieber nicht... :)
@Gabeln stapeln: Etwas mehr Mut, bitteschön! :-) Es geht doch genau darum, Geruchsvorurteile abzubauen.
@Gabeln stapeln: Etwas mehr Mut, bitteschön! :-) Es geht doch genau darum, Geruchsvorurteile abzubauen.
@Gabeln stapeln: Etwas mehr Mut, bitteschön! :-) Es geht doch genau darum, Geruchsvorurteile abzubauen.
Seit bei mir im, Westend, in München, an der Ecke eine Pizzeria mit Holzofen aufgemacht hat, haben wir fast den ganzen Tag Buchenholz-Räuchergestank, incl. Rußpartikel in Bade- und Schlaf-zimmer.
Da kommt Freude auf!
Die Behörden stellen sich absichtlich dumm und behaupten, dass sie nichts tun können.
Wegen ein paar Euro Gewerbesteuer werden die Leute hier verarscht.
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