ParfumWir sollten besser riechen

Duft ist die erste Botschaft an unser Gegenüber. Warum schenken wir ihm nicht mehr Beachtung? Es ist Zeit, Parfum als Kunst zu verstehen. von 

Flakons des französischen Parfumhauses Lubin

Flakons des französischen Parfumhauses Lubin  |  © Christian Charisius/dpa

Es geht schon wieder los. Jeder freie Kaufhausquadratmeter wird mit Sonderangebotstischen zugemöbelt. Oh, du Parfum, so weit die Nase riecht. Die Festtage kündigen sich an, und es verbreitet sich das zwanghafte Gefühl, dass es unterm Baum auf keinen Fall nach Tanne, Kerzenwachs und Mandelkern duften darf. Rund ein Viertel ihres Jahresumsatzes macht die Parfumbranche allein im Dezember: Die Geschenkenot der Kunden ist groß, aber ihr Interesse an guten Düften leider gering.

Es gibt wohl kaum ein Accessoire, das so beliebt ist wie Parfum und doch so sträflich vernachlässigt wird. Der bürgerliche Habitus hat sich in den vergangenen 200 Jahren wunderbar geformt, wir lesen die passenden Medien, hören die passende Musik, schauen die passenden Filme, tragen die passende Kleidung, sitzen im passenden Wohndesign. Durch stilbewusste optische und akustische Signale teilen wir uns der Welt mit. Über den oft beschworenen ersten Eindruck entscheidet allerdings weder das eine noch das andere, sondern die olfaktorische Botschaft. Unser Eigengeruch ist die erste und unmittelbare Auskunft an unser Gegenüber. Wem es um individuelles Raffinement geht, der darf sich nicht mit dem zufrieden geben, was Hugo Boss oder Jil Sander für ein Millionenpublikum entworfen haben.

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Zum Ausdruck persönlicher Einzigartigkeit hat sich der Mensch seit jeher der Künste und des Handwerks bedient. Feine Stoffe, gutes Leder und deren hochwertige Verarbeitung erkennen wir mittlerweile mit bloßem Auge. Ob eine Popballade kitschig ist, hören wir an den sülzenden Geigen. Aber die Qualität einer Parfumkomposition können wir nicht beurteilen. Es fehlen die Kriterien, die Vokabeln und auch die Einblicke in die Arbeitswelt des Parfumeurs.

Duftnoten – Alles über Parfum

In einem Themenschwerpunkt widmen wir uns der Kunst des Parfums, weil über Duft viel zu wenig geschrieben und gesprochen wird. Die Serie Duftnoten – Alles über Parfum auf ZEIT ONLINE will das Bewusstsein für Parfums schärfen und einen kritischen Diskurs über eine vernachlässigte Kunstform anregen.

Wie entsteht ein olfaktorisches Meisterwerk? Wer sind die Meister hinter den großen Klassikern? Mit welchen Worten kann ich meinen Lieblingsduft beschreiben? Und welche olfaktorischen Schätze gibt es abseits der bekannten Marken zu entdecken?

Der Schwerpunkt

Bisher erschienen:

Essay: Wir sollten besser riechen

Glossar: Von Absolue bis Zibet

Parfum-Portale: Im Netz duftet's

Jean-Claude Ellena: Zu Besuch beim Herrn der Düfte

Parfum-Rohstoffe: Wie kommt die Natur in die Flasche?

Ironiefreie Zone: Parfum, das einzig wahre Accessoire

Die Top Ten: Duftempfehlungen von Luca Turin

Im Labor bei Chanel: Der Parfumeur Christopher Sheldrake

Parfum-Erfahrungen: Mein Duft und ich

Weltmarkt Parfum: Welche Düfte verkaufen sich wo am besten?

Der junge Wilde: Der Pariser Parfumeur Francis Kurkdjian

Promiparfums: Popstars aus der Flasche

Meister des Orients: Serge Lutens erklärt die wahre Weihnachtsgeschichte

Müssen gute Parfums teuer sein? Dominique Ropion im Interview

In loser Folge ab Mai 2013:

Nischenparfums – Kleine Firmen mit großem Bouquet

ALS E-BOOK

Die Serie Duftnoten - Alles über Parfum gibt es auch als E-Book. Gehen Sie auf Entdeckungsreise in die Welt des Parfums in dieser für Ihren eReader hochwertig aufbereiteten Fassung. Unser E-Book steht Ihnen dabei als EPUB-Version für Ihren eReader, sowie als MOBI-Version für Ihr Kindle Lesegerät von Amazon zur Verfügung.

Entdecken Sie auch weitere E-Books von ZEIT ONLINE unter www.zeit.de/ebooks.

Eine Kunst wie Malerei oder Literatur

"Die kunstvolle Komposition eines Parfums besteht im durchdachten und bewussten Zusammenfügen von Duftnoten mit dem Ziel, Einheit, Harmonie und Bedeutung in diesem Verbund zu finden", schrieb der große Parfumeur Edmond Roudnitska in den siebziger Jahren. Er war selbstverständlich davon überzeugt, dass Duftschöpfung nicht bloß Handwerk, sondern Kunst ist. Die Parallelen zur Musik, Malerei oder Literatur sind nicht von der Hand zu weisen. Jean-Claude Ellena zum Beispiel, heute Chefparfumeur von Hermès, spricht von einer Duftsemantik, in der er Signifikanten zu Akkorden zusammenfügt. Seine Parfums nennt er entweder Gedichte, Kurzgeschichten, Novellen oder Romane, je nach Komplexität. Und immer wieder sind es Töne, Farben, Nuancen, die seinen Düften Gestalt geben. Woran liegt es nur, dass Parfumkomposition keine gesellschaftlich anerkannte Kunst ist, dass ihre Analyse, Kritik und Geschichte bisher nicht an Konservatorien, sondern nur in abgeschiedenen Zirkeln verhandelt wird?

Die Kunst ist noch jung, das mag eine Entschuldigung sein. Zwar gehört Parfum schon seit Jahrtausenden zur religiösen Kultur – per fumum , durch den Rauch kommunizierte man mit dem Jenseits. Des Weiteren überdeckten Duftöle missliebige Körpergerüche. Im späten 18. Jahrhundert, als sich der Adel schon zu waschen wusste, fand Parfum sogar seinen Selbstzweck als Duftaccessoire. Aber die Welt der Kunst öffnete sich erst mit der Entwicklung der synthetischen Chemie Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus den Laboren strömten plötzlich nie gekannte Gerüche. Düfte, die in Wäldern und auf Wiesen nicht zu finden waren. Moleküle, die genauso rochen wie teure Exotika, aber aus einheimischen Pflanzen isoliert werden konnten. Parfumeure lernten, abstrakt zu denken, und nicht bloß Rosen und Narzissen zu etwas Hübschem zu mischen.

© ZEIT ONLINE

Subjektivierte Natur im Flakon

Der Gelehrte Wilhelm von Humboldt schrieb, Kunst sei die Darstellung der Natur durch die Einbildungskraft. Der österreichische Kunstmäzen Otto Mauer fügte hinzu: "Das Kunstwerk ist transformierte, vergeistigte Natur, unendlich mehr als Abklatsch und Wiedergabe derselben." Auf welche Disziplin ließe sich das trefflicher anwenden als auf das Parfum. Nicht nur basieren die meisten Düfte, seien sie synthetisch oder natürlich, auf dem Vorbild bestimmter ätherischer Öle. Noch dazu schafft der moderne Duftkomponist ein olfaktorisches Abbild der erlebten Welt, sei es ein Jahrmarkt (Thierry Mugler/ Angel ), ein frisches Laken (Estée Lauder/ White Linen ), Kinderhände voller Butterkeks (Serge Lutens/ Jeux de Peau ) oder eine Nacht im Kiefernwald (Annick Goutal/ Nuit Etoilée ). Er subjektiviert das Reale und gibt ihm einen persönlichen Ausdruck: Die Natur rinnt durch den Künstler in den Flakon.

Die Persönlichkeit eines Duftkomponisten ist allerdings dort nicht von Interesse, wo es um die Persönlichkeit einer Marke geht. Giorgio Armani , Stella McCartney oder Calvin Klein stehen im Vordergrund und die Illusion, sie selbst würden ihre Parfums mischen. Dass wir also kaum etwas von den Parfumeuren wissen, hat schlichtweg ökonomische Gründe. Die Kosmetikkonzerne verkaufen Produkte. Künstler und deren möglicherweise selbstbewusste Poetik sind da nur im Weg. Parfumeure haben in diesem Geschäft lediglich den Status des Zulieferers, ohne Recht am eigenen Werk.

Leserkommentare
    • match
    • 29. November 2012 14:46 Uhr
    33. Arm...

    was ist ihrer Meinung nach die Kernkompetenz der Zeit? Und warum in allerhergottsnamen sind sie nicht Chefredakteur? Hinterfragen sie ihre Forderungen auch mal? Die Rubriken (Politik, Wirtschaft,...) können sie anklicken (linke Maustaste) dann kommen sie zur Kompetenz

    Antwort auf "Liebe Zeit..."
  1. werden zum Grossteil aus synthetisch hergestellten Aromastoffen hergestellt, weil es gar nicht genug aetherische Oele gibt, um den Bedarf zu decken, und weil das Naturprodukt nicht immer gleich und damit vorhersagbar riecht. Wobei die Firmen Testbatterien laufen lassen mit gleichzeitig Hunderten von Reagenzglaesern,die haben fuenf Dutzend (kuenstlich hergestellte) Himbeer-Varianten zur Auswahl, als Beispiel.

    Mir wird von diesen synthetischen Stoffen uebel. Und Parfuems enthalten auch Stoffe, die fuer die Verbreitung der Aromen sorgen (die "Wolke", die sich ausbreitet), sowie dafuer, dass der Geruch lange haelt, was ein natuerliches Oel nicht tut, denn natuerliche Aromen sind fluechtig.

    Auch mir hat man in einer kleinen Spezial-Parfuemerie weismachen wollen, dass bestimmte Marken (Etro) nur natuerliche Stoffe verwenden, aber dem ist nicht so!!
    Kein Markenparfuem kommt ohne Synthetik aus, und alles, was wir kaufen, von Lebensmitteln ueber Shampoo bis zu Putzmitteln ist damit schon mehr als gesaettigt.

  2. Obwohl es natürlich sinnvoll ist, mitten im medialen Trommelfeuer der täglichen Horrormeldungen aus aller Welt, dem damit einhergehenden Abstumpfen und/oder Ohnmachtsgefühl mal Schönheit zum Thema zu machen.

    Bei Parfüm allerdings fehlt mir persönlich das Verständnis, vielleicht auch nur der Geruchssinn. Aber wenn es wer genießen kann, soll sie/er das einfach tun, eben jede/r nach ihrem/seinem Flakon.

    Folgen der wegen Tarnung manchmal falschen Partnerwahl sollten sie/ihn dann aber nicht erstaunen.

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    • Skyejet
    • 29. November 2012 15:49 Uhr

    Ich nehme schon an, dass Sie im laufe des näheren kennenlernens eines anderen Menschen durchaus in den Genuss kommen werden, ihn/sie auch ohne "künstliche Wolke" erschnuppern zu können. ;) Ansonsten ist die weitere Beziehung eh zum scheitern verurteilt.
    Ich persönlich mag einen guten Duft durchaus zu schätzen und bin auch der Meinung, dass er erst in Verbindung mit dem natürlichen Eigengeruch seine volle Wirkung entfaltet.
    Ein übersprühen des natürlichen Eigengeruchs, wie hier von vielen vorgeworfen, ist eigentlich gar nicht der Sinn eines gut verwendeten Dufts. Aus diesem Grunde ist es ja auch so wichtig, sich das passende auszusuchen und es dann auch besser dezent einzusetzen. Dabei ist der Faktor, was einem an einem selbst gefällt (gerade auch nach einiger Zeit nach dem Auftragen ein Duft verändert sich ja auch mit der Tragedauer und wird nicht einfach nur schwächer) meiner Erfahrung nach immer noch der beste Indikator.
    Gerade die Düfte, die mir Spaß gemacht haben, die ich an mir selbst genossen habe und mit denen ich mich rundum wohl fühlte, waren auch die, für die ich die meisten Komplimente bekommen habe.

  3. Redaktion

    Über Ihr Interesse freue ich mich sehr. Im Netz gibt's ja nichts, was es nicht gibt. Morgen soll Ihre Frage in einem neuen Artikel beantwortet werden. Herzliche Grüße aus der Redaktion!

    Antwort auf "Abfüllungen"
  4. Erstaunlich, ich dachte, wir sollten unsere Empathiefähigkeit steigern, tolerant und respektvoll mit anderen Menschen umgehen, eine offene und bunte Gesellschaft aufbauen, soziale Missstände beseitigen, ungerechte Globalisierung anprangern, lieben und leben und zu uns stehen ohne die vorgefertigten Meinungen der Medien und dem Druck der Konsumindustrie- sofern das überhaupt noch möglich ist.

    Die ZEIT ist nun aber der Ansicht, "wir sollten besser riechen". Na schönen Dank! Sowas gehört nicht auf Seite 1 der Onlinepräsenz. Ich erwarte mehr von einer Zeitung als das Weihnachtsgeschäft der Parfümindustrie anzukurbeln!
    Traurig, wenn ich mich nur durch Make- Up und Parfüm morgens gestärkt genug fühle um das Haus zu verlassen. Bitte etwas mehr kritische Betrachtung statt Verherrlichung unserer Kulturpraktiken!

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    Redaktion

    sind Ihrer Meinung nach also zu vernachlässigen. Das mag Ihre Meinung sein. Als Kulturjournalistin muss ich Ihnen natürlich widersprechen. Wieviel an Ihrem Leben ist kulturbedingt?

  5. Auch Tiere "parfümieren sich", wenn sich die Gelegenheit bietet - wie jeder Hundehalter weiß.

    Mein Schäferhund wälzt sich ausgeprochen genüßlich in toten Igeln. Die Nachbarhündin bevorzugt eher Eau de Gammelkaninchen.

    Es gibt bislang keine wissenschaftliche Erklärung für dieses Verhalten. Scheint den Viechern aber großes Vergnügen zu bereiten.

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    >>Es gibt bislang keine wissenschaftliche Erklärung für dieses Verhalten. Scheint den Viechern aber großes Vergnügen zu bereiten.

    Nein? Ich dachte immer, das diene dazu, den eigenen Geruch zu übertünchen, um die Jagdbeute zu verwirren und um nicht als Jäger erkannt zu werden (Irgendwie gibt's da Parallelen zum menschlichen Parfum...)

    Im Übrigen sind tote Igel und Kaninchen da ja noch recht "harmlos". Mein Tibet Terrier hat sich ganz gerne mal mit anderen tierischen und menschlichen Hinterlassenschaften parfümiert.

  6. Schonmal in die Nähe junger Herren gekommen?
    Ab 12 Jahren geht es los mit parfümiertem Haargel,
    ganz viel AXE (gefühlte 20 Sorten ) und allgegenwärtigem Kaugummigeruch.
    Nie war es einfacher, die massenhaften Unsicherheiten und Minderwertigkeitskomplexe Prä- und Vollpubertierender Jungs mit Geruchsbombardement so überzeugend zu kaschieren.
    So riecht die Pubertät der Neuzeit.

  7. Einen Genuss am hören von Musik kann ich Sittichen und Papageien nicht absprechen. Mein Rotmaskensittich stand auf Michael Jackson und war verliebt in den Song Bad. Er ließ sich durch das Abspielen des Albums beruhigen und "schubberte" sich dabei am Lautsprecher. Das war in meinen Augen Genuss pur! Weiteren puren Genuss an Musik zeigen die Filmchen:

    Auf youtube gibt es Filmchen mit rockenden Vögeln:

    http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    Zudem werden Klingeltöne immer öfter von Vögeln nachgemacht, wobei das Singen fremder Töne ihrer Natur entspricht und manchmal als Täuschungsmanöver dient:

    http://www.nabu.de/tiereu...

    Was meinen Genuss am Parfüm angeht, so nutze ich keines. Ich wasche mich lieber. Für meinen Eigenduft schäme ich mich nicht.

    Antwort auf "Kluge Tiere"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Haha, ich wusste, dass so ein Kommentar kommt. Als Musikwissenschaftlerin ist mir wohl bekannt, wie Tiere auf Musik reagieren. Ein Orchester aus Laubenvögeln fänd ich auch schön. Nein, im Ernst. Die intellektuelle und emotionale Durchdringung der Tonkunst geht den Piepern aber wohl ab.

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