Die Tür steht offen. Ein unscheinbarer Spalt im Pinienschatten. "Kommen Sie herein!" ruft es aus dem Haus. Natursteinmauern außen, innen nackter Beton. Der schmale Flur weitet sich zu einem lichten Raum, im Zentrum ein Tisch aus Birkenholz, einige Schreibmappen, ein Laptop und viele, viele Fläschchen. Jean-Claude Ellena hat gerade noch ein paar Ideen notiert.

Der Chefparfumeur von Hermès blickt durch große Fensterscheiben hinab auf die Ländereien rund um die Stadt Grasse, das Urstromtal der französischen Parfumindustrie zu seinen Füßen. Dunstblau liegt die Côte d’Azur am Horizont: "An klaren Wintertagen kann man bis nach Korsika sehen."

Hier oben am Hang hat er sein Atelier eingerichtet, weit weg vom Pariser Karussell der Eitelkeiten, das sich unablässig um neue Kleider, neue Düfte und sich selbst dreht. Seit acht Jahren widmet sich Ellena in aller Ruhe dem Luxusversprechen von Hermès und versucht, es in Duft zu übersetzen. Seine Parfums gedeihen langsam. Er hat die Sicherheit eines Hofkomponisten, der niemals in Ungnade fallen wird.

Advokat der Parfumkunst

Manche nennen ihn den Mozart der Düfte und verkennen dabei, dass Jean-Claude Ellena nicht nur ein hervorragender Parfumarrangeur ist, sondern auch der glänzende Advokat einer zu unrecht vernachlässigten Kunst. Er will Parfum vermitteln, er will sprechen und schreiben über die wenigen Tropfen, die über Sinn und Sinnlichkeit entscheiden. Seine Kollegen, die vielleicht zehn besten Parfumeure der Welt, tun das nicht. Sie sprechen nur, wenn sie gefragt werden. Ellena hingegen hat zwei Bücher über die Essenz seiner Arbeit veröffentlicht, jetzt schreibt er an einem Parfumroman.

Inmitten von Bauhaus’scher Gradlinigkeit hat er gerade ein Gästezimmer eingerichtet, hier sollen junge Künstler wohnen dürfen. "Ich wünsche mir den Gedankenaustauch mit anderen Kreativen", sagt er. Ein paar Schriftsteller sollen die ersten Besucher sein. Sie sind zu beneiden um die Gespräche, die sie mit Ellena führen werden, über Poesie, Abstraktion, Natur oder Kunstgeschichte. Der Gastgeber wird sie mit zurückhaltender Herzlichkeit und ehrlichem Interesse empfangen – ein französischer Alt-68er, der den Duft der Welt schöpft.

Er trägt weder Parfum noch Schmuck, nur einen schmalen Ehering an der gebräunten Hand. Mit seiner Frau Susannah lebt er seit fast 50 Jahren zusammen. Er war 17, als er in ihre Familie aufgenommen wurde. Auf einmal fand sich er sich unter Schriftstellern, Malern, Musikern. Samuel Beckett war Susannahs Großonkel. Hier diskutierte man über Kunst. "Diese Familie gab mir Antworten auf meine Fragen", sagt Ellena. Der Parfumeurssohn wollte in die Ästhetik des Handwerks eindringen, das ihm sein Vater übertrug. Er ging in die Lehre bei Antoine Chiris in Grasse, der damals das Haus Coty mit natürlichen Essenzen belieferte. In der Nachtschicht half er, den Geist von Rose oder Jasmin einzufangen.

Wenige Jahre später war er einer der ersten Werksstudenten beim Schweizer Duft- und Aromenhersteller Givaudan, mittlerweile der weltgrößte Lieferant der Parfummarken. Mit 29 der erste Treffer: First war nicht nur der erste Duft des Diamantenhändlers Van Cleef & Arpels, sondern auch Ellenas erstes Erfolgsparfum. Bald reichten Balenciaga, Rochas, Cartier, Armani, Yves Saint-Laurent, Bulgari , Lalique ihre Aufträge ein, Ellena erfüllte sie. Ein Laborkünstler in Festanstellung, von 1992 an beim deutschen Unternehmen Haarmann & Reimer, das heute Symrise heißt.