Magazin "The Germans"Wohlsituierte, verträumte Weltläufigkeit

Noch ein Magazin für Großstadt-Bohemiens: "The Germans" will die Stimme derer sein, die in Deutschland leben, aber europäisch denken. Das könnte dem Heft sogar gelingen. von David Torcasso

Lesestoff für alle, die über den Tellerrand gucken: Das Titelbild zum Leitartikel der ersten Ausgabe

Lesestoff für alle, die über den Tellerrand gucken: Das Titelbild zum Leitartikel der ersten Ausgabe  |  © Lena Emery

Seit einigen Tagen liegt am Kiosk ein neues Heft namens The Germans . Es ist keine Sonderausgabe, die versucht das Selbstverständnis der zurzeit wirtschaftlich bestimmenden Nation in Europa zu ergründen, wie sie der britische Guardian unter dem Titel The accidental empire kürzlich herausgab. Das Heft ist auch kein Leitfaden für Expatriates und andere Zuwanderer in Berlin . Das Titelbild zeigt einen nackten, bärtigen Mann im seichten Wasser liegend und ein auf seiner Brust herumturnendes Kind.

Wie Otto, der eineinhalbjährige Sohn der Chefredakteurin und Gründerin von The Germans , Nicole Zepter. Otto wippt in einem Café in Berlin Mitte auf dem Schoß seiner Mutter auf und ab. Zepter war zuvor Chefredakteurin des Stadtmagazins Prinz . Die Leser von The Germans begrüßt sie mit den Worten: Willkommen in einer neuen Welt.

Anzeige

Gemeint ist damit die Welt der 18- bis 35-Jährigen. Zepter sagt, sie möchte dieser – ihrer – Generation , eine Stimme geben, die in den großen Meinungsblättern Deutschlands zu wenig Gehör finde. "Wir sehen uns als Alternative zu den etablierten Medien, ohne alternativ zu sein", sagt die Chefredakteurin.

Der Nachrichtenflut mit Meinung begegnen

Dabei kann es ja durchaus als alternativ gelten, im Zeitalter der Blogs ein gedrucktes Magazin herauszugeben. So richtet sich The Germans auch an jene Digitalmüden, die gern wieder zu Stricknadel und Nähmaschine greifen und sich auf lange Lesestücke einlassen wollen. " Gut leben , statt viel haben, ist die neue Devise der Überflussgesellschaft", schreibt der Demokratieforscher Wolfgang Gründinger in seinem Leitartikel. Unter dem Titel "Aufbruch in eine neue Zeit" beschreibt Gründinger, dass sich seine Generation mit einem Bruch konfrontiert sieht, und reflektiert über Familienglück, Engagement für ein Ehrenamt , Sparen und bewusstes Leben. Alles gute Denkanstöße, die man aber auch beim Essen mit Freunden schon einmal diskutiert hat.

Die Herausforderung für das Magazin mit dem Claim "Meinung, Zeitgeist, Hintergrund" wird sein, eine Lücke zwischen den zahlreichen anderen Heften für die " Urban Creative Group ", wie Zepter ihre Leser nennt, zu finden. Denn diese Gruppe ist im deutschsprachigen Raum mit Lesestoff und Magazinen überladen. Auch Tageszeitungen versuchen der Dauerberieselung durch reine Nachrichten auf dem Smartphone mit Hintergrund und Meinung zu begegnen. Auch Zeitschriften wie Neon haben den Anspruch, sich gesellschaftspolitisch zu äußern.

In den Nullerjahren führte der Drang, eine alternative Stimme zu etablieren, zu Neugründungen wie Dummy , Monopol und Cicero . Vor zwanzig Jahren kam das Lifestyle-Magazin Tempo , das aber bereits im Namen das Lebensgefühl der damaligen Generation benannte, das vor Hedonismus nur so strotzte.

Leserkommentare
  1. "Weil man gut leben möchte, statt viel zu haben, muss man gut situiert sein? Was folgt daraus im Umkehrschluss? Die schlecht Situierten können kein gutes Leben wollen? Die schlecht Situierten wollen viel haben?"

    Hinter dem "gut leben und wenig haben" steckt die modische Haltung der scheinbaren Bescheidenheit, die im Gegensatz zu denen, die mit dem Überfluss protzen, einfach nur zum Ausdruck bringen soll, dass man viel Geld hat und weiß, was "angesagt" ist. Das minimalistische Fahrrad, das zwar nicht zum Fahren taugt, aber total stylish ist.

    Oder dieser Mann hier: http://www.zeit.de/2011/4..., der sagt: "Ich mag unprätentiöse Gerichte, ein gutes Steak vom Kobe-Rind oder gegrillten Fisch, über den ich feinstes Olivenöl gieße."

  2. Der völlig uninspirierte Titel "The Germans" zeigt höchstens, dass Deutsche gerne international und selbstbewusst auftreten möchten, aber ein Problem mit ihrer Identität haben. Zugegeben: "Die Deutschen" als Magazin-Titel wäre abschreckend gewesen. Aber der hilflose Griff in die englische Vokabelkiste offenbart, dass es mit der Souveränität vielleicht doch nicht so weit her ist. In Frankreich, wo Sprache und Identität Hand in Hand gehen, würde niemand auf die Idee kommen, ein französischsprachiges Magazin herauszubringen, dass "The French" heißt, und vermutlich würde es auch niemand kaufen. Das neue Selbstverständnis der Deutschen steht also, scheint's, noch auf eher wackligen Füßen.

  3. Es zeugt nicht gerade von Toleranz, wenn man Anderen vorschreiben will, wie sie sich zu ernähren haben, oder man ein Problem damit hat wenn jemand für sich entscheidet biologisches Essen zu kaufen.

    Die besagte Zeitung habe ich noch nicht gelesen, wie die meisten anderen hier und deshalb liegt es mir fern sie verteidigen zu wollen. Ich wohne auch in Berlin und habe mich bewusst gegen den P. Berg entschieden, aber was hier steht ist einfach Schwachsinn.

    Ich brauche mir von niemanden vorschreiben lassen ob ich Bio kaufe oder nicht.

    Bio Essen heißt eben auch mal auf Fleisch verzichten, wenn es dafür nicht mehr reicht, aber der übertriebene Fleischkonsum wird auch noch subventioniert, dabei ist er ein Grund für den Hunger auf der Welt!

    Tschüß!

    • toni b
    • 14. November 2012 15:18 Uhr

    Ich habe es jetzt gelesen und werde es bei diesem einmaligen Versuch belassen. Schade.

    1. Layout fand ich lesefeindlich; viele Rechtschreibfehler (noch nicht einmal der Name der Kanzlerin war richtig geschrieben).

    2. Vermischung von Werbung und Inhalt (Ganzseitige Weerbung von kaviar gauche - bei den "24 Dingen, die uns glücklich machen", stand an erster Steller: Bluse von kaviar gauche für 300 EUR)

    3. fast komplett berlinbezogen - hätte eigentlich "the Berliners" heißen müssen

    4. Artikel fand ich ziemlich beliebig (bis auf einen guten über den Iran)
    5. den eigenen Ansprüchen an den Inhalt ist man wirklich nicht gerecht geworden

    Ein bisschen, als hätten die Berliner Praktikanten der "neon" eine eigene Ausgabe gestaltet.

    Schade,
    toni

    • ikatya
    • 01. Juni 2014 9:03 Uhr

    Mich als deutsche Geborene sich aber europäisch Fühlende spricht ein Magazin mit dem Titel "The Germans" nicht an. "Europeans in Germany" o.ä. wäre da weiß Gott treffender. Und: Warum schon wieder diese An­g­li­sie­rung? Der europäische Gedanke stammt aus ursprünglich aus dem Französischen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Blog | Cicero | Ehrenamt | Neon | Smartphone | China
  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service