Das Generationsübergreifende Wohnquartier des W.I.R. eV. in Dortmund ist eine Art Dorf in der Stadt. © Marcus Simaitis dpa/lnw

ZEIT ONLINE: Frau Bott, Sie sagen, die Stadt ist der Raum, in dem wir unsere Lebensträume verwirklichen wollen. Aber viele Städter scheinen der Großstadt müde und sehnen sich nach mehr Miteinander. Mancher wähnt gute Gemeinschaft auf dem Land. Ist das richtig?

Jutta M.Bott: Es gibt sie schon, die besondere Sozialität auf dem Land. Aber nach meiner Erfahrungen kann man nicht sagen, die Beziehungen seien tragfähiger oder in der Anzahl häufiger als in der Stadt.

ZEIT ONLINE: Was charakterisiert das Miteinander auf dem Land?

Bott: In Brandenburg sind die Netzwerke beispielsweise sehr davon abhängig, wie die Menschen vor der Wende miteinander gelebt haben und wie sie Neubürger integriert haben – oder mehrheitlich nicht integrieren. Diejenigen, die sich mit dem System sehr arrangiert hatten oder dahinter standen, halten häufig zusammen. Wer sich eher ferngehalten hat und beispielsweise in der Kirche engagiert war, gehört zu einer anderen Gruppe. Dazwischen gibt es wenig Brücken. Auf dem Land gilt: gleich und gleich gesellt sich gern. Die Identifikation über ähnliche Ansichten bildet Vertrauen. Für viele der Neubürger ist das Land entsprechend nur eine Übergangsphase.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Bott: Wir haben Bürger im Havellandkreis gefragt, welche Bedürfnisse sie haben, wie sie das Leben auf dem Land beurteilen und sie alt werden wollen. Ein Teil der Best-Ager, die relativ frisch aus Berlin rausgezogen waren und zum Teil Häuser gekauft hatten, gab an, dass sie das zwar eine Weile machen wollen, aber wenn sie alt oder krank würden, dann würden sie nach Berlin zurückziehen.

ZEIT ONLINE: Die Menschen sind sich bewusst, dass das Landleben nur funktioniert, wenn man sich selbst helfen kann.

Bott: Wenn man mobil ist und keine großen Schwierigkeiten hat. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wollen viele Ältere die beste Versorgung für sich, im Krankenhaus und von Pflegediensten. Es ist ihnen klar, dass sie das in ausgedünnten Dörfern mit 250 Einwohnern nicht bekommen werden.

ZEIT ONLINE: Man sollte sich also nicht der Illusion hingeben, auf dem Land gäbe es ein Miteinander, von dem man in der Stadt nur träumen kann.

Bott: Es gibt auch in der Stadt Hilfesysteme . Ich glaube nicht, dass die Stadt vom Land träumen muss. Die Stadt erfindet andere Konzepte, um Nähe herzustellen, damit Menschen füreinander etwas tun.

ZEIT ONLINE: An was denken Sie?

Bott: In der Stadt sind es oft einzelne Häuser, die als Gemeinschaft gut funktionieren. Die haben aus sich heraus eine große Hilfsbereitschaft, vielleicht weil neue Parteien eingezogen sind oder schon lange da waren, die offen sind für Neue. Was Städter leicht füreinander machen sind niedrigschwellige Dinge wie Post annehmen oder den Briefkasten leeren.

ZEIT ONLINE: Entstehen neue Gemeinschaftsformen in der Stadt?

Bott: Welche Entwicklungen und Trends es gibt, hängt davon ab, in welchen Gemeinschaften und welchem Milieu ich mich schon bewege. Die Mittelschicht ist denkt über neue Konzepte nach. Es entstehen neue Genossenschaften, in die man einiges Geld einbringen muss. Dort finden sich Leute, die Lust und Kraft haben, sich in basisdemokratischen Diskussionen darüber zu verständigen, wie sie bauen und wie sie leben wollen. Dann gibt es eine Gruppe, zu der ich mich auch rechnen würde, die sagt: Ich würde gern mit anderen zusammenleben in einem lockeren Verbund, also in einem Haus oder einem Quartier, wo man nacheinander sieht, etwas miteinander macht, ohne eng befreundet zu sein. Diese Gruppe schaut mit Argusaugen auf die Wohnungsbaugesellschaften, damit das möglich wird. Oft haben die Menschen ja nicht genug Geld, um sich einen Neubau leisten zu können.

ZEIT ONLINE: Es sind also nicht unbedingt junge Familien, die mit neuen Lebensgemeinschaften experimentieren?

Bott: Familien mit kleinen Kindern haben soziale Bezüge über die Schule und die Kita. Sie sind eher darauf aus­ – und da kommt das Land wieder ins Spiel –, den Kindern ein Leben und Spielen im Grünen zu bieten. Diese Familien sind in Gemeinschaften eingebunden und befriedigen auf dem Land eher Sehnsüchte von Freiheit und Natur- und Tiernähe für die Kinder.