ZEIT ONLINE: Mister Sheldrake, ist die Parfumkreation eine Kunst?

Christopher Sheldrake: Natürlich. Manche sträuben sich, sie Kunst zu nennen. Viele Düfte, wie die für Shampoos oder Weichspüler, sind einfach nur funktionelle Produktentwicklung und keine Kunst. Manche Parfumeure entwickeln die Ideen anderer weiter und andere beginnen mit einem weißen Blatt Papier.

ZEIT ONLINE: Und dann entsteht Kunst?

Sheldrake: Nehmen Sie Angel von Thierry Mugler und Vera Strübi. Sie wollten nicht einfach nur etwas Süßes machen, ein neues Shalimar . Sie wollten Zuckerwatte , eine Jahrmarktatmosphäre schaffen. Als Parfumeur fragt man sich dann: Wie wollen wir den Geruch erzeugen? Man schreibt die Inhaltsstoffe auf und merkt, dass sie noch niemand vorher zusammengebracht hat. Das ist eine wahre Schöpfung, das ist Kunst. Parfumerie ist Kunst aber nicht alle Parfumeure sind Künstler.

ZEIT ONLINE: Dann sollte die Parfumerie selbstbewusst neben der Malerei, der Musik, der Literatur stehen?

Sheldrake: Sie ist doch wie Lyrik. Augen, Ohren, Nase, das sind unsere Werkzeuge. Ein Maler steuert mit den Augen seinen Pinsel auf der Leinwand, aber nicht die Augen haben die Farben ausgewählt, sondern sein Kopf, seine Vorstellungskraft. In der Parfumerie geht es um das Gedächtnis, man muss Gerüche benennen können. Ich kann Ihnen die Formel der Moleküle aufschreiben, die in natürlichem Jasmin enthalten sind. Wie eine Sprache: Es gibt Worte, und man muss die Grammatik kennen. Damit schreibt man seine Gedichte. Das ist der kreative Teil. Es kann auch total daneben gehen und niemand kauft die Gedichte.

ZEIT ONLINE: Welche Parfums sind wahre Gedichte? Wer schrieb die schönsten?

Sheldrake:François Coty war wohl einer der kreativsten Parfumeure der Geschichte. Die Spur von seinem L'Origan von 1905 lässt sich verfolgen über Après L'Ondée von Guerlain, Trésor von Lancome, Paris von Yves Saint-Laurent. Jicky , auch von Guerlain, ist ein toller Duft. Ich liebe Mitsouko , ein Chypre von Guerlain. Ich trage es, obwohl es ein Damenduft ist. Chanel No. 5 ist natürlich ein Klassiker der Weiblichkeit. Es hat die Parfumwelt verändert, weil es der erste abstrakte Duft war.

ZEIT ONLINE: Sie selbst tragen einen Damenduft. Viele exklusive Parfums werden heute ohne Geschlechterzugehörigkeit angeboten. Gibt es noch ultimativ männliche und weibliche Duftakkorde?

Sheldrake: Wenn man am Klischee festhält, ja: Mädchen – rosa, Junge – blau. Wonach riecht die Haut einer Frau? Ich denke an rosa, Puder, Kosmetik. Sandelholz zum Beispiel riecht sehr cremig, milchig und schmiegt sich perfekt in Damendüfte. Veilchen, sehr weich, floral und weiblich. Evolutionsgeschichtlich betrachtet ist die Frau die schützende Mutter und der Mann jagt draußen in der Wildnis. Deshalb sind stereotype weibliche Düfte weich, pudrig, milchig. Für den Mann soll es harzig, holzig und krautig sein. Frauen finden auch eine bestimmte Jasminnote sehr sexy an Männern.

ZEIT ONLINE: Haben wir ein universelles Gespür für Schönheit oder sind Parfumvorlieben kulturell geprägt?

Sheldrake: Es gibt große kulturelle Unterschiede!

ZEIT ONLINE: Trotz der Globalisierung des Marktes und der Geschmäcker?

Sheldrake: Die Amerikaner zum Beispiel lieben Tuberose und können Orangenblüte hinnehmen. Die Franzosen lieben Orangenblüte und können Tuberose hinnehmen. Die Japaner mögen keine von beiden.

ZEIT ONLINE: Und was mögen die Deutschen?

Sheldrake: Die haben auch ihre Eigenarten. Sie mögen schon seit jeher grüne Düfte, natürliche Gerüche, trotzdem recht abstrakt, man kann nicht sofort sagen, was man da riecht, gleichsam aber pudrig und angenehm. Natürlich verallgemeinere ich.