Der Pariser Parfumeur Francis Kurkdjian © N. Baetens

ZEIT ONLINE: Monsieur Kurkdjian, Sie haben schon vielen Modedesignern eine Duftmarke verpasst – Jean Paul Gaultier , Narciso Rodriguez, Armani , Dior sind nur einige. Warum braucht jeder Schneider seinen eigenen Duft?

Kurkdjian: Mit Parfum erreicht man einfach viel mehr Menschen. Vergleichen Sie die Anzahl der Markenboutiquen mit der von Parfumerien. Kleines Einmaleins. Ein französischer Modeguru sagte mal: Als die Couturiers kapierten, dass Parfums mehr Geld einbringen als Mode, hörten sie auf, Mode zu machen.

ZEIT ONLINE: Sie waren erst 26, als Sie Le Male für Gaultier schufen. Heute ein Klassiker. Wie hat dieser frühe Erfolg Ihre Karriere bestimmt?

Kurkdjian: Ich musste sehr früh lernen, dass man als Parfumeur von allen Entscheidungen abgeschnitten ist. An einer Parfumentwicklung arbeiten Marketingleute, Verpackungsdesigner, die Werbeagentur und der Parfumeur. Aber sie sprechen nie miteinander. Ich hatte keinen Kontakt zu Jean Paul Gaultier während der Entwicklung, ich wusste nicht, wie der Duft heißen und wie das Produkt aussehen würde.

ZEIT ONLINE: Damals waren Sie angestellt bei dem Duftlieferanten Givaudan. Mittlerweile haben Sie sich selbstständig gemacht – weil Sie alle Prozesse kontrollieren wollen?

Kurkdjian: Ich wollte meinen eigenen Spielplatz haben. Zehn Jahre hat es gedauert, bis ich Maison Francis Kurkdjian aufgebaut hatte. Zehn Jahre, um Rücklagen zu bilden, mir einen Namen zu machen und die richtigen Leute zu treffen. Ich habe die Marke gegründet, weil ich eine klare Vision habe und Teil des Entstehungsprozesses sein will, denn das Parfum ist eine Einheit, genauso wichtig wie das Drumherum.

ZEIT ONLINE: Von einem Parfumeur würde man erwarten, dass er seinen Anteil am Produkt für den wichtigsten hält.

Kurkdjian: Ich mache Parfums nicht wegen des Dufts. Ich will mich mit meinen Ideen hinauswagen. Ich spreche gern mit meiner Fotografin, ich kann auch etwas entwerfen oder zeichnen. Mir geht es um die ganze Geschichte.

ZEIT ONLINE: Sie haben lange Klavier gespielt und sich auf eine Karriere als Profitänzer vorbereitet. Warum haben Sie sich dann für die Parfumerie entschieden?

Kurkdjian: Weil man der Beste sein muss, um im Leben Interessantes zu schaffen. Wenn man im Ballett nicht in der ersten Reihe tanzt, ist das ziemlich langweilig. Ich war wohl nicht gut genug. Ballett ist heute meine Leidenschaft, Parfum ist mein Job.

ZEIT ONLINE: Das klingt aber nüchtern.

Kurkdjian: Parfum begegne ich mit Distanz. Ich habe das Gefühl dafür verloren, gehe da ganz technisch ran. Wenn ich etwas rieche, analysiere ich es sofort im Kopf und verliere die Freude an der Schönheit. Deshalb trage ich kein Parfum, erst recht keins meiner eigenen. Sonst würde ich die ganze Zeit denken: Du hättest dies und das ändern sollen. Aber die Formel ist unveränderlich. Es wird immer frustrierender für mich, Parfums zu machen.

ZEIT ONLINE: Zur Abwechslung bieten Sie auch maßgeschneiderte Parfums an. Cathérine Deneuve hat sich eins von Ihnen machen lassen. Ein sehr elitäres, historisches Konzept.

Kurkdjian: Die Parfumkreation hat sich in den vergangenen Jahrhunderten von der Maßschneiderei zur Massenproduktion entwickelt. Aber ich finde es nur legitim, Parfums wie Haute Couture zu schaffen. Als ich mein Parfum-Studio eröffnet habe, gab es großen Aufruhr in der Branche. Ich wollte mal etwas anderes machen, mein Blickfeld erweitern und meinem Metier etwas zurückgeben. Die Leute in der Parfumbranche sind Neues nicht gewöhnt. Es herrschen nicht nur alte Geschäftsmodelle sondern auch alte Denkweisen.

"Grasse inspiriert mich gar nicht"

ZEIT ONLINE: Wie läuft das ab, wenn ich ein ein persönliches Parfum bei Ihnen bestelle?

Kurkdjian: Wir werden uns lange unterhalten und dann werde Ihnen erklären, dass es das Parfum Ihres Lebens nicht gibt. Nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Kurkdjian: Das Leben moderner Frauen sind viel komplexer als früher. Sie gehen zum Sport, oder zu einer Cocktailparty, ins Büro oder treffen ihren Mann oder Liebhaber. Würden Sie überall dasselbe Parfum tragen? Ich glaube, man sollte mehrere Parfums haben, aber immer im selben Stil, einer Linie folgend.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie sich meinem Stil annähern?

Kurkdjian: Ich würde Sie fragen, was Sie in Ihrer Parfumgarderobe suchen, etwas für abends oder tagsüber oder eine Kombination, eine Neuinterpretation ihres Lieblingsdufts oder etwas Sauberes und Frisches? Dann würde ich Ihnen verschiedene Arbeitsproben schicken. Und meistens füge ich denen etwas hinzu, das gar nichts mit dem zu tun hat, was wir besprochen haben. Etwas nach meinem Gefühl.

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ZEIT ONLINE: Warum ist Parfumerie noch immer keine anerkannte Kunstform?

Kurkdjian: Ich war immer der Überzeugung, dass Parfumeure Künstler sind. Aber das interessiert die Öffentlichkeit nicht. Solange du das richtige Parfum ablieferst, fragt niemand, ob Du ein Künstler bist oder nicht. Und die Industrie hat überhaupt kein Interesse daran, den Parfumeur in den Status des Künstlers zu erheben. Dann wäre nämlich plötzlich die Frage: Wem gehört das Urheberrecht?

ZEIT ONLINE: Jetzt haben die meisten Parfumeure den Status eines Hofkünstlers, der Aufträge eines Mäzenen bekommt.

Kurkdjian: Man ist nicht automatisch unfrei, nur weil man zu einer großen Firma gehört. Bei Quest, meinem vorherigen Arbeitgeber, hatte ich alle Freiheiten. Ich konnte mit Düften spielen und meine erste Duftinstallation machen.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich dann gegen dieses Anstellungsmodell entschieden?

Kurkdjian: Ich langweile mich ziemlich schnell, wenn sich die Arbeit wiederholt. Und ich wollte als unabhängiger Parfumeur die Rechte an meinen Düften haben. Ein Grund, warum Parfumerie nie in der Öffentlichkeit steht, ist der Schutz der Formeln als Schlüssel zum Markenschutz. Es gibt heute Maschinen, die innerhalb einer Stunde jede Formel analysieren und das Geheimnis verraten.

ZEIT ONLINE: Warum machen sich dann nicht mehr Ihrer Kollegen selbstständig?

Kurkdjian: Weil sie faul sind? Das klingt böse. Es ist schwer, in die Branche reinzukommen, der Selektionsprozess ist hart. Warum sollten sich die älteren, großen Parfumeure dem Ärger mit einer eigenen Firma aussetzen, sich um den Alltagskram kümmern, wenn sie in ihrem Büro sitzen können, ein schönes Firmenauto fahren, ein Handy und eine Sekretärin und jede Menge Gehalt bekommen?

ZEIT ONLINE: Grenzen Sie sich von der Alten Schule ab?

Kurkdjian: Ja, ich gehöre zu der ersten Generation, die nicht von Grasse beeinflusst ist. Ich bin der urbane Typ in der Truppe, vielleicht weil ich in Paris geboren bin. Ich sehe Grasse nicht als Parfumhauptstadt. Es ist ein Teil der Geschichte. Mich inspiriert das gar nicht. Aber die Leute halten das Klischee sehr gern am Leben.