Stadt für SeniorenOhne Aufhebens aufeinander achten

Die Sozialpädagogin Jutta M. Bott hält das bessere Miteinander auf dem Land für einen Mythos. Gerade für Senioren biete die Stadt flexiblere Wohnkonzepte. von 

Das Generationsübergreifende Wohnquartier des W.I.R. eV. in Dortmund ist eine Art Dorf in der Stadt.

Das Generationsübergreifende Wohnquartier des W.I.R. eV. in Dortmund ist eine Art Dorf in der Stadt.  |  © Marcus Simaitis dpa/lnw

ZEIT ONLINE: Frau Bott, Sie sagen, die Stadt ist der Raum, in dem wir unsere Lebensträume verwirklichen wollen. Aber viele Städter scheinen der Großstadt müde und sehnen sich nach mehr Miteinander. Mancher wähnt gute Gemeinschaft auf dem Land. Ist das richtig?

Jutta M.Bott: Es gibt sie schon, die besondere Sozialität auf dem Land. Aber nach meiner Erfahrungen kann man nicht sagen, die Beziehungen seien tragfähiger oder in der Anzahl häufiger als in der Stadt.

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ZEIT ONLINE: Was charakterisiert das Miteinander auf dem Land?

Bott: In Brandenburg sind die Netzwerke beispielsweise sehr davon abhängig, wie die Menschen vor der Wende miteinander gelebt haben und wie sie Neubürger integriert haben – oder mehrheitlich nicht integrieren. Diejenigen, die sich mit dem System sehr arrangiert hatten oder dahinter standen, halten häufig zusammen. Wer sich eher ferngehalten hat und beispielsweise in der Kirche engagiert war, gehört zu einer anderen Gruppe. Dazwischen gibt es wenig Brücken. Auf dem Land gilt: gleich und gleich gesellt sich gern. Die Identifikation über ähnliche Ansichten bildet Vertrauen. Für viele der Neubürger ist das Land entsprechend nur eine Übergangsphase.

Lust auf Stadt - die Themenwoche
Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.

Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.   |  © Tasos Katopodis/Getty Images

Städte sind eine große Errungenschaft. Sie ermöglichen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Doch viele Stadtbewohner hadern mit dem beschleunigten, vernetzten, von globalen Kräften geprägten Arbeits- und Lebensstil, den die Stadt ihnen abverlangt.

ZEIT ONLINE widmet sich eine Woche lang dem guten Leben in der Stadt. Wir stellen Projekte und Ideen vor, dank derer sich der Wunsch nach mehr Freiraum, nach Natur und Teilhabe mit einem Leben in Ballungsräumen vereinbaren lässt.

Von Eisenhüttenstadt über New York bis Basel finden unsere Autoren gute Gründe, auch die Zukunft in großen und kleinen Städten zu verbringen. Weil man in ihnen schwimmen und Gemüse anbauen, sie der Nase nach oder mit dem Fahrrad entdecken kann.

Die Folgen der Serie

Lust auf Stadt: Das gute Leben bleibt urban
Eisenhüttenstadt: Eine Stadt wartet auf ihre Pointe
Tempelhofer Feld: Entfaltung auf dem Rollfeld
Schwimmen im Rhein: Wie Basel lernte, im Fluss zu leben
Smellscapes: Die Stadt mit der Nase entdecken
Stadtleben mit Kind: Kleine Menschen unter vielen
Landleben mit Kind: Die Härte des Lebens in kindgerechten Dosen
Stadt für Senioren: Ohne Aufhebens aufeinander achten
Wohngemeinschaft: Eine Siedlung für alternde Künstler
Städte im Film: Paris von unten, New York von innen
Orte der Stille: Die Stadt der leisen Töne
Grüne Stadt: Klimaanlagen mit Wurzeln und Laub
Bauen mit Holz: Atmende Fassaden statt Platte
Fahrrad in der Stadt: Mit dem Rad durch offene Türen
Seilbahn: Leise über den Dächern reisen

Alle Beiträge zur Themenwoche finden Sie hier.

Als E-Book

Die Serie Lust auf Stadt gibt es auch als E-Book. Erfahren Sie alles über die einzigartigen Seiten die nur eine Stadt bieten kann, in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als ePub-Version für Ihren eReader, sowie als Mobi-Version für Ihr Kindle Lesegerät zur Verfügung.

Genießen Sie unser enhanced E-Book  inklusive Videos und begleiten Sie uns auf der Suche nach dem Grün im Grau, wie wir regional angebaute Lebensmittel im urbanen Raum finden und über den Dächern der Stadt schweben. Entdecken Sie auch weitere E-Books von ZEIT ONLINE:

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ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Bott: Wir haben Bürger im Havellandkreis gefragt, welche Bedürfnisse sie haben, wie sie das Leben auf dem Land beurteilen und sie alt werden wollen. Ein Teil der Best-Ager, die relativ frisch aus Berlin rausgezogen waren und zum Teil Häuser gekauft hatten, gab an, dass sie das zwar eine Weile machen wollen, aber wenn sie alt oder krank würden, dann würden sie nach Berlin zurückziehen.

ZEIT ONLINE: Die Menschen sind sich bewusst, dass das Landleben nur funktioniert, wenn man sich selbst helfen kann.

Bott: Wenn man mobil ist und keine großen Schwierigkeiten hat. Wenn das nicht mehr der Fall ist, wollen viele Ältere die beste Versorgung für sich, im Krankenhaus und von Pflegediensten. Es ist ihnen klar, dass sie das in ausgedünnten Dörfern mit 250 Einwohnern nicht bekommen werden.

ZEIT ONLINE: Man sollte sich also nicht der Illusion hingeben, auf dem Land gäbe es ein Miteinander, von dem man in der Stadt nur träumen kann.

Bott: Es gibt auch in der Stadt Hilfesysteme . Ich glaube nicht, dass die Stadt vom Land träumen muss. Die Stadt erfindet andere Konzepte, um Nähe herzustellen, damit Menschen füreinander etwas tun.

ZEIT ONLINE: An was denken Sie?

Bott: In der Stadt sind es oft einzelne Häuser, die als Gemeinschaft gut funktionieren. Die haben aus sich heraus eine große Hilfsbereitschaft, vielleicht weil neue Parteien eingezogen sind oder schon lange da waren, die offen sind für Neue. Was Städter leicht füreinander machen sind niedrigschwellige Dinge wie Post annehmen oder den Briefkasten leeren.

ZEIT ONLINE: Entstehen neue Gemeinschaftsformen in der Stadt?

Jutta Bott
Jutta Bott

Jutta Bott lehrt an der FH Potsdam Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit. Sie ist Expertin des Innovationskollegs Stadt-Klima Potsdam und leitete das Forschungsprojekt Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter (SILQUA) des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Bott: Welche Entwicklungen und Trends es gibt, hängt davon ab, in welchen Gemeinschaften und welchem Milieu ich mich schon bewege. Die Mittelschicht ist denkt über neue Konzepte nach. Es entstehen neue Genossenschaften, in die man einiges Geld einbringen muss. Dort finden sich Leute, die Lust und Kraft haben, sich in basisdemokratischen Diskussionen darüber zu verständigen, wie sie bauen und wie sie leben wollen. Dann gibt es eine Gruppe, zu der ich mich auch rechnen würde, die sagt: Ich würde gern mit anderen zusammenleben in einem lockeren Verbund, also in einem Haus oder einem Quartier, wo man nacheinander sieht, etwas miteinander macht, ohne eng befreundet zu sein. Diese Gruppe schaut mit Argusaugen auf die Wohnungsbaugesellschaften, damit das möglich wird. Oft haben die Menschen ja nicht genug Geld, um sich einen Neubau leisten zu können.

ZEIT ONLINE: Es sind also nicht unbedingt junge Familien, die mit neuen Lebensgemeinschaften experimentieren?

Bott: Familien mit kleinen Kindern haben soziale Bezüge über die Schule und die Kita. Sie sind eher darauf aus­ – und da kommt das Land wieder ins Spiel –, den Kindern ein Leben und Spielen im Grünen zu bieten. Diese Familien sind in Gemeinschaften eingebunden und befriedigen auf dem Land eher Sehnsüchte von Freiheit und Natur- und Tiernähe für die Kinder.

Leserkommentare
  1. das hier beschrieben wird.

    In Denglish Downsizing genannt, sich-verkleinern.

    Machen wir so ähnlich auch gerade, die älteren Kinder sind aus dem Haus und der Jüngste auf dem Weg zum Schulabschluss.

    Wozu brauchen wir dann noch ein großes Haus, wenn´s eine Wohnung auch tut. Gern mit angenehmer und ähnlich gesinnter Nachbarschaft, in der gegenseitige Hilfe bei Bedarf groß geschrieben wird.

    Außerdem kann man sich so auch beruflich verkleinern, wenn man sich das erlauben kann.

    Tja, nächsten Monat geht´s los. Sieht so aus, als wären wir nicht die Einzigen, die sich verkleinern werden. Man sieht sich also.

    Ich pack dann mal weiter unsere Sachen.

    Eine Leserempfehlung
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    ...die geplante kleinere Wohnung in einer von ihnen gewünschten Umgebung teurer (bis zu doppelt so teuer) wird, wie die bislang bewohnte große Wohnung? Der Zwang für "die Alten" besteht doch darin, dass sie auf der einen Seite weinger Geld zur Verfügung haben, auf der anderen Seite aber für eine neue, kleinere Wohnung mehr als früher bezahlen müßten. Damit will ich den Investoren keinen Vorwurf machen, für die muß es sich rechnen. Vielleicht sollte man dort Seniorendörfer aufbauen, wo Dörfer ansonsten praktisch aufgegeben werden, weil die "Jugend" in die Stadt zieht. Die Infrastruktur wäre weitestgehend vorhanden, die Investitionskosten könnten dadurch erheblich gesenkt werden.

  2. ...die geplante kleinere Wohnung in einer von ihnen gewünschten Umgebung teurer (bis zu doppelt so teuer) wird, wie die bislang bewohnte große Wohnung? Der Zwang für "die Alten" besteht doch darin, dass sie auf der einen Seite weinger Geld zur Verfügung haben, auf der anderen Seite aber für eine neue, kleinere Wohnung mehr als früher bezahlen müßten. Damit will ich den Investoren keinen Vorwurf machen, für die muß es sich rechnen. Vielleicht sollte man dort Seniorendörfer aufbauen, wo Dörfer ansonsten praktisch aufgegeben werden, weil die "Jugend" in die Stadt zieht. Die Infrastruktur wäre weitestgehend vorhanden, die Investitionskosten könnten dadurch erheblich gesenkt werden.

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