Duftschöpfer Francis Kurkdjian : "Wem gehört das Urheberrecht am Parfum?"
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"Grasse inspiriert mich gar nicht"

ZEIT ONLINE: Wie läuft das ab, wenn ich ein ein persönliches Parfum bei Ihnen bestelle?

Kurkdjian: Wir werden uns lange unterhalten und dann werde Ihnen erklären, dass es das Parfum Ihres Lebens nicht gibt. Nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Kurkdjian: Das Leben moderner Frauen sind viel komplexer als früher. Sie gehen zum Sport, oder zu einer Cocktailparty, ins Büro oder treffen ihren Mann oder Liebhaber. Würden Sie überall dasselbe Parfum tragen? Ich glaube, man sollte mehrere Parfums haben, aber immer im selben Stil, einer Linie folgend.

ZEIT ONLINE: Wie würden Sie sich meinem Stil annähern?

Kurkdjian: Ich würde Sie fragen, was Sie in Ihrer Parfumgarderobe suchen, etwas für abends oder tagsüber oder eine Kombination, eine Neuinterpretation ihres Lieblingsdufts oder etwas Sauberes und Frisches? Dann würde ich Ihnen verschiedene Arbeitsproben schicken. Und meistens füge ich denen etwas hinzu, das gar nichts mit dem zu tun hat, was wir besprochen haben. Etwas nach meinem Gefühl.

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ZEIT ONLINE: Warum ist Parfumerie noch immer keine anerkannte Kunstform?

Kurkdjian: Ich war immer der Überzeugung, dass Parfumeure Künstler sind. Aber das interessiert die Öffentlichkeit nicht. Solange du das richtige Parfum ablieferst, fragt niemand, ob Du ein Künstler bist oder nicht. Und die Industrie hat überhaupt kein Interesse daran, den Parfumeur in den Status des Künstlers zu erheben. Dann wäre nämlich plötzlich die Frage: Wem gehört das Urheberrecht?

ZEIT ONLINE: Jetzt haben die meisten Parfumeure den Status eines Hofkünstlers, der Aufträge eines Mäzenen bekommt.

Kurkdjian: Man ist nicht automatisch unfrei, nur weil man zu einer großen Firma gehört. Bei Quest, meinem vorherigen Arbeitgeber, hatte ich alle Freiheiten. Ich konnte mit Düften spielen und meine erste Duftinstallation machen.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich dann gegen dieses Anstellungsmodell entschieden?

Kurkdjian: Ich langweile mich ziemlich schnell, wenn sich die Arbeit wiederholt. Und ich wollte als unabhängiger Parfumeur die Rechte an meinen Düften haben. Ein Grund, warum Parfumerie nie in der Öffentlichkeit steht, ist der Schutz der Formeln als Schlüssel zum Markenschutz. Es gibt heute Maschinen, die innerhalb einer Stunde jede Formel analysieren und das Geheimnis verraten.

ZEIT ONLINE: Warum machen sich dann nicht mehr Ihrer Kollegen selbstständig?

Kurkdjian: Weil sie faul sind? Das klingt böse. Es ist schwer, in die Branche reinzukommen, der Selektionsprozess ist hart. Warum sollten sich die älteren, großen Parfumeure dem Ärger mit einer eigenen Firma aussetzen, sich um den Alltagskram kümmern, wenn sie in ihrem Büro sitzen können, ein schönes Firmenauto fahren, ein Handy und eine Sekretärin und jede Menge Gehalt bekommen?

ZEIT ONLINE: Grenzen Sie sich von der Alten Schule ab?

Kurkdjian: Ja, ich gehöre zu der ersten Generation, die nicht von Grasse beeinflusst ist. Ich bin der urbane Typ in der Truppe, vielleicht weil ich in Paris geboren bin. Ich sehe Grasse nicht als Parfumhauptstadt. Es ist ein Teil der Geschichte. Mich inspiriert das gar nicht. Aber die Leute halten das Klischee sehr gern am Leben.

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