Vernachlässigt den Inhalt: Der Flakon ist umgeben von roten Buchseiten und leinengebundenem Karton. © Steidl

Alles ist Plastik. Glänzend, glatt, weiß, grau, schwarz. Oder gar nicht mehr da. Verschwunden in Datenströmen, die aus Funkwolken auf uns hernieder rauschen. Oh, böse digitale Welt! Da hilft nur Holz, mag mancher denken. Manufactum hat seit den Nuller Jahren und dem ersten Internetboom regen Zulauf, und während sich E-Books und Tablets verbreiten, ist Papier endgültig zum Fetisch geworden.

Diesen Zellulosefanatismus verstärken Buchverlage gern, allein aus Angst um ihre Geschäftsgrundlage. Der Steidl Verlag aus Göttingen tut es traditionell mit der Herausgabe opulenter Bild- und Kunstbände oder des Wallpaper* Magazines , das sich auf krisenfestem Papier mit schönen Dingen befasst. Viele davon lassen sich ebenso gut online betrachten. Und da kam Steidl eine echt verrückte Marketingidee: Wenn Bücher ins Internet evaporieren, muss wenigstens ihr Dunst festgehalten werden.

Den gibt es jetzt in Flaschen: Paper Passion. Perfume For Booklovers heißt das Parfum, mit dem nicht etwa überdigitalisierte Wohnzimmer bestäubt werden sollen, sondern Handgelenke und Dekolleté. Ein Eau de Cologne mit Papiergeruch. Der Berliner Parfumeur Geza Schön hat es entworfen. Dass er sein Handwerk versteht, hat er schon mit einigen Kreationen bewiesen. Ungewöhnlich offenherzig für die Parfumbranche erläutert er diesmal seine Zutaten, so als wolle er sagen: Es geht nicht immer zu wie bei Süskinds Grenouille, man saugt dem Papier nicht seinen Duft aus und füllt ihn ab! Man erarbeitet ihn sich.

Schön hat ein skulpturales Parfum geschaffen, eine synthetische Nachahmung der Natur. Er hat an echtem Papier und Karton geschnüffelt, die fettigen, mürben, holzigen und chemischen Noten herausgelesen und dazu die Entsprechungen in seinem Chemiebaukasten gesucht. Methyl-Linoleat, Ethyl-Linoleat und Copaiba-Balsam bilden die Basis von Paper Passion . Hinzu kommen Amber Extreme, Trisamber, Osmanthus Absolute, Moschus und als Kopfnote Kresylacetat. Nach 17 Versuchen der Annäherung war er zufrieden mit dem Ergebnis.

Die Kreation ignoriert das Wichtigste am Lesen

Tatsächlich entfaltet sich in den ersten Minuten ein Akkord aus frisch bedrucktem Matrizenpapier, der neutral-schmierigen Note von Vaseline, die an Pappkartons erinnert, und einem unbeschriebenen Notizheft, dessen Seiten sich auffächern. Über allem schwebt der beißende Geruch von Desinfektionsalkohol, der sich leider nicht verflüchtigen will. Doch das ist womöglich völlig unproblematisch. Dolce & Gabbana haben um dieselbe stechende Chemienote ihr erfolgreiches DamenParfum Light Blue entworfen. Der große Duftkritiker Luca Turin schrieb dazu: "Wenn Sie Parfums hassen, sind Sie wahrscheinlich gerade bei Ihrer vierten Flasche."

Wie es der Name sagt, soll Paper Passion. Perfume For Booklovers Bibliophile ansprechen und vielleicht nicht unbedingt Parfumliebhaber. Aber kann dieser Verlagsduft überhaupt Adressaten überzeugen? Im Dunstkreis des Bibliophilen halten sich die Stereotype von Ledersessel, Rotwein, Kamin, knirschendem Holzboden, Eselsohren, goldschnittigen Originalausgaben und Kulturkonservativismus; Geza Schön hat nur fabrikneues Papier nachgebildet. Mit anderem Auftraggeber hätte es wohl auch der Geruch frischgeschraubter iPads sein können, Processor Passion. Perfume For Computerlovers . Wer glaubt, dass die alten den neuen Medien olfaktorisch überlegen seien, sollte seine Sinne schärfen.

Obschon es Männer und Frauen geben mag, die nun mit diesem neuen Wässerchen wie ein Pappkarton voller Scheibenreiniger riechen möchten, ignoriert die Herangehensweise dieser Kreation den wichtigsten Aspekt des Lesens: Wer Bücher liebt, liebt Inhalt. Geschichten. Gedanken. Bilder. Worte. Stil. Ist dieser Duft mit der Unternehmensgeschichte des Steidl-Verlags aufgeladen, mag er solchen Inhalt gerade noch transportieren. Hier publizieren ja doch Günter Grass und Karl Lagerfeld ihre Bände. Aber da es bloß ums Papier geht, könnte es auch bald aus dem Bad zwitschern: "Schau mal Schatz, ich dufte nach Lustigem Taschenbuch ." Oder lieber Shades Of Grey ?

Man sagt gern, mancher Text sei das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt ist. Ein anderer ist die Pixel nicht wert, die ihm auf dem Bildschirm Gestalt verleihen. Der Inhalt, nicht das Medium, gibt dem Geschriebenen Gewicht. Wer nur dem Medium huldigt, ist geistig nicht weit entfernt vom Dünkel der Furnierbibliothekare und Technikeuphoriker.