Maria Exner, Redakteurin im Ressort Lebensart:

Ich glaube es liegt an den kleinen Flakons, die mein Vater in den frühen Neunzigern von Geschäftsreisen mitbrachte. Parfums und Geschäftsreisen nach London oder Chicago – beides fand ich damals, kurz nach der Wende, sehr aufregend. Tropfenweise entließ ich Shalimar , LouLou , Opium und Ça sent Beau aus ihren Fläschchen. Mit ihnen strömte die große Welt erwachsener Frauen ins Zimmer.

Parfum, finde ich seitdem, ist ein aufregender, intimer Genuss, mit dem sich hervorragend experimentieren lässt. Ich habe eigentlich nie mehr als zwei Düfte gleichzeitig. Aber die wechseln regelmäßig. Eine feste, lebenslange Bindung an ein einziges Parfum? Kommt nicht infrage.

Ein Duft spiegelt doch das Verhältnis zum Ich. Und das verändert sich. "Wer bin ich und wenn ja wie viele?" Das lässt sich allein anhand der Parfumauswahl beantworten.

Mit 13 wünschte ich mir Cool Water for Women . Eine Hommage an die Jungs aus der Oberstufe, die im Sommer mit einem gelben VW-Transporter an die Atlantikküste zum Surfen fuhren. Im Traum fuhr ich mit. Cool Water sollte dieses abenteuerlustige, burschikose Mädchen hervorbringen – ein kläglicher Versuch, aber was wusste ich schon von Parfums. Zu welchen Teilen Mann und Frau ich gerade sein wollte, das sollte der Duft für mich ausdrücken. Ich beneidete damals meine Schulfreundin Hannah, die so selbstbewusst war (und genug Taschengeld hatte) und She von Armani trug. Halb erdrückt von Bergamotte und Jasmin kam sie täglich in die Schule. Egal. She roch einfach nach einer mutigeren Antwort auf die Wer-bin-ich-Frage als Cool Water und Laura .

In dieser Hinsicht waren die Unisex-Düfte von Calvin Klein eine Offenbarung. CK Be . Ich hatte mir die Haare abgeschnitten, hörte mit meinem Freund dEUS und die Smashing Pumpkins, er spielte traurige Musik auf der Gitarre und las Dostojewski. Wir trugen beide dasselbe Parfum. Das hieß Gleichberechtigung statt stereotyper Rollenverteilung.

Irgendwann später kam dann J'Adore . In gewisser Hinsicht wird man ja durch die Sillage eines Duftes, der wirklich passt, erst zur öffentlichen Person. Als mich Menschen außerhalb meines Freundeskreises, in der U-Bahn, in Bars plötzlich auf mein Parfum ansprachen, bedeutete das: Es gab mich als Person in der Welt. Die pudrige, lieblich-kantige Weiblichkeit von J'Adore war Speerspitze und Schild für mein gerade erwachsenes Ich.

Eine relativ langfristige Beziehung führe ich nun schon seit ein paar Jahren mit Narciso Rodriguez' For Her . Ein herrlicher Duft für ein Ich mit weniger Fragen und mehr Selbstverständlichkeit. Aber so langsam werde ich unruhig, denn For Her bekommt etwas Funktionales. Neuerdings treiben mich Parfums mit Feige um und mit Vetiver und Oud, von Jo Malone – aus London. Da fahre ich manchmal beruflich hin.