Wohngemeinschaft Eine Siedlung für alternde Künstler

Gut leben im Alter: Mit der städtischen Siedlung "Camp der Renegaten" entwerfen Künstler eine Wohngemeinschaft, die zu ihren Lebensumständen passt.

Welche Stadtviertel bieten Lebensqualität für ältere Bewohner? Straßenszene in Berlin-Kreuzberg

Welche Stadtviertel bieten Lebensqualität für ältere Bewohner? Straßenszene in Berlin-Kreuzberg

In Städten wie Berlin ist die beinah garantierte Altersarmut der Künstler eine ungeklärte soziale Frage. Die Statistiken weisen etwa 10.000 bildende Künstler in der Hauptstadt aus. Selbstständige Autoren, Maler, Designer und Architekten, die sich halbfreiwillig in vergleichbare wirtschaftliche Situationen begeben, sind da nicht einmal mitgezählt. Und obwohl eine lebendige Künstlerszene im Stadtmarketing gern als Mehrwert für Immobilieninvestoren ausgestellt wird, gibt es so gut wie keine Konzepte, wie mit den alternden Künstler künftig umgegangen werden soll. Auf der vom Berliner Theater HAU organisierten Weltausstellung im Juni hat das Berliner Künstlerduo Dellbrügge & de Moll dafür einen Vorschlag gemacht: Eine Siedlung für betagte Künstler soll her, eine Mischung aus Akademie und Wohngemeinschaft. Camp der Renegaten heißt das Konzept, das die Erfinder ausdrücklich nicht als sozialpolitischen Lösungsansatz verstanden wissen wollen, sondern als Denkanstoß.

Lust auf Stadt - die Themenwoche
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Städte sind eine große Errungenschaft. Sie ermöglichen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Doch viele Stadtbewohner hadern mit dem beschleunigten, vernetzten, von globalen Kräften geprägten Arbeits- und Lebensstil, den die Stadt ihnen abverlangt.

ZEIT ONLINE widmet sich eine Woche lang dem guten Leben in der Stadt. Wir stellen Projekte und Ideen vor, dank derer sich der Wunsch nach mehr Freiraum, nach Natur und Teilhabe mit einem Leben in Ballungsräumen vereinbaren lässt.

Von Eisenhüttenstadt über New York bis Basel finden unsere Autoren gute Gründe, auch die Zukunft in großen und kleinen Städten zu verbringen. Weil man in ihnen schwimmen und Gemüse anbauen, sie der Nase nach oder mit dem Fahrrad entdecken kann.

Die Folgen der Serie

Lust auf Stadt: Das gute Leben bleibt urban
Eisenhüttenstadt: Eine Stadt wartet auf ihre Pointe
Tempelhofer Feld: Entfaltung auf dem Rollfeld
Schwimmen im Rhein: Wie Basel lernte, im Fluss zu leben
Smellscapes: Die Stadt mit der Nase entdecken
Stadtleben mit Kind: Kleine Menschen unter vielen
Landleben mit Kind: Die Härte des Lebens in kindgerechten Dosen
Stadt für Senioren: Ohne Aufhebens aufeinander achten
Wohngemeinschaft: Eine Siedlung für alternde Künstler
Städte im Film: Paris von unten, New York von innen
Orte der Stille: Die Stadt der leisen Töne
Grüne Stadt: Klimaanlagen mit Wurzeln und Laub
Bauen mit Holz: Atmende Fassaden statt Platte
Fahrrad in der Stadt: Mit dem Rad durch offene Türen
Seilbahn: Leise über den Dächern reisen

Alle Beiträge zur Themenwoche finden Sie hier.

Um die Karrieren jüngerer Künstler anzuschieben, gibt es in Europa ein dichtes Netz an Förderungen, Stipendien und Residencys. Die Situation der älteren Künstler beschreibt Herbert Mondry, Vorsitzender des Berliner Berufsverbandes Bildender Künstler, indes düster: Oft verfügten sie nicht einmal über ausreichend Geld, um sich Eintrittskarten für Theater, Opern oder Museen leisten zu können und könnten am kulturellen Leben fast nicht mehr teilnehmen. Viele vegetierten vereinsamt in den Außenbezirken vor sich hin, ein künstlerischer Austausch finde so gut wie nicht statt. Das Camp der Renegaten will keinesfalls als soziale Mitleidsgeste missverstanden werden oder als Pflegeheim für Wunderlinge. Es geht Dellbrügge & de Moll vielmehr darum, eine Akademie antiker Prägung zu entwerfen, ein Kompetenzzentrum zeitgenössischer Kunstproduktion, eine Forschungsstation.

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Der Ansatz ist auch deshalb nötig, weil sich das Problem der Altersarmut nicht auf Künstler beschränkt. Im Zuge des demographischen Wandels werden bald immer mehr Deutsche von Altersarmut betroffen sein. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach kürzlich von 1,3 Millionen Deutschen, deren Rente im Jahr 2030 nicht mehr zum Lebensunterhalt reiche. Eine Siedlung für ältere Künstler wäre vor diesem Hintergrund auch ein soziales Labor für das würdevolle Altern mit geringen Mitteln; ein Fernrohr in unsere unmittelbare Zukunft. Denn dass sich der Staat schrittweise aus der Altersvorsorge der Deutschen zurückzieht, ist spätestens seit der Einführung der halb-privaten Riester-Rente fassbare Realität.

Von den Künstlern lernen

Die demographische Entwicklung weist in eine Zukunft, in der alle Arbeitnehmer erstens bis ins hohe Alter ihrem Beruf nachgehen werden und zweitens bei der Organisation ihres Ruhestandes zunehmend auf ein soziales Netz zurückgreifen werden müssen, das ohne staatliche Strukturen auskommt. Beides machen Künstler schon heute. Die Gesellschaft, so die Vermutung, kann also von ihren Künstlern nicht nur etwas über die Ästhetik der Gegenwart lernen, sondern auch über das eigene Altern. Die Bildsprache der Gegenwartskunst mag sich seit einigen Jahren vor allem um sich selbst drehen. In der Verhandlung sozialer Wahrheiten sind Künstler aber heute vielleicht avantgardistischer als allen Beteiligten und Unbeteiligten lieb ist.

Leser-Kommentare
    • Mari o
    • 13.09.2012 um 12:22 Uhr

    hold on,i´m comin´
    sowas utopisches habe ich noch nie gelesen.
    weitermachen

    Eine Leser-Empfehlung
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    Redaktion

    Liebe/r @Mari

    machen wir! Denn wer weiß, was aus so einer utopische Idee für die Lösung einer schwierigen sozialen Frage – wie können vs. wie wollen wir im Alter leben? – alles werden kann?

    Freundliche Grüße, Maria Exner

    ich will auch da wohnen!

    Von Künstlern kann die Gesellschaft auch noch etwas ganz anderes lernen: gern zu arbeiten. Viel dafür zu tun, um arbeiten zu können, nämlich notfalls x Jobs zu machen, um die eigentliche Arbeit zu finanzieren. Nicht, daß ich das für ein würdiges Leben oder für nachahmenswert hielte!

    Das auch im Hinblick auf ein BGE gesprochen - ich würde mir davon auch einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel im Hinblick auf die eigene Haltung zur Arbeit versprechen. Nämlich nicht in der Arbeit abzuhängen und sie lieblos, unfreiwillig und dementsprechend schlecht zu verrichten, sondern Arbeit als etwas zu begreifen, das dem Leben Sinn gibt, es strukturiert und einen gesellschaftlichen und persönlichen Mehrwert herstellt. Etwas, das man mit Liebe und Hingabe tut. So arbeiten die meisten Künstler bereits jetzt.

    Nicht, daß hier irgendwelche Mißverständnisse aufkommen: Künstler rollen sich eher nicht um halb zwölf aus dem, Bett, nehmen einen tiefen Schluck Rotwein und sind 'kreativ', sondern arbeiten meist hart und sind meist sehr fleißig. Und das auch noch gern, die 5% Inspiration und die 95% Transpiration. Es wäre wirklich großartig, wenn sie nicht auch noch im Alter dafür mit Armut bestraft, sondern eine ihren Bedürfnissen angemessene Umgebung geschaffen würde. Schöner Artikel!

    Redaktion

    Liebe/r @Mari

    machen wir! Denn wer weiß, was aus so einer utopische Idee für die Lösung einer schwierigen sozialen Frage – wie können vs. wie wollen wir im Alter leben? – alles werden kann?

    Freundliche Grüße, Maria Exner

    ich will auch da wohnen!

    Von Künstlern kann die Gesellschaft auch noch etwas ganz anderes lernen: gern zu arbeiten. Viel dafür zu tun, um arbeiten zu können, nämlich notfalls x Jobs zu machen, um die eigentliche Arbeit zu finanzieren. Nicht, daß ich das für ein würdiges Leben oder für nachahmenswert hielte!

    Das auch im Hinblick auf ein BGE gesprochen - ich würde mir davon auch einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel im Hinblick auf die eigene Haltung zur Arbeit versprechen. Nämlich nicht in der Arbeit abzuhängen und sie lieblos, unfreiwillig und dementsprechend schlecht zu verrichten, sondern Arbeit als etwas zu begreifen, das dem Leben Sinn gibt, es strukturiert und einen gesellschaftlichen und persönlichen Mehrwert herstellt. Etwas, das man mit Liebe und Hingabe tut. So arbeiten die meisten Künstler bereits jetzt.

    Nicht, daß hier irgendwelche Mißverständnisse aufkommen: Künstler rollen sich eher nicht um halb zwölf aus dem, Bett, nehmen einen tiefen Schluck Rotwein und sind 'kreativ', sondern arbeiten meist hart und sind meist sehr fleißig. Und das auch noch gern, die 5% Inspiration und die 95% Transpiration. Es wäre wirklich großartig, wenn sie nicht auch noch im Alter dafür mit Armut bestraft, sondern eine ihren Bedürfnissen angemessene Umgebung geschaffen würde. Schöner Artikel!

  1. Redaktion
    2. Utopia

    Liebe/r @Mari

    machen wir! Denn wer weiß, was aus so einer utopische Idee für die Lösung einer schwierigen sozialen Frage – wie können vs. wie wollen wir im Alter leben? – alles werden kann?

    Freundliche Grüße, Maria Exner

    Antwort auf "Halleluja"
  2. Das Problem trifft ja fast alle Selbständigen. Die wenigsten erwirtschaften in ihrem Leben so viel, dass sie im Alter davon leben können. Viele kommen nur gerade so über die Runden.

    Die "Senioren-WG", ob mit oder ohne angeschlossenes Atelier, ist hier ein Ersatz der Großfamilie, die schon seit jeher davon profitierte dass es sich in der Gruppe sparsamer und leichter leben lässt.

    Eine Gestaltung als sozialpolitisches Projekt über das Maß einer normalen Senioren-WG hinaus fände ich - Genau wie offenbar die Ideengeber - dementsprechend auch nicht sinnvoll. Schließlich lässt sich "Künstler" nicht genau definieren, wie wollte man also eine Steuerfinanzierte Wohltat dem einen zukommen lassen und dem anderen nicht. Man stelle sich vor ein Gericht müsste befinden ob die Bilder des sich hineinklagenden Rentners nun "Kunst" seien oder nicht.

  3. vielleicht sind solche Gedankenspiele ja die ersten Vorboten einer gesellschaftlichen Umorientierung. Künstler sind durch das was sie ihr Leben lang tun vermutlich Menschen, die es schaffen sich selbst zu bewahren in einer immer kälteren sozialen Umwelt. Die nicht aufgeben angesichts des Primats der ausschließlich aus Ökonomie und Macht geprägten Strukturen unserer Wohlstands "Gemeinschaft". Aber es gibt haufenweise solche die alt werden und vereinsamt vor sich hin vegetieren vor ihren Fernsehern. Das die in der Regeln nicht mehr so leicht zu aktivieren und ansprechbar sind, wie jemand, der sein ganzes Leben damit kämpfen musste eigene Wege zu finden ist klar. Aber diese Menschen sind da. Und richtig verstanden sind sie ein riesiges Potential aus dem sich ganz konkret und zum Nutzen der ganzen Gesellschaft andere, menschlichere soziale Strukturen wieder zurückbilden könnten. Eine "Investition" die sich wahrhaft "lohnen" würde. Für Alle!

  4. Allein die Umsetzung erster Experimente und eine handvoll Protagonisten, die zum Selbstversuch bereit sind, werden diese Diskussion beflügeln.
    Wenn ich will, fallen mir jede Menge Bedenken ein, warum so etwas angesichts verschiedener Charaktere und Verklemmungen nicht klappen kann. Egal, es muss eine Lösung her und ohne den praktischen Versuch endet alles in irgendwelchem Soziologenquark. Zudem wird das Experiment auch für inhaltliche Aufmerksamkeit sorgen und Chancen eröffnen, dass die Arbeit älterer Künstler qualitativ gewürdigt wird.
    Insgesamt ein spannendes und alternativloses Experiment.

  5. 6. Amen,

    ich will auch da wohnen!

    Von Künstlern kann die Gesellschaft auch noch etwas ganz anderes lernen: gern zu arbeiten. Viel dafür zu tun, um arbeiten zu können, nämlich notfalls x Jobs zu machen, um die eigentliche Arbeit zu finanzieren. Nicht, daß ich das für ein würdiges Leben oder für nachahmenswert hielte!

    Das auch im Hinblick auf ein BGE gesprochen - ich würde mir davon auch einen gesamtgesellschaftlichen Wertewandel im Hinblick auf die eigene Haltung zur Arbeit versprechen. Nämlich nicht in der Arbeit abzuhängen und sie lieblos, unfreiwillig und dementsprechend schlecht zu verrichten, sondern Arbeit als etwas zu begreifen, das dem Leben Sinn gibt, es strukturiert und einen gesellschaftlichen und persönlichen Mehrwert herstellt. Etwas, das man mit Liebe und Hingabe tut. So arbeiten die meisten Künstler bereits jetzt.

    Nicht, daß hier irgendwelche Mißverständnisse aufkommen: Künstler rollen sich eher nicht um halb zwölf aus dem, Bett, nehmen einen tiefen Schluck Rotwein und sind 'kreativ', sondern arbeiten meist hart und sind meist sehr fleißig. Und das auch noch gern, die 5% Inspiration und die 95% Transpiration. Es wäre wirklich großartig, wenn sie nicht auch noch im Alter dafür mit Armut bestraft, sondern eine ihren Bedürfnissen angemessene Umgebung geschaffen würde. Schöner Artikel!

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    Antwort auf "Halleluja"
  6. Ganz ähnlich wie das „Camp der Renegaten“ sieht die Alters-Planung von meiner Frau und mir aus.

    Es ist ja nicht so, daß zwangsläufig alle Künstler Einzelgänger und Wunderlinge sind, die zu einer langjährigen Beziehung nicht fähig sind und deshalb keine Kinder haben, die sich um sie kümmern könnten.
    Dieses Leben für die Kunst ist in modernen Zeiten kaum mehr möglich und angesichts der damit verbundenen „Altlasten“ auch nicht erstrebenswert.

    Man kann doch nebenberuflich künstlerisch arbeiten und in einem sog. ordentlichen Beruf erst mal genügend Geld für die spätere Phase zurücklegen wo man mit Teilzeitjobs über die Runden kommt.
    Die gesetzliche Rente wird dann zwar auch mau aussehen, aber wer privat vorsorgt hat eh mehr davon.

    Anders gesagt, es braucht auch bei KünsterInnen heute mehr als nur diesen einen Beruf, denn die Zahl derer die mit diesem Anspruch (oft aber dilettierend) produzieren und sich vermarkten ist durch die sozialen Sicherungssysteme gewaltig angestiegen und das Angebot bzw. der Wettbewerb enorm.
    Daher lässt sich früh realistisch absehen, daß man vom eigenen Schaffen nicht wird leben können und dazuverdienen und sich das Atelier und die Werkstatt ggf. teilen muß.

    Die Camp-Idee ist mithin die folgerichtige Fortsetzung der allüblichen, oft aber nur temporären, Atelier, Wohn – und Quartiergemeinschaften von KünstlerInnen.

    Wir greifen, wie die Initiatoren des Camps. diesen Gedanken auf und richten unser Leben schon jetzt daraufhin aus.

    Besser ist das.

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