ZEIT ONLINE:
Frau Drust, Ihr Sohn ist jetzt dreieinhalb. Wann ziehen Sie raus ins Hamburger Umland ?

Rike Drust: Gar nicht. Ich bin selbst auf dem Land groß geworden und weiß: Das ist nicht meins.

ZEIT ONLINE: Aber Sie kennen das Phänomen, dass Eltern im Immobilienteil plötzlich Gegenden einkringeln, die früher nie infrage gekommen wären.

Drust: Gut sogar. Ich kenne viele Mütter, die anfingen, nach Häusern mit Garten zu suchen, als die Kinder so etwa ein Jahr alt waren. Es ist, als brauchten sie eine neue Aufgabe, weil sie plötzlich wieder etwas mehr Zeit haben.

"In unserem Schrebergarten gibt es zum Glück viele Russen und Portugiesen, die alle Kinder haben und laut sind."
Rike Drust

ZEIT ONLINE: Was treibt Eltern zu dieser "Stadtflucht" ?

Drust: Ich glaube, es hat mit einem schlechtem Gewissen zu tun. Eltern haben heute ohnehin schnell ein schlechtes Gewissen und sind unsicher, was das Richtige für ihr Kind ist . Viele Großstädter sind selbst auf dem Land aufgewachsen und sehen ihre Kinder lieber in der Natur, weil da mehr "Bullerbü" ist.

ZEIT ONLINE: Ist dieses schlechte Gewissen berechtigt?

Drust: Nein. Für mich ist unsere Straße eine perfekte Lebensgemeinschaft. Unsere Hofgemeinschaft funktioniert wie ein kleines Dorf. Dort ist es vielleicht nicht grün, sondern eher ein "Beton-Bullerbü". Aber wir kennen uns, machen Abendessen für alle und unterstützen uns gegenseitig. Auf dem Land habe ich vielleicht drei Nachbarn, von denen ich schlimmstenfalls alle doof finde. In der Stadt kann ich mir aussuchen, mit welchem meiner Nachbarn ich befreundet bin. Mein Sohn und ich führen hier ein viel freieres Leben.

ZEIT ONLINE: Der Autor Andreas Weber schreibt in seinem Buch Mehr Matsch. Kinder brauchen Natur , er sehe eine "emotionale Katastrophe" über Kinder hereinbrechen, weil sie in den zunehmend urbanisierten Lebensräumen den Kontakt zur Natur verlieren.


Drust: Oh, dann müsste das Jugendamt sofort bei mir vorbeikommen (lacht). Es sind immer schon Kinder in Städten großgeworden und aus denen ist auch etwas geworden. Außerdem: Was nützt die schönste Natur, wenn es – wie bei unserem letzten Urlaub auf Rügen – zwei Wochen lang regnet? Wir sind keine Jack-Wolfskin-Eltern, besitzen keine Funktionskleidung und sind auch nicht gerne draußen, wenn es in Strömen regnet. Nach einer Woche sind wir zurück nach Hamburg gefahren und haben dort dann Urlaub gemacht. Es gibt in einer Großstadt einfach viel mehr Möglichkeiten für Familien.

ZEIT ONLINE: Spielen in der Natur soll die Bindungsfähigkeit, Fantasie und Kreativität von Kindern fördern.

Drust: Dafür muss man mit ihnen aber nicht zwangsläufig aufs Land ziehen. Die Kinder in unserer Straße haben eine Hinterhof-Gang gegründet. Im Sommer machen sie Wasserschlachten mit dem Gartenschlauch, toben im Sandkasten herum, fahren mit ihren Laufrädern oder bemalen den Hof mit Kreide. Die Großen passen auf die Kleinen auf und wir Eltern haben verabredet, dass wir bei Streitigkeiten erst dazwischengehen, wenn es zu Handgreiflichkeiten kommt. Viele Streits erledigen sich so ganz von selbst.