Tempelhofer FeldEntfaltung auf dem Rollfeld

Kiten, skaten und grillen: Berliner haben aus dem Tempelhofer Feld einen Ort gemacht, von dem Stadtplaner träumen. Warum kann es nicht dabei bleiben? von Felix Stephan

Der Flughafen Berlin-Tempelhof ist megaloman: Er war der erste Verkehrsflughafen der Welt, dann der erste Baustein für Albert Speers Monumentalstadt "Germania" und später Schauplatz der Luftbrücke, der größten Luftversorgungsaktion der Menschheitsgeschichte.

Lust auf Stadt - die Themenwoche
Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.

Alle Beiträge zu unserer Themenwoche "Lust auf Stadt" sehen Sie, wenn Sie auf dieses Bild klicken.   |  © Tasos Katopodis/Getty Images

Städte sind eine große Errungenschaft. Sie ermöglichen Menschen ein selbstbestimmtes Leben. Doch viele Stadtbewohner hadern mit dem beschleunigten, vernetzten, von globalen Kräften geprägten Arbeits- und Lebensstil, den die Stadt ihnen abverlangt.

ZEIT ONLINE widmet sich eine Woche lang dem guten Leben in der Stadt. Wir stellen Projekte und Ideen vor, dank derer sich der Wunsch nach mehr Freiraum, nach Natur und Teilhabe mit einem Leben in Ballungsräumen vereinbaren lässt.

Von Eisenhüttenstadt über New York bis Basel finden unsere Autoren gute Gründe, auch die Zukunft in großen und kleinen Städten zu verbringen. Weil man in ihnen schwimmen und Gemüse anbauen, sie der Nase nach oder mit dem Fahrrad entdecken kann.

Die Folgen der Serie

Lust auf Stadt: Das gute Leben bleibt urban
Eisenhüttenstadt: Eine Stadt wartet auf ihre Pointe
Tempelhofer Feld: Entfaltung auf dem Rollfeld
Schwimmen im Rhein: Wie Basel lernte, im Fluss zu leben
Smellscapes: Die Stadt mit der Nase entdecken
Stadtleben mit Kind: Kleine Menschen unter vielen
Landleben mit Kind: Die Härte des Lebens in kindgerechten Dosen
Stadt für Senioren: Ohne Aufhebens aufeinander achten
Wohngemeinschaft: Eine Siedlung für alternde Künstler
Städte im Film: Paris von unten, New York von innen
Orte der Stille: Die Stadt der leisen Töne
Grüne Stadt: Klimaanlagen mit Wurzeln und Laub
Bauen mit Holz: Atmende Fassaden statt Platte
Fahrrad in der Stadt: Mit dem Rad durch offene Türen
Seilbahn: Leise über den Dächern reisen

Alle Beiträge zur Themenwoche finden Sie hier.

Als E-Book

Die Serie Lust auf Stadt gibt es auch als E-Book. Erfahren Sie alles über die einzigartigen Seiten die nur eine Stadt bieten kann, in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als ePub-Version für Ihren eReader, sowie als Mobi-Version für Ihr Kindle Lesegerät zur Verfügung.

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Seit 2008 ist er der stillgelegteste Flughafen: eine riesige Fläche mitten in der Hauptstadt, das Tempelhofer Feld – die größte innerstädtische Freifläche der Welt. 300 Hektar – mehr Fußballfelder, als man sich vorstellen kann. Darum ist es beim Flughafen Tempelhof auch immer gegangen: Was man sich überhaupt vorstellen kann.

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Und diese Fläche steht nun leer. Darf sie das überhaupt?

Wenn es nach Investoren ginge, nicht. 2006 hatte der amerikanische Kosmetikkonzern Estée Lauder vorgeschlagen, das Flughafengebäude zu einer Schönheitsklinik zu machen, draußen sollten die Privatjets der Kunden landen. Drei Jahre später unternahm der Architekt Jakob Tigges einen Anlauf: Warum nicht einen Berg aufschütten? Einen Eintausender, nicht weniger. Dagegen nehmen sich die Nutzungskonzepte, die derzeit in der Berliner Politik diskutiert werden, recht handlich aus: Bundesgartenschau, Wohnquartiere, ein künstlicher Park mit Wasserlandschaft und Kletterwand.

Nur eine Option spielt in den Planspielen keine Rolle: Einfach alles so zu lassen, wie es ist.

Zwanglose Bewegung

Denn es ist ja keineswegs so, dass auf dem Gelände heute nichts passierte. Das Flugfeld, das sich zwischen den Vierteln Tempelhof und Neukölln erstreckt, ist ein Ort, den sich Berliner und Touristen jeden Tag neu erschließen. Der autofreie Asphalt wird mit Rädern aller Art befahren. Zwischen dem struppigen Gras und den Landebahnen sind Allmende-Gärten entstanden, ein Skulpturenpark, eine Kinderstadt. Manche veranstalten hier Autorenlesungen und spontane Unplugged-Konzerte.

Viel Platz für gute Ideen: Das Tempelhofer Feld, früher Flugfeld des Flughafens Tempelhof

Viel Platz für gute Ideen: Das Tempelhofer Feld, früher Flugfeld, heute Freiraum mitten in Berlin  |  © Sean Gallup/Getty Images

Eine Nutzung also, die ganz im Sinne mancher Stadtsoziologen ist. Die Bewegungsfreiheit des Bürgers sollte im Zentrum aller Entwürfe von Stadtplanern stehen, hatten die Urbanisten Mario Polése und Richard Stern in ihrem Buch über soziale Nachhaltigkeit im Jahr 2000 gefordert. Und die Idee, zeitgemäße Stadtquartiere sollten soziale Apartheid vermeiden und Solidarität ebenso fördern wie soziokulturellen Pluralismus, stammt von der Unesco und ist im Stadtentwicklungsprogramm Most (Management of Social Tranformations) festgeschrieben.

Alles, was auf dem Tempelhofer Feld angeboten wird, geschieht ohne Lohn und Eintritt, ohne eine langfristige Strategie, ohne Machbarkeitsstudie und Planfeststellungsverfahren. Es existieren keine Handlungsanweisungen. Jeder Besucher kann sich dort wahrhaft zwanglos bewegen. Die Stadt hat lediglich die Tore geöffnet und zugelassen, dass sich die Menschen den Raum aneignen.

Und so geht vom derzeitigen, unentworfenen Feld ein demokratisches Signal aus: Es sind die Menschen, die ihre Stadt gestalten.

Leserkommentare
  1. Nun ich kann zu der Nutzung vor Ort und deren Wert wenig sagen, da ich nicht in Berlin wohne und das Gelände nur aus Berichten kenne. Aber mich stört doch sehr, dass jemand ein Schild "Wir bleiben" aufstellt und damit ein vermeintliches Recht propagiert öffentlichen Raum für sich selbst in Beschlag zu nehmen.

    Was aus dem Tempelhoffeld geworden ist mag bestimmt interessant und sehens- oder auch erhaltenswert sein, aber es liegt nicht im Ermessen Einzelner die Nutzung vorzugeben. Das Gelände gehört der öffentlichen Hand und ein gewähltes Parlament hat darüber zu entscheiden und nicht emsige "Feldbesetzer".

    Es mag für die einen sicher gut sein wie es ist, aber andere fühlen sich in einem angelegten Park vielleicht wohler. Daher sollte der Grundstückseigentümer die Bürger in eine Planung mit einbeziehen. Wenn diese dann entscheiden, dass alles so bleiben soll wie es ist, dann soll es auch so sein.

    Aber ein paar engagierte Gärtner und Künstler können sich nur aufgrund ihrer Aktivität kein Recht heraus nehmen etwas über die Köpfe anderer zu unterscheiden. Zumal speziell diese Personen oft als die Verfechter von Demokratie und Bürgerbeteiligung auftreten.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf polemische und pauschalisierende Äußerungen. Die Redaktion/mak

    • DerDude
    • 10. September 2012 17:55 Uhr

    und das noch für lange Zeit.

    Sie machen sich ja kein Bild von den Ausmaßen der Anlage.

  2. wenn man sich einen aufgegebenen Flughafen mal genauer ansieht, so finden sich eigentlich immer deutliche Spuren der vorangegangenen Nutzung:

    - auf dem Grundwasser stehen einige Meter Kerosin

    - Bodenplatten von Gebäuden sind mit bleihaltigen Antiklopf-Zusätzen angereichert

    - Der Oberboden enthält Asbestabrieb

    - halogenhaltige Feuerlöschmittel sickern eifrig bis durch den Kapilarsaum

    - es gibt eine, oder mehrere veritable Schadstofffahnen im Grundwasserabstrom

    Wer hat das Gelände eigentlich freigemessen, und wie?

    Im gegegenen Zustand ist das mit dem "frei bewegen" so eine Sache.

    MfG KM

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    • DerDude
    • 11. September 2012 0:06 Uhr

    2007 statt, also schon ein Jahr VOR Schließung des Flughafens, als noch niemand wusste, was einmal aus Tempelhof werden würde. Man hatte das Thema offensichtlich schon sehr früh auf dem Bildschirm:

    "Für einige Flächen [Verdachtsflächen laut dem Bodenbelastungskataster] fanden orientierende Untersuchungen statt ... Für eine als Altlast nachgewiesene Fläche [ist] die Durchführung der Sanierungsuntersuchung eingeleitet worden ... Generell ist festzustellen, dass sich der Handlungsbedarf zur Sanierung von Altlasten oder zur Beseitigung von Bodenverunreinigungen in Abhängigkeit von der konkreten Nutzung der Flächen ergibt."
    http://www.stiftung-naturschutz.de/fileadmin/img/pdf/Kleine_Anfragen/ka1...

    Das Bezirksamt gab 2009, ein Jahr vor Freigabe der Fläche, eine weitere und umfangreichere Untersuchung in Auftrag. Zu deren Methodik und Ergebnissen habe ich nichts gefunden, aber man sollte nicht so tun, als hätte nie jemand nach Altlasten geschaut.

  3. ...aber man sollte doch eines nicht vergessen: Berlin steckt bis zum Hals in Schulden. Und wer kommt zu einem wesentlichen Teil dafür auf? Andere Bundesländer im Rahmen des Finanzausgleichs!
    Da muss man sich doch fragen, ob es sich Berlin in dieser Situation wirklich leisten kann, 300 Hektar (!) Brachfläche ungenutzt zu lassen. Ich denke nicht...
    Man muss ja jetzt nicht direkt alles zubauen, aber ein Teil sollte, nein muss definitiv wirtschaftlich genutzt werden. Berlin ist einfach verpflichtet, solche Möglichkeiten zu nutzen, um selber einen Teil seiner Schulden abzubauen.

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    Banken/ andere Länder ziehen uns schuldenmäßig in die Tiefe; und dafür soll öffentlicher Raum hergegeben werden, der in Tempelhof AUGESCHEINLICH stark und gern genutzt wird?

    Nein danke.

    und das sage ich als Berlin-Biesdorfer (der in Tempelhof alle X-Jahre mal vorbeischaut).

    <em>Ist ja alles gut und schön aber man sollte doch eines nicht vergessen: Berlin steckt bis zum Hals in Schulden. Und wer kommt zu einem wesentlichen Teil dafür auf? Andere Bundesländer im Rahmen des Finanzausgleichs</em>
    <em>Da muss man sich doch fragen, ob es sich Berlin in dieser Situation wirklich leisten kann, 300 Hektar (!) Brachfläche ungenutzt zu lassen.</em>

    Zwei Anmerkungen dazu:

    1.) Grundsätzliche Finanzierungsprobleme lassen sich nicht dadurch lösen, dass man einmal viel Geld in den Topf buttert. Man muss vielmehr die laufenden Einnahmen und Ausgaben sowie Investitionen aufeinander abstimmen. Daher ist es unsinnig die Diskussion über die zukünftige Nutzung des Tempelhofer Felds mit der Haushaltsdebatte zu verbinden. Nebenbei bemerkt ist Berlin auf dem besten Wege zu einem ausgeglichenen Haushalt. Die Planvorgaben visieren 2020 bis 2025 an. Bisher sind alle Vorgaben erreicht worden.

    2.) Das Tempelhofer Feld ist nicht ungenutzt. Am Wochenende sind dort Tausende Menschen unterwegs und auch an Werktagen besteht dort reger Betrieb. Ungenutzt sieht anders aus.

    Noch ein paar mehr zu den rund 1.000.000 unvermieteten Quadratmetern Bürofläche in Berlin dazu bauen?
    Oder lieber die Industrie mit ordentlich Subventionen zurück nach Berlin locken (die sich in Ost-Europa und Asien ganz gut zu fühlen scheint), mitten zwischen die Wohngebiete zweier Bezirke? Die geht aber immer wieder, wenn die Geldgeschenke aufhören.

    Oder sollten wir vielleicht einen Spaßpark mit Potsdamer Platz, Brandenburger Tor, Checkpoint Charlie, Mauer-Fake und reichlich Clubs und Kneipen für die Berlin-Billig-Besucher bauen, wo sie von früh bis spät mit ihren Rollkoffern auf- und ab fahren, sich den Hals nach Lust und Laune zuschütten und hinkotzen können, wo immer es ihnen beliebt? Scheint mir fast am sinnvollsten und lukrativsten.

    Wir könnten natürlich auch einen Flughafen daraus machen...;-)...

    Es gibt kein Land, in dem die Hauptstadt so verachtet wird wie in Deutschland.
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    Ich wäre ja eigentlich Anhängerin von The Berg http://www.the-berg.de/# da wir das aber nur in der Fantasie umsetzen werden, von Allmende-Flächen, einem Teil gestalteter Park, meinetwegen auch eine BuGa. Neukölln, das angrenzende Kreuzberg und Tempelhof haben nicht viel Grünfläche. Wichtig wäre mir auch die Wiederentdeckung des sozialen Wohnungsbaus - in Kreuzberg und Neukölln ist kaum noch bezahlbarer Wohnraum zu finden, schon gar nicht für Familien mit Kindern, in Tempelhof geht's noch halberwegs.

    Bitte keine Stadtvillen, bitte keine Golfplätze, bitte keinen SchnickSchnack.

    • rohesC
    • 11. September 2012 11:16 Uhr

    wenn berlin weiterhin alles privatisiert, dann bleibt am ende der stadt und den bürgern nicht mehr viel über. dann kann das "kapital" über alles frei verfügen und "es" kümmert sich recht wenig um die bedürfnisse der menschen, sondern nur um "dessen" eigene vervielfältigung.. neoliberalismus als antwort auf das schuldenproblem? die demokratie schaufelt sich hier nur ihr eigenes grab. bürger werden weiter entmündigt und politische entscheidungen nur hinsichtlich wirtschaftlicher interessen gefällt.
    das tempelhofer feld ist zudem auch ein lokalpolitisches problem. es hilft wenig, wenn leute aus der ferne mit dem länderfinanzausgleich argumentieren.

  4. ... dass sich Menschen eigenverantwortlich und selbstorganisiert ihre Lebenswelt gestalten.

    Ein dreister Angriff auf das "alternativlose" Gestaltungs-Oligopol von Staat und Kapital!
    Hinterher regt das noch Menschen zum Denken an, oder schlimmer: zum Handeln!

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    • TottiZ
    • 10. September 2012 16:20 Uhr

    Weil dann keiner so richtig Reibach dabei machen kann.

    Eine Leserempfehlung
  5. Banken/ andere Länder ziehen uns schuldenmäßig in die Tiefe; und dafür soll öffentlicher Raum hergegeben werden, der in Tempelhof AUGESCHEINLICH stark und gern genutzt wird?

    Nein danke.

    und das sage ich als Berlin-Biesdorfer (der in Tempelhof alle X-Jahre mal vorbeischaut).

    Eine Leserempfehlung
    • Fackel
    • 10. September 2012 16:31 Uhr

    Und wieder wünscht man sich, dass der herzlose Moloch Berlin seine menschenfresserische Sucht einstellt und man ähnlich wie früher in einer Kirche Asyl vor der grausamen Umgebung suchen kann. Heititeiti.

    Tja da stehen mehrere Quadratkilometer Nutzfläche rum, die Mieten steigen in Berlin wie verrrückt und Möglichkeiten neues urbanes Leben zu schaffen gibt es auch. Prognose: Vergesst den Potsdammer Platz. Das Tempelhofer Feld wird das neue Berlin.

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