Zwischennutzung - Gärtnern auf dem stillgelegten Flughafen Berlin-Tempelhof

Der Flughafen Berlin-Tempelhof ist megaloman: Er war der erste Verkehrsflughafen der Welt, dann der erste Baustein für Albert Speers Monumentalstadt "Germania" und später Schauplatz der Luftbrücke, der größten Luftversorgungsaktion der Menschheitsgeschichte.

Seit 2008 ist er der stillgelegteste Flughafen: eine riesige Fläche mitten in der Hauptstadt, das Tempelhofer Feld – die größte innerstädtische Freifläche der Welt. 300 Hektar – mehr Fußballfelder, als man sich vorstellen kann. Darum ist es beim Flughafen Tempelhof auch immer gegangen: Was man sich überhaupt vorstellen kann.

Und diese Fläche steht nun leer. Darf sie das überhaupt?

Wenn es nach Investoren ginge, nicht. 2006 hatte der amerikanische Kosmetikkonzern Estée Lauder vorgeschlagen, das Flughafengebäude zu einer Schönheitsklinik zu machen, draußen sollten die Privatjets der Kunden landen. Drei Jahre später unternahm der Architekt Jakob Tigges einen Anlauf: Warum nicht einen Berg aufschütten? Einen Eintausender, nicht weniger. Dagegen nehmen sich die Nutzungskonzepte, die derzeit in der Berliner Politik diskutiert werden, recht handlich aus: Bundesgartenschau, Wohnquartiere, ein künstlicher Park mit Wasserlandschaft und Kletterwand.

Nur eine Option spielt in den Planspielen keine Rolle: Einfach alles so zu lassen, wie es ist.

Zwanglose Bewegung

Denn es ist ja keineswegs so, dass auf dem Gelände heute nichts passierte. Das Flugfeld, das sich zwischen den Vierteln Tempelhof und Neukölln erstreckt, ist ein Ort, den sich Berliner und Touristen jeden Tag neu erschließen. Der autofreie Asphalt wird mit Rädern aller Art befahren. Zwischen dem struppigen Gras und den Landebahnen sind Allmende-Gärten entstanden, ein Skulpturenpark, eine Kinderstadt. Manche veranstalten hier Autorenlesungen und spontane Unplugged-Konzerte.

Eine Nutzung also, die ganz im Sinne mancher Stadtsoziologen ist. Die Bewegungsfreiheit des Bürgers sollte im Zentrum aller Entwürfe von Stadtplanern stehen, hatten die Urbanisten Mario Polése und Richard Stern in ihrem Buch über soziale Nachhaltigkeit im Jahr 2000 gefordert. Und die Idee, zeitgemäße Stadtquartiere sollten soziale Apartheid vermeiden und Solidarität ebenso fördern wie soziokulturellen Pluralismus, stammt von der Unesco und ist im Stadtentwicklungsprogramm Most (Management of Social Tranformations) festgeschrieben.

Alles, was auf dem Tempelhofer Feld angeboten wird, geschieht ohne Lohn und Eintritt, ohne eine langfristige Strategie, ohne Machbarkeitsstudie und Planfeststellungsverfahren. Es existieren keine Handlungsanweisungen. Jeder Besucher kann sich dort wahrhaft zwanglos bewegen. Die Stadt hat lediglich die Tore geöffnet und zugelassen, dass sich die Menschen den Raum aneignen.

Und so geht vom derzeitigen, unentworfenen Feld ein demokratisches Signal aus: Es sind die Menschen, die ihre Stadt gestalten.