So erklärt sich, dass die Parfumerie als einzige Kunst noch immer einer Patronage unterworfen ist, die eigentlich schon seit 200 Jahren als überkommen gilt. "Auftraggeber gebieten, ihm (dem Werk) durch untergebene Schaffende alles an Inhalten aufzufrachten, was der Mit- und Nachwelt kundgetan werden soll. Das ist kein 'Künstler', der ein Werk 'kreiert', sondern ein Patron, der es durch seine Beauftragten in die Feder diktieren lässt." So beschreibt der Wiener Kunstsoziologe Gerhardt Kapner die kreativen Produktionsbedingungen von der Antike bis in die Barockzeit. Für die Parfumbranche könnte es noch heute gelten. Die bürgerliche Revolution, die Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer sozialen Autonomie der Künstler, ihrer Selbstvergewisserung und Entwicklung freischaffender Arbeitsformen führte, kam zu früh für die Parfumeure. Aber ihre Zeit ist jetzt.

Was sich in den vergangenen 30 Jahren schon zaghaft andeutete, ist seit der Jahrtausendwende offensichtlich: Viele junge Parfumeure suchen nach einem eigenen Ausdruck, unabhängig von künstlerischer Patronage. Mit ihren selbstständigen Nischenmarken treffen sie den Geschmack eines wachsenden Publikums, das ebenfalls nach eigenem Ausdruck sucht. Es treffen sich Individualität in der Produktion und der Rezeption, wie damals im viktorianischen Maßanfertigungsatelier, als sich Lord und Lady ein neues Eau de Toilette anpassen ließen.

Aber es muss nicht gleich der maßgeschneiderte Duft sein. Es genügt schon ein wenig Verständnis für Parfums und ihre Künstler, um etwas Passendes und Besonderes zu finden. Mit unserem Themenschwerpunkt Duftnoten – Alles über Parfum möchten wir auf ZEIT ONLINE ein Bewusstsein dafür schaffen.

Wir waren in Grasse, wo Rohstoffe aus aller Welt zu feinsten Ölen verarbeitet werden, folgen ihrer Spur nach Paris , wo daraus ein neuer Duft für Lancôme entsteht, besuchen die Meisterparfümeure von Hermès und Chanel an ihrem Arbeitsplatz, werfen ein Licht auf das Phänomen der Promiparfums und einen Blick auf den internationalen Parfummarkt. Welche Rolle spielt das Internet in der Erstarkung künstlerischer Selbstständigkeit und der Ausbildung einer Parfumkritik? Wir wollen den Geruchssinn schärfen für Nischenmarken, die sich keine opulenten Werbeanzeigen leisten können, sondern ihr ganzes Kapital in die Entwicklung feiner Kompositionen stecken. Und wir stellen uns dem Schwierigsten im Umgang mit Parfum: Wir versuchen Worte für unsere Lieblingsdüfte zu finden.

Wenn sich unsere Begeisterung auch auf Sie überträgt, ist Weihnachten gerettet.