Burgbau in DudweilerEigenheim-Ritter mit Mörtel und Säge

Sie wollten eine neue Garage – und haben eine Touristenattraktion geschaffen. Wie eine verwegene Idee seit 40 Jahren das Leben der Familie Schönewolf bestimmt von Andreas Austilat

Hildegard und Heinz Schönewolf stehen vor ihrer Ritterburg, die sie in 40 Jahren hinter ihrem Haus in Dudweiler (Saarland) gebaut haben.

Hildegard und Heinz Schönewolf stehen vor ihrer Ritterburg, die sie in 40 Jahren hinter ihrem Haus in Dudweiler (Saarland) gebaut haben.  |  © Oliver Dietze dpa/lrs

Neulich hatte Heinz Schönewolf Besuch. Das allein ist noch nichts Ungewöhnliches, bei Schönewolf klingelt es ständig. Sogar das Fernsehen war schon da. Aber dieses Mal kam der Besuch von weiter weg. Aus Italien nämlich. Sie wollten den 76-Jährigen zum Mitmachen bewegen bei ihrem Wettbewerb. Es geht um den mit 26.000 Euro dotierten Lifelong-Passion-Award . Und vieles spricht dafür, dass Schönewolf gute Chancen auf den Hauptgewinn hätte. Denn die Italiener suchen jemanden mit besonderer Leidenschaft.

Mitmachen müsste er allerdings. Bis Oktober bleibt ihm noch Zeit, sich zu entscheiden. Aber Schönewolf hat keine Lust. "Wozu?", sagt er, winkt ab, packt das Bier mit einer seiner kräftigen Maurerhände.

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Mittags zwischen zwölf und 15 Uhr macht er immer Pause. Und dann erklärt er, wie er darüber denkt: "Wenn du Geld hast, kannst du alles machen. Aber was du kaufen kannst, zählt nicht, es zählt nur, was du selber machst." Warum also sollte er Geld gewinnen wollen? Dazu nickt seine Frau, Hildegard Schönewolf, und fragt, ob noch jemand Suppe möchte. Denn bei ihnen zu Hause soll keiner hungrig rausgehen.

"Es zählt nur, was du selber machst." Das ist wohl so etwas wie seine Lebensmaxime. Und so hat Heinz Schönewolf losgelegt, damals vor 37 Jahren, als er das Haus hier in Saarbrückens Ortsteil Dudweiler erwarb. Stein auf Stein fing er hinter diesem Haus an zu mauern, immer höher, immer breiter, bis sie – ja, nicht wirklich fertig, aber doch 15 Meter hoch und ebenso breit war: seine Burg . Und Hildegard, die schleppte Steine und rührte Mörtel, vor allem aber kochte sie Suppe und buk Kuchen, denn die Neugierigen kamen bald und staunten. Manche feierten hier Silberhochzeit oder Taufe oder was auch immer. Heinz und Hildegard Schönewolf hatten eine der größten Sehenswürdigkeiten von Dudweiler geschaffen.

Und bevor jetzt irgendein Ahnungsloser spöttelt, was mag Dudweiler schon zu bieten haben: Es gibt hier den brennenden Berg, ein Kohleflöz, das seit 400 Jahren unterirdisch vor sich hinkokelt und sogar den staunenden Goethe schon zu einem Umweg verleitet haben soll. Einen 1.000 Jahre alten Kirchturm haben sie auch. Danach kommt aber schon die Burg der Schönewolfs. Prompt klingelt es, ein älteres Ehepaar steht vor der Tür. Sie haben ihren Enkel bei sich, vielleicht fünf Jahre alt, der Junge trägt Helm, eine Plastikrüstung sowie ein Schwert. Ob er mal in die Burg darf? Er darf.

An der höchsten Stelle ist die Burgkulisse über 15 Meter hoch.

An der höchsten Stelle ist die Burgkulisse über 15 Meter hoch.  |  © Oliver Dietze dpa/lrs

Wer ins Gästebuch blickt, findet Einträge wie den von Besuchern aus Malaysia , "Surprise castle" haben sie geschrieben. "Surprise" trifft es, denn eine Überraschung ist der Bau auf jeden Fall. Von der Straße aus sieht man erst mal nur ein vergleichsweise unscheinbares Reihenhaus. Einziger Hinweis auf das, was kommt, ist das Tor zur Einfahrt, aus Granit zum Spitzbogen hochgemauert. Die Burg liegt hinter diesem Tor, in den angrenzenden Berghang hineingesetzt.

Schon der erste Eindruck ist überwältigend, weil man gar nicht weiß, wo man hingucken soll. Auf Absätzen und Vorsprüngen, in Nischen und Erkern stehen tönerne Figuren, vom Männeken Piss bis zu Tutanchamun , ein atemberaubender Stilmix. Schönewolf fertigt sie übrigens selbst. Zwischen nahezu jeder Zinne und auf den Fensterbrettern blühen Geranien, das Mauerwerk ist mit weißer Farbe überzogen, "Acryl" sagt Schönewolf, die Fugen sind aufgemalt, das alles hat aus der Entfernung die Anmutung von Pappmaché. So als ob es sich eigentlich um eine Filmkulisse handele.

Und während man noch rätselt, was das für ein Film sein könnte – Schneewittchen vielleicht –, erkennt man aus der Nähe, es handelt sich um solides Mauerwerk. "Granit", sagt Schönewolf, "und oben Basalt". Schon wegen des Gewichts. Er und seine Frau hätten ja jeden Stein, der hier verbaut ist, einmal in der Hand gehabt, ihn hoch tragen müssen, über die engen, verwinkelten Treppen, durch die schmalen Gänge, über sich den runden Bogen des Tonnengewölbes, wenn es sein musste, bis hoch in die vierte Etage, wo man vom Rapunzelturm aus eine prima Sicht über Dudweiler hat. Und die Hildegard habe ihm geholfen, den Mörtel anzurühren, obwohl sie doch eh schon so viel am Hals hatte. Neun Jahre habe sie die Mutter gepflegt, drüben im Haus. Nie seien sie in den Urlaub gefahren, das ganze Leben nicht, sagt Hildegard und lächelt ihr mildes Lächeln, eine Frau mit kurzem braunem Schopf und hellblauen Augen.

Leserkommentare
  1. 1. Super!

    Ich mag Leute mit schrägen Hobbys :-)

  2. … für Fortgeschrittene

  3. Die Burg schaue ich mir bestimmt an.
    Die Reportage ist super; bitte weitere Veröffentlichungen vom Autor auf den Seiten der Zeit. Es ist der Reportage anzumerken, dass der Autor riesig Spaß gehabt haben 'muss', das Kleinod zu besichtigen und mit den sympatischen Eheleuten zu sprechen.

    • smarp
    • 24. September 2012 15:25 Uhr

    Toll! Am schwierigsten stell ich mir vor, die Genehmigung zu kriegen. Die Ämter sind doch bestimmt stressig. Dürfen die Kinder der Nachbarschaft auch rein in die Burg zum spielen?

    Tolle Sache Herr Schönewolf!

  4. Hier gibt's noch den Link zur Burg:

    http://www.burg-schoenewolf.de

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  • Schlagworte Burg | Tutanchamun | Indianer | Italien | Malaysia | Bayern
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